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Aktuelles News & Artikel Anschlag auf Kirche in Jordanien: GfbV kritisiert Reaktion der jordanischen Regierung

Anschlag auf Kirche in Jordanien: GfbV kritisiert Reaktion der jordanischen Regierung

Nach dem Terroranschlag auf eine christliche Trauergemeinde in Jordanien fordert die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) eine lückenlose Aufklärung des Anschlags und kritisiert die Reaktion der jordanischen Regierung. Am Freitag, 23. Oktober, hatten bewaffnete Personen das Feuer auf eine christliche Trauergemeinde vor und in der griechisch-orthodoxen St.-Georgs-Kirche im jordanischen Dorf Hamoud im Gouvernement al-Karak eröffnet. Bei dem Anschlag wurden mindestens neun Menschen getötet und etwa 40 weitere verletzt.

„Die jordanischen Behörden haben erklärt, dass sie jeden bestrafen werden, der falsche Informationen über den Anschlag verbreitet. Statt aufzuklären, warum es zu diesem feigen Anschlag gekommen ist und wer dahintersteckt, warnt die Regierung, die Tat ‚bedrohe die Sicherheit, Stabilität und den gesellschaftlichen Zusammenhalt des Landes‘, und hat eine Nachrichtensperre verhängt. Damit verschiebt die Regierung den Fokus gezielt von den christlichen Opfern des Anschlags auf eine allgemeine gesellschaftliche Sicherheits- und Stabilitätsfrage“, berichtet Dr. Kamal Sido, Nahost-Referent der GfbV, heute in Göttingen. 

„Berechtigte Sorgen der Christen in Jordanien vor islamistischer Gewalt gegen ihre Gemeinschaft werden unter dem Vorwand, eine Spaltung der Gesellschaft verhindern zu wollen, kleingeredet. Gleichzeitig trägt das von der jordanischen Regierung, Parteien, Organisationen und Medien geschaffene Bildungsumfeld dazu bei, dass eine extremistische Auslegung des Islam immer mehr an Boden gewinnt. Über diese Entwicklung und die damit zusammenhängenden Gefahren braucht es eine offene Debatte“, so Sido. Die Verurteilung des Angriffs durch die jordanische Regierung und das Königshaus sowie ihr Versprechen, die Täter zu finden und zu bestrafen, reichten nicht aus. Es brauche konkrete Schritte, nicht nur Worte.

Der GfbV-Nahostreferent sieht zudem eine Gefahr darin, dass das Bewusstsein über das Christentum als nationales und historisches Erbe Jordaniens und anderer Länder im Nahen Osten verdrängt wird. Christen werden immer stärker als fremd wahrgenommen, obwohl sie tief in der Geschichte Jordaniens, Syriens, des Irak, Libanons, Ägyptens und der Türkei verwurzelt sind. „Im Nahen Osten entstand das Christentum und diese Länder sind die Heimat der ersten Christen der Geschichte. Darüber müssen Schulen, Universitäten, Politik und Medien die Bevölkerung unterrichten“, betont er. Um den gesellschaftlichen Zusammenhalt Jordaniens tatsächlich zu stärken, sei es wichtig, die Lehrpläne zu überarbeiten.

In dem mehrheitlich muslimisch-sunnitischen Königreich Jordanien machen Christen etwa drei bis vier Prozent der 11,5 Millionen Einwohner aus. Zu den größten Konfessionen gehören die orthodoxen, gefolgt von den römisch-katholischen, melkitischen sowie den anderen christlichen Gemeinden. Durch das jordanische Wahlsystem ist den Christen eine feste Quote von neun Sitzen im Parlament zugesichert. Staatlich anerkannte Kirchen genießen Eigenständigkeit in Fragen des Personal- und Familienrechts. Allerdings müssen die Menschen viele Herausforderungen und Einschränkungen bewältigen. Der Wechsel vom Islam zum Christentum ist gesellschaftlich stark tabuisiert und rechtlich höchst problematisch. Konvertierten drohen sozialer Ausschluss, Druck durch den eigenen Familienverband und der Verlust rechtlicher Ansprüche. Eine aktive Weitergabe des christlichen Glaubens an Muslime ist gesetzlich untersagt und kann strafrechtlich geahndet werden. Durch niedrigere Geburtenraten und eine stille Auswanderung junger, gut ausgebildeter Christen aus wirtschaftlichen Gründen sinkt der prozentuale Anteil der christlichen Bevölkerung im Land.

Kamal Sido

Dr. Kamal Sido

Referent für Nahost

Thematische Schwerpunkte:

  • Ethnische-, religiöse- und sprachliche Minderheiten und Nationalitäten in Nahost
  • Naher und Mittlerer Osten
  • Nordafrika

E-Mail: k.sido@gfbv.de

Telefon: +49 551 49 906 18