Von Dr. Kamal Sido, Nahostreferent der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV)
„Die eine Hälfte der Menschen in der nordsyrischen Kurdenregion Afrin heißt Sido, die andere Hälfte entweder Hanan oder Manan“, sagte mir ein kurdischer Schriftsteller aus Irakisch-Kurdistan, als ich die Region im Jahr 2005 zum ersten Mal besuchte – damals, kurz nach der Befreiung des Irak durch die US-Amerikaner. Einer der bekanntesten Menschen, die diesen Namen trugen, ist leider am 1. September 2025 von uns gegangen: der deutsch-kurdische Kameramann Kamal Djamil Saydo. Auch wenn wir nicht miteinander verwandt waren, trugen wir den gleichen Namen, der auf Deutsch verschiedene Schreibweisen hat. Tatsächlich tragen viele Menschen aus Afrin nicht nur den Nachnamen Sido, sondern auch den Vornamen Kamal. Uns verband aber nicht nur unser Name und unsere gemeinsame Heimat in Nordsyrien, sondern auch unser Einsatz für Menschenrechte.
Kamal Djamil Saydo wurde 1939 im Dorf Tscholaqa in Afrin geboren. Ab 1949 besuchte er als Internatsschüler das Gymnasium in Aleppo und wurde anschließend Mitglied der verbotenen Kurdischen Demokratischen Partei in Syrien (KDP). Im Jahr 1959 wurde er zusammen mit zahlreichen anderen Kurden und Sympathisanten der KDP verhaftet. Er und die anderen Kurden wurden in erster Instanz vom Militärgericht zum Tode verurteilt. Die Begründung lautete „Hochverrat”. Aufgrund mangelnder Beweise wurde er 1961 aus dem Gefängnis entlassen. Da es in Syrien immer gefährlicher wurde, floh er 1962 in den Libanon. Von dort aus kam er nach Frankreich und schließlich nach Deutschland. 1965 erhielt er ein Stipendium vom „Kurdischen Studentenbund Europa“ und nahm im selben Jahr sein Studium an der Filmhochschule in Potsdam-Babelsberg in der DDR auf. Er heiratete 1969 seine Frau Angelika. Im April 1970 erhielt er sein Diplom und wurde im selben Jahr gemeinsam mit seiner Frau aufgefordert, die DDR innerhalb von drei Monaten zu verlassen. Sie lebten bis zuletzt gemeinsam in Warendorf bei Münster.
Kamal Djamil Saydos Lebenswerk ist geprägt durch seinen Einsatz für die Rechte der Kurden. Er reiste mehrfach in den Irak beziehungsweise nach Kurdistan und produzierte viele Beiträge zur Lage der Kurden für den WDR. 1973 lernte er den Gründer und langjährigen Generalsekretär der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV), Tilman Zülch, kennen und wurde Mitglied der GfbV. Im Jahr 2003 produzierte er für die GfbV eine filmische Dokumentation über die Verleihung des Victor-Gollancz-Preises. 2005 reiste er mit einer Gruppe der GfbV unter der Leitung von Tilman Zülch nach Irakisch-Kurdistan. Als Mitglied der GfbV setzte er sich für viele Minderheiten ein.
Bei der Jahreshauptversammlung der GfbV im Jahr 2015 ist es uns gelungen, seine Arbeit mit der Verleihung der Ehrenmitgliedschaft zu würdigen. Andere Organisationen haben es leider nicht mehr geschafft. Kurz vor der Corona-Pandemie, im Jahr 2020, wollte der bekannte nordsyrisch Radiosender Arta.fm, der Sendungen auf Arabisch, Kurdisch, Armenisch und Aramäisch ausstrahlt, ihn bei einer Veranstaltung in Bochum ehren. Aufgrund eines totalen Lockdowns musste die Veranstaltung jedoch abgesagt werden. Schon damals war Kamal erkrankt und hatte Schwierigkeiten, sich an bestimmte Dinge zu erinnern. Das fiel mir auf, wenn ich ihn telefonisch erreichte. Seine Frau Angelika kümmerte sich bis zuletzt um ihn. Sie war seine Lebenspartnerin und Unterstützerin. Wenn ich mit ihr telefonierte, bedankte ich mich immer wieder dafür, dass sie sich um diesen Kurden aus Afrin kümmerte. Kamal und sie mussten jedes Mal laut lachen. Sein Lachen wird uns bei den nächsten Jahreshauptversammlungen der GfbV sehr fehlen. Er begleitete unsere Menschenorganisation viele Jahre lang und war uns eine große Unterstützung.
Ich bin glücklich, dass ich Afrin dieses Jahr besuchen konnte, die Region, in der Kamal Djamil Saydo geboren wurde. Ich glaube, er hätte seine alte Heimat, die immer noch unter türkisch-islamistischer Besatzung leidet, auch gerne wiedergesehen. Er ist gestorben, ohne je die Möglichkeit gehabt zu haben, Afrin zu besuchen, das er vor 64 Jahren verlassen hatte. Ruhe in Frieden, lieber Kamal!

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