Hinweis zum Sprachgebrauch in älteren Beiträgen
Der folgende ältere Beitrag kann Sprache und Formulierungen enthalten, die heute nicht mehr den Ansprüchen einer diskriminierungsfreien und sensiblen Ausdrucksweise entsprechen. Er wurde im historischen Kontext verfasst und bewusst unverändert gelassen, um unsere jahrzehntelange Menschenrechtsarbeit zu dokumentieren.
Spätestens seit den wöchentlichen Schulstreiks und der schwedischen Klimaaktivistin Greta Thunberg ist der Klimawandel im medialen Diskurs angekommen. Doch die globalen und besonders die Auswirkungen im afrikanischen Raum sind vielen nicht bewusst. In Mali kommt es zum Beispiel durch klimatische Veränderungen vermehrt zu Problemen und Konflikten.
Von Luca Modde
Mali ist ein westafrikanischer Binnenstaat. Laut dem Faktenbuch der CIA hat es im Jahr 2020 eine Bevölkerung von etwa 19,5 Millionen Menschen. Die Bevölkerung wächst rasant und hat sich seit 1950 vervierfacht. Knapp die Hälfte der Menschen lebt unterhalb der Armutsgrenze. Da die Grenzen des Staates durch die ehemalige Kolonialmacht Frankreich gezogen worden sind, lebt in Mali heute eine Vielzahl von Ethnien verschiedener kultureller und religiöser Prägung. Zwei von ihnen sind die nomadischen Fulani, die etwa 10 Prozent der Bevölkerung ausmachen, und die sesshaften Dogon. Diese stammen ursprünglich aus dem Nordwesten des Nachbarstaates Burkina Faso und machen etwa 7 Prozent der malischen Bevölkerung aus.
Beide Ethnien leben in der sogenannten Sahelzone, einem trockenen und wüstenartigen Lebensraum, der die Menschen in ihrem alltäglichen Überlebenskampf seit jeher herausfordert. Die Auswirkungen des Klimawandels treten in Mali, wie auch in anderen afrikanischen Staaten, besonders deutlich zutage. So steigen die Temperaturen in der Sahelzone eineinhalbmal schneller als im globalen Durchschnitt. Darüber hinaus haben sich die Regenzeiten verkürzt. Der Niederschlag ist dadurch für die Menschen unberechenbarer geworden. Die steigenden Temperaturen und die verkürzte Regenzeit ziehen häufiger Dürren nach sich. Diese wiederum trocknen den Boden aus und machen einen Großteil der Anbauflächen unbrauchbar – für das landwirtschaftlich geprägte Mali eine Katastrophe.
Über Jahrhunderte hinweg hatten die Vieh züchtenden nomadisierenden Fulani und die traditionell landwirtschaftlich, sesshaft lebenden Dogon friedlich nebeneinander existiert. Seit einiger Zeit jedoch kommt es immer wieder zu Konflikten und Gewalt zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen, die sich stetig verschärfen. Bald gab es Todesfälle zu beklagen.
Ein besonders schwerer Übergriff ereignete sich am 23. März 2019: Bewaffnete Dogon überfielen in Zentralmali mehrere Dörfer, die mehrheitlich von Fulani bewohnt werden. Darunter war auch die Siedlung Ogossagou an der Grenze zu Burkina Faso. Die bewaffneten Dogon töteten bis zu 160 Fulani, darunter viele Frauen und Kinder. Die Angreifer hatten wahllos auf die Dorfgemeinschaft geschossen. Im Juni desselben Jahres kam es zu einer Attacke auf ein Dorf der Dogon. Dieser Angriff wird von vielen Beobachtenden als Vergeltungsaktion der Fulani gewertet. Er forderte bis zu 100 Menschenleben. Aktuell scheint es keinen Ausweg aus der Gewaltspirale zu geben, da beide Bevölkerungsgruppen nach einem Übergriff regelmäßig Vergeltung üben.
Neben anderen Faktoren wie dem rasanten Bevölkerungswachstum, der damit einhergehenden Knappheit an verfügbarem Land, Misstrauen und Racheaktionen, sind die klimatischen Veränderungen eine weitere wichtige Ursache in diesem Konflikt im westafrikanischen Land. Sowohl die Fulani als auch die Dogon sind vom Klimawandel betroffen. Früher legten ungeschriebene Gesetze und Verhaltensweisen fest, wann die nomadisierenden Fulani mit ihren Herden weiterzogen. So verhinderten sie, dass ihre Tiere während der Erntezeit über die Felder von sesshaften Völkern wie den Dogon liefen und deren Ernten zerstörten. Da sich als Folge des Klimawandels die Regenzeiten jedoch geändert haben und sich somit auch der Erntezeitpunkt verschiebt, passiert es immer häufiger, dass die Herden der Fulani erntereife Felder zerstören. Ausfallende Ernten bedrohen die Dogon in ihrer Existenz. Hinzu kommt, dass die Dogon mit vertrockneten Böden konfrontiert sind. Da hier nichts mehr wächst, weichen sie auf Gebiete aus, die zuvor traditionelle Wanderrouten der Fulani waren. Dort legen sie neue Felder an. Die Ergebnisse sind konfliktgeladene Aufeinandertreffen.

Klimaveränderungen verschärfen auch ganz grundsätzlich den Konkurrenzkampf um die knappen Ressourcen des Landes. Wie eingangs erwähnt, liegt Mali in der sogenannten Sahelzone, einem Gebiet, in dem die Menschen auch ohne Klimawandel mit zum Teil lebensfeindlichen Bedingungen umgehen müssen. So wird der Zugang zu fruchtbaren Böden als ein Hauptgrund hinter den gewaltvollen Auseinandersetzungen zwischen Fulani und Dogon identifiziert. Wenn fruchtbares Land durch Veränderungen des Klimas zerstört wird, verschärft das eine ohnehin schon brenzlige Situation in Mali. Nicht selten kommt es dann zu bewaffneten Übergriffen mit vielen Toten wie im Jahr 2019.
Bislang gibt es nur wenige Strategien, sich an die veränderten Lebensrealitäten anzupassen. Viele Fulani sind zu innerstaatlichen Flüchtlingen geworden. So suchen sie beispielsweise in Bamako, der Hauptstadt des Landes, Zuflucht. Problematisch dabei ist, dass auch in anderen Regionen Malis der Zugang zu Ressourcen knapp ist. Kommen zu der ansässigen Bevölkerung noch Flüchtlinge hinzu, verschärft sich die Gesamtlage und neue Konflikte entstehen. Den Fulani droht so außerdem eine erzwungene Sesshaftigkeit. Diese würde ihre Lebensweise radikal verändern und womöglich den Verlust ihrer kulturellen Identität bedeuten.
Die Fulani leiden schon jahrelang unter einer Diskriminierung seitens des malischen Staates. Viele Angehörige dieser Volksgruppe stehen unter Generalverdacht, da sich eine Minderheit von ihnen fundamentalistisch islamischen Gruppierungen angeschlossen hat. Die große Mehrheit der Fulani lebt jedoch friedlich. Dennoch erleiden sie immer wieder staatliche Übergriffe.
Klimawandel-Strategien können nur dann fruchtbar sein, wenn die dahinterliegenden gesellschaftlichen Konflikte gelöst werden. Gleichzeitig trägt der Klimawandel dazu bei, den Konflikt zwischen Fulani und Dogon immer weiter zu verschärfen und die Situation eskalieren zu lassen.
Luca Modde studiert Rechts- und Politikwissenschaften an der Georg-August-Universität Göttingen. Ein Praktikum bei der Gesellschaft für bedrohte Völker hat sein Interesse an Konflikten und Missständen im afrikanischen Raum geweckt. Mit dem eskalierenden Konflikt zwischen Fulani und Dogon beschäftigt er sich seit dem Sommer 2018 regelmäßig.

aus „bedrohte Völker – pogrom“ Nr. 317, 02/2020
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