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Editorial: Flüchtlinge und Migranten in Deutschland

Editorial: Flüchtlinge und Migranten in Deutschland

Hinweis zum Sprachgebrauch in älteren Beiträgen

Der folgende ältere Beitrag kann Sprache und Formulierungen enthalten, die heute nicht mehr den Ansprüchen einer diskriminierungsfreien und sensiblen Ausdrucksweise entsprechen. Er wurde im historischen Kontext verfasst und bewusst unverändert gelassen, um unsere jahrzehntelange Menschenrechtsarbeit zu dokumentieren.

Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser,

Jetmir kam mit seinen Eltern als Baby nach Deutschland. Mit 21 wurde er allein in den Kosovo abgeschoben – in ein für ihn fremdes Land. Wir kämpften für ihn, bis er zurückkehren konnte. Nun ist er endlich wieder zuhause, macht eine Ausbildung als Bäckereifachverkäufer und ist frisch verheiratet.

Jeden Tag rufen uns besorgte Flüchtlinge an. Sie wenden sich mit vielen Sorgen an uns. Egal, ob ein beängstigender Brief von der Behörde eingetroffen ist, die Kinder in der Schule Probleme haben oder es schlimme Nachrichten aus der Heimat gab: Wir haben ein Ohr, trösten vielfach, übersetzen, stellen Anwälten Hintergrundinformationen zur Verfügung, arbeiten eng mit anderen Flüchtlingsunterstützern zusammen, schreiben Stellungnahmen für Gerichte.

Vor einem Jahr sind Hunderttausende Flüchtlinge zu uns gekommen, viele von ihnen gehören Minderheiten an oder sind vor Verbrechen gegen die Menschlichkeit geflohen. Dieses Ereignis hat auch unsere Arbeit verändert: Wir betreuen seitdem mehr Einzelfälle und versuchen mehr denn je, drohende Abschiebungen zu verhindern. Für uns stehen sowohl die von Abschiebung bedrohten langjährig geduldeten Roma und ihre hier geborenen und aufgewachsenen Kinder, als auch Yeziden, Assyrer/Aramäer, Tschetschenen oder Eritreer stellvertretend für die Gruppe, der sie angehören. Uns als Menschenrechtsorganisation liegt es am Herzen, geflüchteten Menschen, die uns um Hilfe bitten, Hindernisse aus dem Weg zu räumen, mit denen sie in einem für sie fremden Land zu kämpfen haben.

Doch auch viele andere deutsche Organisationen und Initiativen setzen sich für Flüchtlinge ein. Sie geben ihnen eine Stimme – und das oft auf ganz kreative Weise: So fährt seit März dieses Jahres eine Straßenbahn durch Düsseldorf, die von jungen Flüchtlingen gestaltet wurde. In München kümmern sich Margit Papamokos und ihr Team von der Kunstwerkstatt um geflüchtete Kinder und Jugendliche. Vor allem Kinder sind oft nicht in der Lage, über Krieg und Flucht zu sprechen. aber sie können ihre Erlebnisse malen. Im Kreis Rendsburg-Eckernförde gibt der Verein Umwelt Technik Soziales Flüchtlingen mit der Zeitschrift ASADI die Möglichkeit, von sich zu erzählen. All diese Initiativen stehen stellvertretend für so viele tolle Projekte, die versuchen, geflüchteten Menschen das Ankommen bei uns zu erleichtern und sie in unsere Gesellschaft zu integrieren. Mit den Hunderttausenden Flüchtlingen verstärkten sich jedoch auch die Ängste in der deutschen Bevölkerung. Sie gipfeln leider auch zunehmend in fremdenfeindlichen Übergriffen.

Allen Unkenrufen zum Trotz ist Deutschland seit mehr als 70 Jahren ein Einwanderungsland. Türkische, italienische oder griechische Gastarbeiter, vietnamesische Bootsflüchtlinge, russlanddeutsche Aussiedler und Spätaussiedler leben heute in der Mitte unserer Gesellschaft. Und auch die „neuen“ Flüchtlinge werden in naher oder ferner Zukunft Teil unserer Gesellschaft sein – wenn wir aufeinander zugehen!

Ihre Jasna Causevic

Referentin für Südosteuropa

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