Der Asháninka-Anführer Benki Piyãko (mit rotem Shirt) bekämpft das Feuer im September 2023 mit der Hilfe von Feuerwehrmännern, die aus der Stadt Cruzeiro do Sul eingeflogen werden mussten. Foto: Eliane Fernandes

 

Die Folgen des Klimawandels im oberen Juruá, der Grenzregion zwischen Brasilien und Peru

Von Eliane Fernandes 

 

Als ich 2004 zum ersten Mal in die Region des oberen Juruá-Flusses nahe der brasilianisch-peruanischen Grenze reiste, war der Klimawandel dort noch kein wirklichesThema. Das größte Problem in der Ur-waldregion, in der ich Forschung betrieb, war die illegale Abholzung durch peruanische Firmen innerhalb des Asháninka-Territoriums am Amonia-Fluss. Dieses Gebiet liegt direkt an der brasilianisch-peruanischen Grenze.

 

Die Piracemas werden seltener
Nach etwa fünf bis sechs Jahren, als ich intensiveren Kontakt mit den lokalen Bewohner*innen am oberen Juruá hatte, hörte ich häufiger vom Wandel des Klimas, der für die lokale Bevölkerung – indigene wie nicht-indigene – immer deutlicher spürbar wurde. Zum Beispiel, dass die Piracemas, also die Wanderungen der Fische in größeren Schwärmen flussaufwärts, immer seltener wurden. Am oberen Juruá-Fluss gibt es verschiedene Arten von Piracemas: die der größeren Fischarten, die der Mandim (Pimelodus maculatus) und die der Schuppenfische. Als teilnehmende Beobachterin, wie es in der Ethnologie heißt, habe ich häufig an Ausflügen auf den Fluss teilgenommen und miterlebt, wie der traditionelle Fischfang in der Region ablief. Ich kann mich an die Klänge der Fische in den Netzen erinnern, die schriftlich schwer zu beschreiben sind. Und es waren viele. Nachts konnte man Hunderte, ja Tausende fangen. Das Netz war voll, und die Freude der Menschen groß. Es war ein richtiges Ereignis.

 

Reichtum und Sicherheit

Abends, während der Piracema-Zeit der Mandim, gingen wir häufig an den Strand, der sich in der Trockenzeit zwischen Juni und September am Flussufer bildet. Wir fingen Fisch, machten ein Lagerfeuer, kochten Maniok in ei-nem einfachen, mit Flusswasser ge-füllten Eisentopf, grillten den leckeren Fisch und aßen gemeinsam im Mondlicht unter dem Sternenhimmel. Für die Menschen wie den Asháninka-Anführer Benki Piyãko, den die GfbV bereits seit fast zwei Jahrzehnten unterstützt, bedeutete das Reichtum, aber auch Sicherheit. Denn man wusste, dass Essen auf den Tisch kommen würde – in den kleinen Ortschaften ebenso wie in indigenen und nicht-indigenen Gemein-schaften. Das galt als Segen der Natur. Solche Erfahrungen vergisst man nicht. Es ist etwas Gemeinschaftliches – Teil einer indigenen, aber auch einer nicht-indigenen Kultur, die sich vermutlich während der langen Bootsfahrten herausgebildet hat, als Menschen ohne Motor wochenlang am oberen Juruá unterwegs waren, um andere Orte zu erreichen.

Dies gehört bis heute zur Asháninka-Kultur am Amonia-Fluss in Brasilien. Noch immer unternehmen sie jeden Sommer, wenn die Wasserstände der Flüsse niedriger sind, mit ihren Familien (alt und jung) solche Reisen – auch um an die Zeiten zu erinnern, als sie mit kleinen Holzbooten wochenlang unterwegs waren, am Flussstrand ihr Lager aufschlugen, übernachteten und dann weiterzogen.

 

Nahrungsmangel und Unsicherheit
Heute sind die Piracemas und die Fische im Juruá und seinen Nebenflüssen deutlich seltener geworden, was für die indigene und nicht-indigene Bevölkerung ein ernstes Problem darstellt. Es bedeutet Nahrungsmangel, Unsicherheit für Familien und führt dazu, dass andere wirtschaftliche Aktivitäten zunehmen. Etwa illegale Abholzung, Jagd, eine Ausweitung der Viehzucht oder sogar der Einstieg in den Drogenhandel, um Geld für die Versorgung der Familien zu verdienen. Neben der Überfischung am unteren und mittleren Juruá-Fluss trägt auch die steigende Wassertemperatur dazu bei, dass die Fischbestände zurückgehen. Jedes Jahr erlebt man in Marechal Thaumaturgo, wie der Juruá in der Trockenzeit flacher wird – so niedrig, dass er an manchen Stellen nicht einmal mehr knietief ist und man diesen großen Fluss des Amazonasgebietes zu Fuß überqueren kann.

Während vor dreißig Jahren Boote Waren aus den größeren Städten bis in Grenznähe transportieren konnten, müssen heute viele Güter mit kleinen Flugzeugen in die Hauptorte dieser abgelegenen Region gebracht werden – was die Preise erheblich steigen lässt.

Waldbrand in Marechal Thaumaturgo im September 2023. Foto: Eliane Fernandes
Benki betrachtet erschöpft den Waldbrand, der auch sein Institut im Jahr 2023 betraf. Foto: Eliane Fernandes

 

Überschwemmungen zerstören Plantagen
Gleichzeitig häufen sich in den letzten Jahren im Bundesstaat Acre Überschwemmungen. Die Gefahr ist zwischen Januar und März am größten, so wie im Februar 2024, als Tausende ihre Plantagen verloren, ihre Maniok- und Bananenfelder, die einen zentralen Bestandteil der lokalen Ernährung darstellen. Diese Überschwemmungen hängen auch mit Abholzungen am Flussufer zusammen, welche die Ufererosion verstärken. Eine andere Beobachtung, von der ich häufig höre, ist, dass sich die Bäume eigenartig verhalten: Sie blühen und tragen zu anderen Zeiten Früchte. Der Asháninka-Vertreter Moisés Pi-yãko sagte mir einmal: „Früher orientierten wir uns daran, dass bestimmte Bäume blühten oder Früchte trugen, um jagen gehen zu können. Heute hat sich vieles geändert.“ Es ist nicht zu übersehen: Dieser Klimawandel beeinflusst nicht nur den Wald sowie Flüsse und Fische, sondern auch die Tiere, die in den Wäldern leben.
 

Überschwemmung am oberen Juruá im Februar 2024. Foto: Eliane Fernandes

Gefährliche Waldbrände
In der Trockenzeit zwischen Juni und September besteht zudem die GeFahr von Waldbränden, die häufig kriminellen Ursprungs sind: Besitzer*innen von Viehweiden legen Feuer, um ihre Flächen schnell und einfach zu vergrößern. Durch die lange Trockenperiode und begünstigende Winde kann sich das Feuer schnell verbreiten. Die Waldbrände gefährden das gesamte Ökosystem. Tiere, Insekten sowie verschiedene Baum- und Pflanzenarten werden innerhalb weniger Stunden vernichtet. Und in den abgelegenen Orten lassen sich große Brandflächen nur schwer kontrollieren. Eine Feuerwehr gibt es zum Beispiel in der Ortschaft Marechal Thaumaturgo nicht; sie muss erst aus der nächstgrößeren Stadt des Bundesstaats Acre, Cruzeiro do Sul, eingeflogen werden.

Im September 2023 beispielsweise gab es in Marechal Thaumaturgo so viele Waldbrände, dass der Bürgermeister den Notstand ausrief, die Regierung des Bundesstaats Acre alarmierte und um Hilfe bat. Auch das Institut Yorenka Tasorentsi von Benki Piyãko, in dem traditionelles Wissen mit modernen Techniken kombiniert wird, um den Regenwald zu schützen, litt unter den illegalen Feuern. Das Institut hat mittlerweile rund 1.600 Hektar Fläche aufgekauft und forstet diese wieder auf. Im Jahr 2023 fingen mehr als 100 Hektar davon Feuer wegen der Waldbrände, die sich schnell ausbreiteten.

Die GfbV-Referentin Eliane Fernandes begleitete Benki während der Waldbrände. Foto: Stella Ismene

 

Teufelskreis der Zerstörung
Der Klimawandel am oberen Juruá-Fluss wird durch die starke Abholzung der letzten Jahrzehnte im Amazonasgebiet befeuert. Ursächlich hierfür ist nicht nur die Holzwirtschaft, sondern auch eine Ausweitung der Viehzucht. Es handelt sich um einen Teufelskreis von Aktivitäten, die zur Zerstörung wichtiger Waldflächen und Wasserressourcen beitragen – Ressourcen, die für unseren Planeten zentral sind, deren Schutz jedoch aufgrund wirtschaftlicher Interessen schwer durchzusetzen ist. Waldflächen tragen zum Gleichgewicht der Erdtemperatur und zu sauberer Luft bei. Gewässer sichern das Überleben von Wald, Tieren und Menschen und helfen ebenfalls, Temperaturen auszugleichen.

Besonders gravierend ist, dass in Bundesstaaten wie Acre Politiker*innen wie der Gouverneur Gladson Cameli oder der Senator Márcio Bittar – Vertreter eines zerstörerischen brasilianischen Agribusiness – eine stärkere Expansion der Viehzucht oder des Sojaanbaus im Regenwaldgebiet propagieren. Es wird also weiter Wald gerodet, um den Profit einiger Großgrundbesitzer*innen zu erhöhen.

Benkis Sohn und junger Asháninka-Vertreter, Yowenki Piyãko mit dem Ergebnis der
Arbeit seines Vaters, dank der Fischzucht im Institut Yorenka Tasorentsi. Foto: Eliane Fernandes
Fisch, der im Institut Yorenka Tasorentsi von Benki Piyãko zur Nahrungssicherheit
der lokalen Bevölkerung produziert wird. Foto: Eliane Fernandes

„Um etwas zu zerstören, braucht es Sekunden.“
Der Asháninka-Anführer Benki Piyãko kämpft weiterhin dafür, der nicht-indigenen Bevölkerung wirtschaftliche Alternativen zu Holzeinschlag und Viehzucht aufzuzeigen, um die Naturressourcen am oberen Juruá zu schützen. Denn die Asháninka haben erkannt, dass es nicht ausreicht, nur das eigene Territorium zu erhalten: Auch die umliegenden Gebiete müssen geschützt werden.

Die  Asháninka  sind  überzeugt:
„Wenn es unseren Nachbarn schlecht geht und sie nichts zu essen haben, werden sie Nahrung und Ressourcen in unserem Territorium suchen und es invasieren.“ Der Asháninka-Anführer Benki Piyãko sagte mir einmal: „Um etwas zu zerstören, braucht es Sekunden. Aber um es wiederaufzubauen, braucht es viel Zeit”. Die investieren er und sein Team des Instituts Yorenka Tasorentsi mittlerweile auch, um Fischzucht zu betreiben und dem Fischmangel in den Flüssen, Nebenflüssen und Seen etwas entgegenzusetzen.     

 

[Info]
Eliane Fernandes ist Referentin für Indigene Völker bei der GfbV.
 


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