Hinweis zum Sprachgebrauch in älteren Beiträgen
Der folgende ältere Beitrag kann Sprache und Formulierungen enthalten, die heute nicht mehr den Ansprüchen einer diskriminierungsfreien und sensiblen Ausdrucksweise entsprechen. Er wurde im historischen Kontext verfasst und bewusst unverändert gelassen, um unsere jahrzehntelange Menschenrechtsarbeit zu dokumentieren.
Liebe Leserin, lieber Leser,
erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Schultag? An dieses aufregende Gefühl: Endlich geht es los! Die von meiner Mutter gebastelte Schultüte mit dem Großen Panda in den kleinen Händen, konnte ich es kaum erwarten, lesen, schreiben und rechnen zu lernen. Zugegeben, meine Motivation, die Schulbank zu drücken, hat im Laufe der Jahre phasenweise immer mal wieder ein bisschen nachgelassen. Aber im Großen und Ganzen bin ich gerne zur Schule gegangen.
Bei den Vorbereitungen, Recherchen und Gesprächen zu dieser Ausgabe haben sich mir neue Perspektiven auf das Thema Schule eröffnet. So habe ich mich immer wieder gefragt, was das für ein Gefühl sein muss, in der Schule nicht die Sprache meiner Eltern, meiner gewohnten Umgebung, meiner Heimat zu lernen. Ich kann es mir nicht vorstellen.
Ethnische und religiöse Minderheiten sowie indigene Gemeinschaften kennen dieses Gefühl – nicht aus der Vorstellung, sondern aus der Realität. Extremfälle waren sicher die Residential Schools, etwa in den USA, Kanada, oder in Russland. In diesen Internaten sollten indigene Kinder umerzogen werden. Es war ihnen verboten, ihre Muttersprache zu sprechen, ihre Religion zu leben, ihre Kultur aufrechtzuerhalten. Wer gegen diese Ungerechtigkeiten aufbegehrte, wurde brutal bestraft.
In dieser Form gibt es diese Umerziehungsschulen heute zum Glück nicht mehr. Trotzdem bleibt es ein Balanceakt, was ein Kind in der Schule lernen soll und was nicht. Indigene Gemeinschaften und Minderheiten wollen, dass ihre Kinder Schulen besuchen. Lesen, schreiben und rechnen zu können, ist die Grundlage für ein selbstbestimmtes Leben und das Eintreten für die eigenen Rechte.
Gleichzeitig dürfen die Lehrinhalte die eigene Kultur jedoch nicht überlagern. Die Sorben in Deutschland stellen in letzter Zeit zum Beispiel mit Schrecken fest, dass ihre Kinder nach den ersten Schuljahren weniger Sorbisch sprechen, als noch vor Schuleintritt. Die Schule als Verlernort? Dabei trägt gerade die eigene Sprache viel zur eigenen Identität, dem eigenen Selbstverständnis, dem eigenen Glück bei.
In Japan gehen zwei Schulen mit gutem Beispiel voran: Hier lernen indigene gemeinsam mit nicht-indigenen Kindern sowohl über die Ainu-Sprache und Kultur, als auch Schrift und Sprache der Mehrheitsgesellschaft: Japanisch. Mit diesem ausgeglichenen Lehrplan wollen die Schulen das gegenseitige Verständnis fördern.
Schulen legen eben nicht nur den Grundstein für ein selbstbestimmtes Leben, sondern auch den Grundstein für ein friedliches Miteinander. Irgendwann sollte jeder junge Erwachsene zufrieden auf seine Schulzeit zurückblicken können. Auf dem Weg dahin wollen wir gerade Minderheiten, unterdrückte Nationalitäten und indigene Völker begleiten – auch mit dieser Ausgabe.
Ich wünsche Ihnen eine spannende Lektüre!
Herzliche Grüße
Johanna Fischotter
Redakteurin
aus „bedrohte Völker – pogrom“ Nr. 310, 01/2019
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