Die Armenier*innen sind ein Indigenes Volk des Nahen Ostens mit einer über 2.700 Jahre alten Geschichte im Gebiet zwischen dem Hochland im Osten Anatoliens und dem Kaukasus. Sie gehören zu den ältesten sesshaften Kulturen dieser Region und entwickelten früh eine eigenständige Sprache und Schrift.
Im 4. Jahrhundert nahmen die Armenier*innen das Christentum als Staatsreligion an und gründeten damit die armenische apostolische Kirche, was Armenien zum ersten christlichen Staat der Welt machte. Durch Jahrhunderte wiederholter Fremdherrschaft und Vertreibung entstand im Laufe der Zeit eine weit verzweigte armenische Diaspora in vielen Teilen Europas, des Nahen Ostens und der Welt.
Große armenische Diaspora
Die armenische Diaspora ist heute in zahlreichen Staaten weltweit vertreten, darunter Frankreich, Russland, den USA, Deutschland sowie mehreren Ländern des Nahen Ostens. Ein großer Teil dieser Gemeinschaften geht auf die Überlebenden des Völkermords von 1915 zurück, andere entstanden infolge späterer Migrations- und Fluchtbewegungen im 20. und 21. Jahrhundert.
Im Jahr 2025 liegt die Bevölkerungszahl der Republik Armenien bei rund drei Millionen Menschen. Etwa 98 Prozent sind ethnische Armenier*innen und bilden somit die deutliche Bevölkerungsmehrheit des Landes. Weltweit wird die armenische Diaspora auf mehrere Millionen Menschen geschätzt, wobei die genauen Zahlen je nach Erhebungsmethode und Definition der Zugehörigkeit variieren. In Frankreich leben beispielsweise mehrere Hunderttausend Menschen armenischer Herkunft, in Deutschland schätzungsweise zwischen 50.000 und 80.000.
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Völkermord an den Armenier*innen 1915
Die Armenier*innen haben in ihrer Geschichte wiederholt Gewalt, Diskriminierung und politische Verfolgung erlebt. Der bis heute wohl zentralste historische Einschnitt ist der Völkermord an den Armenier*innen und anderen christlichen Gemeinschaften des Osmanischen Reiches im Jahr 1915, bei dem mindestens zwei Millionen Menschen ermordet wurden. Bis zu 1,5 Millionen der Ermordeten waren Armenier*innen, weitere Hunderttausende wurden vertrieben. Dieses Verbrechen wird von der Türkei bis heute nicht offiziell anerkannt und führt zu langanhaltenden Spannungen zwischen Armenien, der armenischen Diaspora und der türkischen Regierung. Die fehlende Aufarbeitung und offizielle Anerkennung dieses Genozids verhindert Versöhnung und fördert nach wie vor Ressentiments. Bis heute kommt es – auch im europäischen Kontext – zu Feindseligkeiten gegenüber Armenier*innen, etwa in Form von Drohungen oder Einschüchterungen gegenüber Diaspora-Gemeinschaften. Solche Vorfälle zeigen, dass die historische Gewalt nicht nur ein Thema der Vergangenheit ist, sondern bis in die Gegenwart wirkt.
Auch im Kontext der Nachwirkungen politischer Konflikte im Südkaukasus – etwa um Arzach/Berg-Karabach – stehen Armenier*innen weiterhin unter Druck politischer Auseinandersetzungen und Gewaltdrohungen, die ihre Sicherheit und Rechte betreffen.
Armenier*innen stellen aufgrund ihrer Bevölkerungsmehrheit in Armenien keine Minderheit im klassischen Sinne dar. Vielmehr sind es historische und internationale Dimensionen der Diskriminierung und Verfolgung, insbesondere durch andere Staaten, die relevant sind. Die anhaltende Weigerung der türkischen Regierung, den Genozid von 1915 anzuerkennen, wird als eine Form historischer Diskriminierung und kolonialer Gewalt gesehen, die auch kollektive Unsicherheiten und Spannungen in der Diaspora nach sich zieht. Zudem dokumentieren Berichte immer wieder Vorfälle antichristlicher oder anti-armenischer Anfeindungen, die bis heute gesellschaftliche Gruppen bedrohen, etwa auch im europäischen Raum.
Einsatz für Anerkennung und Aufarbeitung des Genozids ein
Die Gesellschaft für bedrohte Völker engagiert sich seit 1969 für die Armenier*innen und andere Minderheiten in Europa, vor allem im Hinblick auf Anerkennung, Aufarbeitung und Erinnerungskultur im Zusammenhang mit dem Völkermord von 1915. Wir fordern internationale Regierungen und Institutionen dazu auf, den Genozid offiziell anzuerkennen und ihn beim Namen zu nennen, um politisches Lernen und Versöhnung zu ermöglichen.
Wir äußern zudem Besorgnis über aktuelle politische Entwicklungen in Armenien selbst. Kritisiert werden insbesondere Einschränkungen der Meinungsfreiheit, mutmaßlich politisch motivierte Inhaftierungen von Oppositionellen und Regierungskritiker*innen sowie die Festnahme von inzwischen vier Erzbischöfen. Diese Vorgänge werfen ernsthafte Fragen hinsichtlich der Rechtsstaatlichkeit sowie des Schutzes religiöser und zivilgesellschaftlicher Freiheiten auf. Besonders alarmierend ist darüber hinaus, dass in Deutschland lebende Armenier*innen, die die rechtsstaatlichen Defizite in Armenien öffentlich thematisieren, zunehmend befürchten müssen, bei einer Reise in ihr Herkunftsland mit Einreiseverboten oder anderen Konsequenzen konfrontiert zu werden.
Stand: Mai 2026
Autor: Dr. Kamal Sido
Redaktion: Sarah Neumeyer





