Bildnachweis Titel:Eine Frau geht durch den früheren Sharafkhaneh-Hafen im Nordosten des Urmia-Sees, der mittlerweile komplett trocken liegt. Er ist ein Sinnbild der iranischen Wsserkrise, in der die Erderwärmung und politisches Missmanagement zu einem "hydropolitischen Kollaps" geführt haben. Das Foto stammt aus dem Langzeitprojekt "The Eyes of Earth" der iranischen Fotografin Solmaz Daryani. Foto: Solmaz Daryani/Wikipedia BY-SA 4.0

Liebe Leser*innen,

die Zeitschrift der GfbV erscheint dieser Tage zum 350. Mal. Das ist nicht nur ein Geburtstag, ein Jubiläum gar, sondern auch eine Zahl, die für unsere Klimasicherheit steht. Sie geht auf den US-amerikanischen NASA-Forscher James E. Hansen zurück, der 2008 in einer Studie veröffentlichte, dass der Kohlenstoffdioxid-Gehalt in der Erdatmosphäre den Wert von 350 parts per million (ppm) nicht dauerhaft überschreiten dürfe. Wie andere vormalige Klimaschutzziele ist die Schwelle bereits überschritten: Aktuell ächzt die Erde unter 420 ppm, mit spürbaren Folgen: Laut Climate Risk Index haben in den vergangenen 30 Jahren insgesamt 9.700 klimabedingte Extremwetterereignisse rund 832.000 Menschenleben weltweit gefordert und wirtschaftliche Schäden in Höhe von etwa 4,5 Billionen US-Dollar (inflationsbereinigt) angerichtet (S. 10).

Die aktuelle „Für Vielfalt“-Ausgabe schaut in mehreren Regionen genau-er hin, berichtet von Fischarmut und Waldbränden an der Grenze zwischen Brasilien und Peru (S. 22), Wasserknappheit und Sturzfluten in Nepal (S. 46) und davon, wie der Klimawandel die Gewalt im Sudan verstärkt (S. 20). Die Menschheit leidet an sich selbst, weil sie ungezügeltem Wachstum und rücksichtslosem Konsum verfallen ist. Habgier nennt dies der Jurist, Dummheit die Philosophin. Beides ist auf der Welt ungleich verteilt.

„Die historische Verantwortung des Globalen Nordens ist eine unumstößliche Tatsache und das ethische Fundament der Klimagerechtigkeit“, stellt Prof. Dr. Walter Leal im Interview (S. 16) klar. Und weiter: „Der Klimawandel wirkt wie ein Verstärker jeder bestehenden sozialen, wirtschaftlichen und politischen Ungleichheit.“ Das macht die globale Erwärmung automatisch zu einem Gerechtigkeits-und GfbV-Thema. Denn es sind die Martins aus Buxtehude und Sarahs aus Harpers Ferry, die leben, als gäbe es kein Morgen mehr. Und die mit jedem neuen Handy, Fernseher, Auto den Guna-Anführer Blas ebenso aus seinem Zuhause auf Gardi Sugdub vertreiben wie die für die Asháninka so wichtigen Fische aus dem Juruá-Fluss. Der Journalist und Autor Claus Biegert sieht uns wohl nicht ganz zu Unrecht „mitten in einem Krieg gegen die Natur“. Haben wir in unseren jahreszeitenunabhängig temperierten Wohnungen getrieben vom nächsten To-Do also uns selbst und den Kontakt zur Welt verloren? Probieren Sie es doch einmal aus und halten Sie Ihre Füße ins nächste Gewässer, bevor Sie weiterlesen. Und wenn Sie sich fragen, ob es am Wochenende ins Kino oder Restaurant gehen soll, wählen Sie den Wald.
 

Eine gute Lektüre und viele Impulse wünscht ...

Holger Isermann

 

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