Die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) warnt vor einem neuen Krieg im Nahen Osten. US-Präsident Donald Trump hatte zunächst am Rande des G7-Gipfels in Frankreich angekündigt und dann wiederholt, dass Syrien im Libanon gegen die vom Iran unterstützte libanesische Hisbollah kämpfen werde.
„Syriens Machthaber al-Scharaa hat Trumps Vorschlag zwar zurückgewiesen, vieles spricht jedoch dafür, dass der Anführer der syrischen Islamisten gerne gegen die verhassten Schiiten im Libanon kämpfen würde. Sollte er grünes Licht von den USA, der Türkei und Katar erhalten und sollte Israel nicht widersprechen, droht ein neuer Krieg“, sagt der GfbV-Nahostreferent Dr. Kamal Sido heute in Göttingen. Die vom Iran unterstützte schiitische Hisbollah hatte jahrelang an der Seite des syrischen Diktators Baschar al-Assad gegen sunnitische Islamisten und andere syrische Oppositionsgruppen gekämpft.
„Ob Trump diesen Vorschlag wirklich umsetzen will, ist fraglich. Es gibt jedoch Berichte, dass bereits einige radikale Islamisten aus Syrien die libanesische Grenze überquert haben und sich im Norden des Libanon befinden. Ein neuer Krieg zwischen Syrien und dem Libanon würde für beide vom Krieg erschütterten Länder eine weitere Katastrophe bedeuten. Insbesondere für Minderheiten wären die Folgen verheerend“, betont der Nahostreferent. Die Bundesregierung und andere NATO-Regierungen haben sich bislang nicht zu Trumps Plänen geäußert. Die Bundesregierung müsse Syrien unmissverständlich auffordern, jegliche Einmischung in die libanesischen Angelegenheiten zu unterlassen.
Im Libanon leben insgesamt sechs Millionen Menschen. Fast die gesamte Bevölkerung gehört zur arabischen Mehrheitsbevölkerung. Daneben existiert eine armenische Minderheit, die etwa vier Prozent der Bevölkerung ausmacht, sowie weitere kleinere Minderheiten. Es gibt keine einzelne dominierende Religionsgemeinschaft: Sunnitische Muslime und Christen sind mit jeweils etwa 30 Prozent die größten Religionsgemeinschaften. „Der Libanon ist eines der wenigen Länder im Nahen Osten, in dem zahlreiche Christen leben und leben können“, betont Sido. Weitere bedeutende Religionsgemeinschaften sind schiitische Muslime und Drusen. Im Land halten sich zudem circa 1,5 Millionen syrische und 210.000 bis 450.000 palästinensische Geflüchtete auf.
Viele Gebiete im Libanon werden täglich von der israelischen Luftwaffe angegriffen, als Reaktion auf die Angriffe der Hisbollah-Miliz auf Israel. Im Libanon sind viele Menschen auf der Flucht. Auch die Wirtschaftslage ist kaum besser als in Syrien. „Eine Intervention der syrischen Islamisten im Libanon könnte das ohnehin fragile Gleichgewicht zwischen den Konfessionen weiter destabilisieren. Ein Krieg im Libanon wäre nicht nur für die schiitische und sunnitische Bevölkerung des Landes eine Katastrophe, sondern auch für die christliche und die drusische Gemeinschaft“, sagt Sido.
In Syrien ist die Lage nach dem jahrelangen Bürgerkrieg und der Machtübernahme der islamistischen HTS unter al-Scharaa weiter chaotisch. Viele Konflikte sind ungelöst und können jederzeit aufflammen. Weder die Drusenfrage, Alawitenfrage noch die Kurdenfrage sind in Syrien gelöst. Millionen syrische Geflüchtete befinden sich immer noch in den Nachbarländern und sind nicht in ihre Heimat zurückgekehrt. Die Wirtschaftslage ist katastrophal. In Syrien fehlt es an allem: an Energieträgern, Medikamenten und Trinkwasser. Die gesamte Infrastruktur ist in einem desolaten Zustand. Die Lage im Libanon ist nicht besser. „Der neue syrische Machthaber al-Scharaa mag rhetorisch ausgewogen wirken, in Wirklichkeit verfolgt er jedoch eine Politik der vollständigen Islamisierung des Landes und die Errichtung einer Diktatur. In Syrien kommt es nach wie vor täglich zu Entführungen und Vergewaltigungen von Frauen sowie zu Angriffen auf Drusen, Alawiten, Kurden und Christen“, so der GfbV-Nahostreferent.

Dr. Kamal Sido
Referent für Nahost
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- Ethnische-, religiöse- und sprachliche Minderheiten und Nationalitäten in Nahost
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