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Wayúu

Wayuu Männer entspannen in den traditionellen, handgehäkelten Hängematten. Foto: Jan Königshausen / GfbV
Wayuu Männer entspannen in den traditionellen, handgehäkelten Hängematten. Foto: Jan Königshausen / GfbV

Die Wayúu sind eines der größten Indigenen Völker in Kolumbien und Venezuela. Sie sind in beiden Ländern die zahlenmäßig größte indigene Bevölkerungsgruppe und leben vor allem auf der Halbinsel La Guajira im obersten Norden des Kontinents. Besonders ihr Kunsthandwerk wird weit über die Region hinaus geschätzt. Für die Wayúu besitzen ihre traditionell gefertigten Hängematten und Taschen, sogenannte Mochilas, nicht nur wirtschaftlichen, sondern auch spirituellen Wert, da sie mit Herkunftserzählungen, Mythen und kulturellen Praktiken verbunden sind. Die Wayúu leben vom Fischfang, der Ziegenviehwirtschaft, dem Tourismus sowie von kleinflächigem Obst- und Gemüseanbau. Ihre Sprache Wayuunaiki wird von etwa 420.000 Menschen aktiv gesprochen. Auch in der Medizin haben sie ihre Traditionen und ihr Wissen über Heilpflanzen weitgehend bewahrt. Darüber hinaus verfügen sie über eine gewisse rechtliche Autonomie: Bei Konflikten innerhalb ihrer Gemeinschaften kommt ihr eigenes normatives System zur Anwendung.

Traditionelle Mochilas (Taschen) der Wayúu. Zum Schutz vor der Sonne schmieren sich viele das Gesicht mit Chepa, einer Mischung aus Lehm und Sand, ein. Foto: Jan Königshausen / GfbV
Traditionelle Mochilas (Taschen) der Wayúu. Zum Schutz vor der Sonne schmieren sich viele das Gesicht mit Chepa, einer Mischung aus Lehm und Sand, ein. Foto: Jan Königshausen / GfbV
Wayúu Frau mit ihren Töchtern bei einer sozialen Zusammenkunft. Neben der Aufsicht ist sie auch für das leibliche Wohl der Gäste zuständig. Foto: Jan Königshausen / GfbV
Wayúu Frau mit ihren Töchtern bei einer sozialen Zusammenkunft. Neben der Aufsicht ist sie auch für das leibliche Wohl der Gäste zuständig. Foto: Jan Königshausen / GfbV

Die Lage der Frauen in einer matrilinearen Gesellschaft

Obwohl die Wayúu in einer matrilinearen Gesellschaft leben und Frauen über die mütterliche Linie eine zentrale symbolische und soziale Stellung zukommt, ist ihr Alltag oft von Kontrolle, wirtschaftlicher Abhängigkeit und Gewalt geprägt. Beim Übergang ins Erwachsenenalter werden Mädchen in vielen Gemeinschaften im Rahmen des sogenannten encierro (übersetzt Einsperren) teils über längere Zeit von der Außenwelt abgeschirmt. In dieser Phase sollen sie auf ihre künftige Rolle als Frauen vorbereitet werden und lernen unter anderem Webtechniken, soziale Normen und Pflichten innerhalb der Gemeinschaft. Hinzu kommt das traditionelle System der dote einer Art Brautgabe, bei dem die Familie des Mannes der Familie der Frau materielle Güter wie Ziegen oder andere Wertgegenstände übergibt. Ursprünglich Ausdruck eines Bündnisses zwischen Familien, kann diese Praxis unter den Bedingungen von Armut, fehlendem staatlichen Schutz und patriarchaler Gewalt in ausbeuterische Abhängigkeiten umschlagen und Zwangsehen (in Form von traditionellen Verbindungen) von Minderjährigen begünstigen. Zugleich sichern viele Wayúu-Frauen mit dem Weben von Mochilas einen Teil des Familieneinkommens, erhalten für ihre aufwendige Arbeit jedoch häufig keine angemessene Bezahlung.

Zwei männliche Wayuu-Anführer schreiten mit stolzen Gang zu ihren Verwandten. Foto: Jan Königshausen / GfbV
Zwei männliche Wayuu-Anführer schreiten mit stolzen Gang zu ihren Verwandten. Foto: Jan Königshausen / GfbV

Infrastrukturprojekte verschärfen Wasserknappheit

Das Gebiet der Wayúu erstreckt sich heutzutage von der Guajira-Halbinsel im Nordosten Kolumbiens bis zum Maracaibo-See in Venezuela. Ein Abkommen zwischen den beiden Ländern erlaubt ihnen Freizügigkeit. Traditionell wandern sie während der Trockenzeit nach Venezuela und in der Regenzeit nach Kolumbien.

Zugleich ist das besondere Ökosystem auf La Guajira stark vom Klimawandel bedroht. Trotz ihrer tropischen Lage weist die Region eine wüstenähnliche Landschaft auf, und die Niederschläge werden immer seltener. Die Wasserknappheit hat sich in den vergangenen Jahren auch durch große Infrastrukturprojekte verschärft. 2011 errichtete der kolumbianische Staat den Staudamm El Cercado am Fluss Ranchería, einem der beiden Flüsse, die die Guajira durchziehen. Der Fluss trocknete in den folgenden Jahren aus. Viele Nutztiere starben, was die Ernährungssicherheit für die Menschen in der Region weiter verschärft hat. Der Ranchería-Fluss war ihre wichtigste Trinkwasserquelle und ermöglichte Viehzucht sowie Obst- und Gemüseanbau. Obwohl ihre Gemeinschaft direkt vom Bau des Staudamms betroffen ist, wurden die Wayúu nicht in die Planung des Projektes einbezogen oder konsultiert. Völkerrechtlich steht indigenen Gemeinschaften das Recht auf freie, vorherige und informierte Zustimmung zu.

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Klimakrise und Infrastrukturprojekte verschärfen die Wasserknappheit in der wüstenähnlichen Region. Foto: Jan Königshausen / GfbV
Klimakrise und Infrastrukturprojekte verschärfen die Wasserknappheit in der wüstenähnlichen Region. Foto: Jan Königshausen / GfbV

Rohstoffabbau führt zu Menschenrechtsverletzungen

Seit den 1980er Jahren wird in El Cerrejón in La Guajira, einem der größten Tagebaue der Welt, Steinkohle gefördert. Das Abbaugebiet wird stetig erweitert und ist inzwischen größer als Hamburg. Dafür müssen immer mehr Dörfer und indigene Gemeinschaften umgesiedelt werden. Beim Abbau und Transport entstehen Feinstaub und andere Schadstoffe, die mit der überdurchschnittlich hohen Zahl von Lungen- und Hauterkrankungen in Verbindung gebracht werden – insbesondere bei den Kindern der Wayúu. Gleichzeitig sind viele Wayúu auf Lohnarbeit im Zuge des Tagebaus oder bei der Ölförderung in der benachbarten Region Maracaibo in Venezuela angewiesen.

Während der erste Windpark schon seit über 20 Jahren besteht, profitiert die Bevölkerung vor Ort nach wie vor nicht von den Projekten. Foto: Jan Königshausen / GfbV
Während der erste Windpark schon seit über 20 Jahren besteht, profitiert die Bevölkerung vor Ort nach wie vor nicht von den Projekten. Foto: Jan Königshausen / GfbV

Bis heute hinterlassen auch der kolumbianische Bürgerkrieg und der Drogenschmuggel tiefe Spuren. Die Bevölkerung von La Guajira ist hoch bewaffnet. Im Gebiet der Wayúu wurden zahlreiche Massaker dokumentiert. Bei einem Massaker in Bahía Portete im Departement La Guajira im April 2004 ermordeten paramilitärischen Gruppen zwölf Menschen. 600 Menschen wurden vertrieben.

Über 50.000 Menschen sind in den vergangenen Jahrzehnten aus La Guajira geflohen. Heute versuchen die Wayuu verstärkt, alternative Einkommensquellen durch nachhaltige Wirtschaftsformen wie Ökotourismus und traditionelles Kunsthandwerk zu erschließen. Zugleich kämpfen sie für ihre Landrechte, gegen weiteren Rohstoffabbau und den neu hinzugekommenen „Grünen Kolonialismus“. Im Zuge der grünen Transformation gegen die Klimakrise entstehen weltweit Projekte, um grüne Energie zu produzieren und Treibhausgase zu reduzieren. Auch in La Guajira sind Projekte geplant: Auf dem Gebiet der Wayúu sollen  Wind- und Solarparks entstehen, die zur Dekarbonisierung der Wirtschaft im globalen Norden beitragen sollen. Dafür werden die Wayúu von ihren traditionellen Territorien verdrängt. Viele Menschen vor Ort haben weiterhin weder verlässlichen Zugang zu Strom noch zu Wasser und profitieren selbst nicht von den Projekten auf ihrem Gebiet.

Stand: Mai 2026

Autor: Jan Königshausen
Redaktion: Sarah Neumeyer

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Jan Königshausen

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