Hinweis zum Sprachgebrauch in älteren Beiträgen
Der folgende ältere Beitrag kann Sprache und Formulierungen enthalten, die heute nicht mehr den Ansprüchen einer diskriminierungsfreien und sensiblen Ausdrucksweise entsprechen. Er wurde im historischen Kontext verfasst und bewusst unverändert gelassen, um unsere jahrzehntelange Menschenrechtsarbeit zu dokumentieren.
Auf Initiative der Göttinger Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) sind sieben schwer bleivergiftete Kinder aus dem Kosovo mit ihrem Vater zur Genesung nach Deutschland eingeladen worden. Die Familie musste seit 1999 in einem mit Schwermetallen verseuchten Flüchtlingslager der UN leben. Im Institut für Functional Medicine und Umweltmedizin (IFU) in Bad Emstal bei Kassel sollen die Kinder jetzt entgiftet werden. Die Behandlung wird von der Hilfsaktion der Bildzeitung „Ein Herz für Kinder“ finanziert.
Die fünf- bis 15-jährigen Geschwister waren mit ihren Eltern sieben Jahre lang in einem von drei Lagern für insgesamt 560 vertriebene Aschkali und Roma untergebracht, die die UN-Verwaltung im Kosovo UNMIK trotz zahlreicher Warnungen der GfbV und Evakuierungsempfehlungen von Umweltmedizinern direkt neben der Abraumhalde einer ehemaligen Bleischmelzanlage bei Mitrovica betreibt, berichtete der GfbV-Generalsekretär Tilman Zülch auf einer Pressekonferenz am Mittwoch in Bad Emstal. Unter den Flüchtlingen sind 218 Kinder unter zehn Jahren. Die GfbV fordert, dass die Flüchtlinge sofort in eine gesundheitlich unbedenkliche Region umgesiedelt und sie dort von einem internationalen Ärzteteam behandelt werden.
Scharf kritisierte Zülch in diesem Zusammenhang die Bundesregierung: „Sie trägt jetzt dazu bei, dass die Flüchtlinge noch mindestens acht Monate in der verseuchten Region bleiben müssen. Dadurch wird sie mitverantwortlich für die fortgesetzte Vergiftung der Menschen.“ 500 000 Euro hat die Bundesregierung gezahlt, um eine ehemalige Kaserne der Kfor-Truppen in Sichtweite der Lager zur Aufnahme der Flüchtlinge herzurichten. Die früher dort stationierten französischen Kfor-Soldaten wurden laut Aussagen eines Betroffenen nach Hause geschickt mit der Warnung, sie sollten aufgrund der hohen Bleibelastung in den ersten Monaten keine Kinder zeugen. Die Roma und Aschkali sollen jetzt jedoch in die Kaserne einziehen und dort so lange bleiben, bis ihre von nationalistischen Albanern 1999 zerstörten Häuser wiederaufgebaut sind. Die ersten werden frühestens Anfang 2007 bezugsfertig sein, wenn die UNMIK ihre Versprechungen dieses Mal einhält.
„Die fünfjährige Kasandra und ihr Bruder Denis gehören zu den schwer vergifteten Kindern in den Lagern“, berichtete Dr. Runow. Kasandra ist das jüngste der sieben Kinder aus dem Kosovo in Bad Emstal. „Nach dem Tod ihrer Mutter im Juli 2005 hat sie kaum noch die Baracke verlassen. Sie hat fast nur geschlafen und ist immer wieder ins Koma gefallen. Es war zu befürchten, dass sie sterben wird, wenn nichts geschieht.“ Dr. Runow war mit der GfbV in den Flüchtlingslagern und hat dort 66 Haarproben genommen. Sie übersteigen den Grenzwert für eine Bleibelastung mindestens um das 200-Fache. Bei mehreren Kindern waren sie sogar auf das 1200-Fache erhöht. Viele Proben wiesen zusätzlich sehr hohe Kadmium und Arsenwerte auf.
Wir müssen davon ausgehen, dass mindestens 37 Todesfälle in den Lagern auf Bleivergiftung zurückzuführen sind“, sagte der Leiter des GfbV-Kosovo-Teams, Paul Polansky. Viele der in den Lagern verbliebenen Kinder zeigen deutliche Symptome schwerer Bleivergiftung wie Gedächtnisverlust, Koordinationsschwierigkeiten und komatöse Zustände. Aus umweltmedizinischer Sicht werden sie irreversible Schädigungen des Nerven- und Immunsystems sowie Störungen des Knochenwachstums und der Blutbildung davontragen. „Um sie zu retten, müssen die Flüchtlinge an einen deutlich entfernten Ort umgesiedelt werden“, unterstützte Dr. Runow die Forderung der GfbV. „Es reicht nicht, die Blei belasteten Böden in dem Camp nebenan zu betonieren, denn der Kontakt mit dem giftigen Schwermetall kommt immer noch durch die Luft zustande. Therapie und Entgiftung sind an einem Ort dieser Belastung nicht möglich.“
„Es ist beschämend, dass die UNMIK ausgerechnet die Hauptopfer der Minderheitenverfolgung seit 1999 die ganze Zeit allein gelassen und mit Hilfe erst begonnen hat, nachdem auf Initiative unserer Mitarbeiter vor Ort ein amerikanischer Film im Lager gedreht wurde und erste westliche Zeitungen, unter ihnen die „International Herald Tribune“ und die Bild-Zeitung, ausführlich über die Kritik der GfbV berichtet haben“, sagte Zülch. „Serben und Albaner wurden in Gefahrensituationen zu Tausenden in Sicherheit gebracht. Da wird es wohl möglich sein, dass auch 560 Roma und Aschkali sehr kurzfristig umgesiedelt werden können.“
Rund 120.000 der etwa 150.000 Roma und Aschkali wurden seit der Nato-Intervention 1999 von nationalistischen Albanern vertrieben, 14.000 ihrer 19.000 Häuser wurden unter den Augen der Kfor zerstört, ohne dass sie einschritten.
Mit E-Mail- und Postkartenaktionen an den Kosovo-Sonderbeauftragten der UN, Sören Jessen-Petersen, mit offenen Briefen an Bundeskanzlerin Angela Merkel und Außenminister Frank-Walter Steinmeier sowie an die verantwortlichen Ministerien aller westlichen Staaten, mit Schreiben an alle Bundestagsabgeordneten, Flugblattverteilaktionen an alle Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes, Presseerklärungen und -konferenzen, bei Gesprächen mit Politikern und in Interviews sowie mit vielen anderen Menschenrechtsinitiativen engagiert sich die GfbV seit Jahren für die Evakuierung der verseuchten Flüchtlingslager.

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