Trotz entgegengesetzter Versprechen des islamistischen Regimes in Syrien können vertriebene Kurden weiterhin nicht in ihre Heimatregion Serêkaniyê (Ras al-Ain) zurückkehren, weil ihre Sicherheit und ihre Eigentumsrechte nicht gewährleistet sind, kritisiert die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV). Am 9. Oktober 2019 hatte die Türkei die kurdische Region Serêkaniyê angegriffen und eingenommen. Die türkischen Truppen und verbündete islamistische Milizen vertrieben Hunderttausende Kurden sowie Angehörige anderer ethnischer und religiöser Minderheiten wie Assyrer-Aramäer, Armenier, Tscherkessen, Christen, Yeziden sowie sunnitische Muslime, die Islamismus ablehnen. Bisher sind 1.100 Familien nach Serêkaniyê zurückgekehrt. Unter ihnen sind jedoch nur drei kurdische Familien. Diese drei kurdischen Familien leben in den Dörfern in der Umgebung, nicht in die Stadt Serêkaniyê selbst.
Ein Abkommen zwischen dem islamistischen Regime in Damaskus und den inzwischen aufgelösten Demokratischen Kräften Syriens (SDF) vom 29. Januar 2026 hatte allen Vertriebenen Rückkehrrechte zugesichert. Daraufhin kam am 10. August 2026 eine erste Gruppe von Rückkehrern aus einem Flüchtlingslager im Norden von al-Hasaka in Serêkaniyê an.
„Protürkische, arabisch-sunnitische Siedler griffen vor allem die ankommenden kurdischen Familien an. Unter den Rückkehrern waren ohnehin nur wenige kurdische Familien. Fast alle sind aufgrund der Angriffe in die Flüchtlingslager im Nordosten Syriens zurückgekehrt“, berichtet der Nahostreferent der GfbV, Dr. Kamal Sido. Zudem besetzen protürkische Milizen und ihre Familien weiterhin viele Häuser und Ländereien der Kurden in der Region. „Solange die Eigentumsrechte der Kurden gegenüber den bewaffneten Siedlern, die von der Türkei unterstützt werden, nicht durchgesetzt werden und die Sicherheit der kurdischen Rückkehrer nicht gewährleistet ist, werden die vertriebenen Kurden nicht zurückkehren können“, betont er.
Vertriebene Kurden kritisieren sowohl das islamistische Regime in Syrien und die Türkei, als auch die SDF scharf, und fordern Bedingungen für eine sichere Rückkehr. „Ist das eine stillschweigende Arabisierung und Islamisierung von Serêkaniyê? Warum schweigen das Regime in Damaskus und die ehemaligen SDF und erklären nicht, warum Kurden nicht zurückkehren können? Es ist nicht schlüssig, dass die vorhandenen Landminen der Grund sind, denn diese sind auch für die arabisch-sunnitische Bevölkerung gefährlich und nicht nur für Kurden. Das Regime in Damaskus und die nun aufgelösten SDF müssen diese offenen Fragen beantworten“, fordert der kurdische Aktivist Muhyedin Isso, der selbst aus Serêkaniyê (Ras al-Ain) vertrieben wurde und nun in Deutschland lebt, gegenüber der GfbV.
Hintergrund
Am 9. Oktober 2019 begann die Türkei mit Duldung der USA, anderer NATO-Regierungen sowie Russlands einen völkerrechtswidrigen Angriff auf die nordsyrischen Regionen Serêkaniyê (Ras al-Ain) und Tall Abyad. Diese waren zuvor von den SDF vom „Islamischen Staat“ (IS) befreit worden. Im Laufe und infolge dieser Invasion begingen türkische Truppen und syrische Islamisten, darunter auch Mitglieder der vom heutigen Machthaber al-Scharaa angeführten HTS-Miliz, unzählige Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen an der Zivilbevölkerung. Kurdische Kräfte und ihre arabischen und assyro-aramäischen Verbündeten sowie die muslimische, christliche und yezidische Bevölkerung, die sich im Kampf gegen den IS befanden, wurden von ihren westlichen Verbündeten regelrecht verraten.

Dr. Kamal Sido
Referent für Nahost
Thematische Schwerpunkte:
- Ethnische-, religiöse- und sprachliche Minderheiten und Nationalitäten in Nahost
- Naher und Mittlerer Osten
- Nordafrika
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