Die Bosniak*innen sind eine autochthone südslawische Volksgruppe, deren historisches Siedlungsgebiet überwiegend in Bosnien und Herzegowina liegt. Sie bilden heute eine der drei konstitutiven Bevölkerungsgruppen des Staates neben Serb*innen und Kroat*innen. Bosniak*innen sprechen überwiegend Bosnisch, eine südslawische Sprache, die eng mit Kroatisch und Serbisch verwandt ist.
Die Mehrheit der bosniakischen Gemeinschaft gehört dem Islam an. Ihre kulturelle Identität ist jedoch nicht allein religiös geprägt, sondern Ergebnis einer langen historischen Entwicklung und verschiedener politischer und kultureller Einflüsse. Ihre Traditionen, Literatur, Musik und Küche spiegeln eine Verbindung südslawischer, osmanischer und mitteleuropäischer Elemente wider.
Bosnische Kirche und die Wurzeln der bosniakischen Bevölkerung
Die Wurzeln der bosniakischen Bevölkerung reichen in das mittelalterliche Bosnien zurück. Im damaligen Königreich existierten verschiedene religiöse Traditionen nebeneinander, darunter Katholizismus, Orthodoxie und die sogenannte Bosnische Kirche. Die Anhänger*innen dieser Kirche – oft als „krstjani“ bezeichnet – waren wiederholt religiöser und politischer Verfolgung ausgesetzt. Ihre Gemeinschaft entstand vermutlich im 12. oder 13. Jahrhundert in einem Umfeld schwacher institutioneller Kirchenstrukturen. Gerade diese Eigenständigkeit machte sie für die etablierten Kirchen verdächtig.
Vor allem die römisch-katholische Kirche betrachtete die Bosnische Kirche als häretisch und versuchte über Jahrhunderte hinweg, ihren Einfluss auszudehnen – durch Missionierung, politischen Druck und militärische Interventionen. Bereits im 13. Jahrhundert kam es zu Kreuzzugsaufrufen gegen Bosnien. Diese Verfolgung war eng mit Machtpolitik verbunden. Ungarische Herrscher nutzten den Vorwurf der Häresie als Legitimation für Eingriffe in Bosnien. Gleichzeitig nutzten bosnische Herrscher die religiöse Eigenständigkeit auch zur Wahrung politischer Autonomie. Mit der Zeit verlor die Bosnische Kirche an Bedeutung und wurde zunehmend in katholische oder orthodoxe Strukturen integriert.
Osmanische Eroberung und Islamisierung
Mit der osmanischen Eroberung im 15. Jahrhundert verschwand die Bosnische Kirche als eigenständige Institution. Teile der Bevölkerung konvertierten im Laufe der Zeit zum Islam. Die Islamisierung verlief schrittweise und war kein einheitlicher Prozess. Sie erklärt sich aus sozialen, wirtschaftlichen und politischen Faktoren: steuerliche Vorteile, Zugang zu Verwaltung und Militär, Sicherung von Eigentum sowie eine verbesserte rechtliche Stellung.
Eine flächendeckende Zwangsislamisierung gab es nicht; Konversion erfolgte meist freiwillig, jedoch unter strukturellem Anpassungsdruck. Gerade aufgrund schwacher vorkirchlicher Strukturen konnte sich der Islam in Bosnien stärker etablieren als etwa in Serbien oder Bulgarien.
Während der osmanischen Zeit entwickelten sich Städte wie Sarajevo zu bedeutenden kulturellen und wirtschaftlichen Zentren. Mit der Ansiedlung sephardischer Jüdinnen*Juden im 16. Jahrhundert entstand eine multiethnische Gesellschaft ohne Ghettostrukturen. Jüdinnen*Juden brachten neue Handelsnetzwerke, Handwerke und kulturelle Einflüsse ein, insbesondere die Ladino-Sprache. Diese Koexistenz förderte eine urbane, pluralistische Gesellschaft, die bis heute prägend ist.
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Habsburger Zeit und Weltkriege
Nach 1878 begann unter habsburgischer Verwaltung eine Phase der Modernisierung. Gleichzeitig versuchten serbische und kroatische Nationalbewegungen, Einfluss auf die Bevölkerung Bosniens zu gewinnen. Die Habsburger reagierten mit der Förderung einer eigenständigen und übergreifenden bosnischen Identität, um diese Einflüsse zu neutralisieren. Die muslimische Bevölkerung spielte dabei eine zentrale Rolle.
Dennoch entwickelte sich keine klar definierte nationale Identität der Bosniak*innen. Während des Ersten und Zweiten Weltkriegs blieb ihre Identität ein Spannungsfeld zwischen Religion, regionaler Zugehörigkeit und konkurrierenden Nationalprojekten.
Im Zweiten Weltkrieg wurden Bosniak*innen besonders Opfer schwerer Gewalt. Vor allem serbisch-nationalistische, monarchistische Tschetnik-Verbände verübten Massaker an Zivilist*innen, insbesondere in Ostbosnien und in der Herzegowina. Ziel war häufig die ethnische Homogenisierung.
Bosnien wurde in den faschistischen „Unabhängigen Staat Kroatien“, einen Satellitenstaat des deutschen Nazi-Regimes, integriert. Dieser bestand von 1941 bis 1945, wurde international jedoch nie anerkannt. Bosniak*innen wurden als „Kroat*innen islamischen Glaubens“ definiert, wodurch ihnen eine eigenständige Identität abgesprochen wurde. Gleichzeitig waren sie Gewalt ausgesetzt. Zwischen den Ustaša (kroatisch-faschistische, ultranationalistische Milizen und Herrschaftsorgane des Unabhängigen Staates Kroatien, die mit NS-Deutschland und dem faschistischen Italien kollaborierten), Tschetniks (serbisch-nationalistische, monarchistische Milizen, die für ein großserbisch geprägtes Jugoslawien kämpften und gegen Partisanen und Nichtserben vorgingen) und Partisanen unter Josip Broz Tito (multiethnische und kommunistisch geprägte Widerstandsverbände, die gegen die Achsenbesatzung, die Ustaša- und Tschetnik-Milizen kämpften und nach 1945 die Macht in Jugoslawien übernahmen) befanden sie sich oft in einer Zwischenposition ohne Schutzmacht.
Späte nationale Identitätsbildung der Bosniak*innen
Nach 1945 wurde Bosnien Teil Jugoslawiens. Die bosnischen Muslim*innen hatten zunächst keinen anerkannten nationalen Status und mussten sich als Serb*innen, Kroat*innen oder als „nicht bestimmt“ deklarieren.
Erst 1968 wurden „Muslime“ (mit großem M) als eigene Nation anerkannt – ein entscheidender Wendepunkt, der jedoch Religion zur Grundlage nationaler Identität machte. 1993 wurde schließlich die ethnische Bezeichnung „Bosniaken“ eingeführt.
Krieg und Genozid in Bosnien und Herzegowina
Während des Bosnienkrieges wurden Bosniak*innen systematisch Opfer schwerer Verbrechen, die von der serbischen Führung in Bosnien, unterstützt von Serbien, ausgingen. Internationale Gerichte, insbesondere der Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien (ICTY), stellten fest, dass Gewalt gegen die bosniakische Bevölkerung Teil koordinierter und systematischer Strategien war. Es kam zu Vertreibungen, Lagerhaft (z. B. Omarska, Keraterm, Trnopolje), Folter, Massenvergewaltigungen, Massenmorden und Genozid. Sexualisierte Gewalt wurde erstmals nach dem Krieg in Bosnien und Herzegowina klar als Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit eingestuft.
Die vierjährige Belagerung von Sarajevo (1992 bis 1996) forderte über 10.000 zivile Opfer. In Srebrenica wurden im Juli 1995 mindestens 8.372 Menschen – vor allem bosniakische Jungen und Männer – von bosnisch-serbischen Einheiten ermordet. Obwohl sich die Massenerschießungen vor allem gegen Männer und Jungen richteten, wurden auch Frauen und Mädchen gezielt Opfer schwerster Gewalt. Sie wurden nicht nur gewaltsam von ihren Ehemännern, Söhnen, Vätern und Brüdern getrennt und vertrieben, sondern geschlagen, bedroht, gedemütigt, sexualisierter Gewalt ausgesetzt und auch getötet. Zahlreiche Zeug*innen und Überlebende berichten von Vergewaltigungen und anderen Formen geschlechtsspezifischer Gewalt. Die Verbrechen wurden als Völkermord anerkannt.
Insgesamt wurden etwa 100.000 Menschen getötet und 2,2 Millionen vertrieben, davon der Großteil Bosniak*innen. Es wird angenommen, dass insgesamt etwa eine Million als Binnenflüchtlinge im Land blieben. Etwa 1,2 Millionen Menschen gelang die Flucht ins Ausland, vor allem nach Deutschland (etwa 350.000 Geflüchtete aus Bosnien und Herzegowina). Viele Geflüchtete zogen nach Kriegsende in die USA, nach Kanada und Australien, da ihnen aus europäischen Ländern die Abschiebung drohte und sie nicht in ihre Vorkriegswohnorte in Bosnien und Herzegowina (vor allem in der Republika Srpska) zurückkehren konnten.
Heute leben Bosniak*innen überwiegend in Bosnien und Herzegowina sowie in der Diaspora in Westeuropa sowie in den USA, Kanada und Australien. Ihre Rückkehr in Orte der Republika Srpska ist bis heute stark begrenzt und mit strukturellen Benachteiligungen verbunden. Dazu gehören eingeschränkter Zugang zu Arbeitsplätzen, Probleme im Bildungsbereich (Sprache, Lehrpläne) sowie Diskriminierung und politische Spannungen. Zudem erschweren Leugnung und Relativierung von Kriegsverbrechen den Versöhnungsprozess.
Die bosniakische Identität ist das Ergebnis eines langen historischen Prozesses – von einer religiös geprägten Gemeinschaft hin zu einer Nation. Sie ist eng mit der Geschichte Bosniens verbunden und bewegt sich bis heute im Spannungsfeld von Religion, Kultur und Politik.
Stand: Mai 2026
Autorin: Belma Zulčić
Redaktion: Sarah Neumeyer
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