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Aktuelles News & Artikel Indigene Völker kämpfen um ihr Überleben

Rücksichtslose Ölförderung in Sibirien:

Indigene Völker kämpfen um ihr Überleben

Hinweis zum Sprachgebrauch in älteren Beiträgen

Der folgende ältere Beitrag kann Sprache und Formulierungen enthalten, die heute nicht mehr den Ansprüchen einer diskriminierungsfreien und sensiblen Ausdrucksweise entsprechen. Er wurde im historischen Kontext verfasst und bewusst unverändert gelassen, um unsere jahrzehntelange Menschenrechtsarbeit zu dokumentieren.

David gegen Goliath

„Unsere Proteste werden so lange andauern, bis die Ölunternehmen auf gleicher Augenhöhe mit uns verhandeln und unsere Forderungen umsetzen“, sagte Alseksej Limanso, Sprecher der indigenen Gruppen der Insel Sachalin im äußersten Nordosten Russlands während eines Besuchs bei der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) im Herbst 2005. Sein Volk, die Nivchen, siedelt im Norden von Sachalin und ist akut von Großprojekten der Ölriesen Shell und Exxon bedroht. „Nur noch 3% unserer Leute sprechen ihre Muttersprache. Ich versuche sie wieder zu lernen. Aber unsere Kinder durften während der Sowjetperiode nicht bei den Eltern aufwachsen, sondern wurden in Internate gesteckt, wo sie nur Russisch lernten und nichts erfahren konnten über ihre Herkunft und Kultur.“ Die Nivchen, Oroken, Ewenken und Nanai auf Sachalin haben sich entschlossen, gegen die Bauvorhaben der Unternehmen zu protestieren. Andere indigene Völker in der Russischen Föderation leiden schon seit Jahrzehnten unter der rücksichtslosen Ausbeutung der Ressourcen auf ihrem Land.

Probleme der Ureinwohnergruppen Russlands

– ölverseuchte Landstriche

– biologisch tote Flüsse und Bäche, Seen

– hohe Luftverschmutzung durch Abfackeln der Begleitgase

– Verlust der traditionellen Lebensweise durch die Folgen der Industrialisierung

– Krankheiten

– Arbeitslosigkeit

– Alkoholismus

– sehr niedrige Lebenserwartung

– keine Landrechte

Wer sind die „Indianer“ Russlands?

In der Russischen Föderation leben rund 200.000 Menschen aus 43 Völkern, die zu den kleinen Völkern des Nordens gehören (das bedeutet, dass ihrer Gruppe weniger als 50.000 Personen angehören). Dazu zählen die Saamen, Nenzen, Dolganen, Enzen, Ewenken, Chanten, Mansen, Ewenen, Tschuktschen, Inuit, Ngasanen, Nivchen, Itelmenen und viele andere. Diese Völker verbindet ihre enge, spirituelle Beziehung zu ihrem Land, ihre Religion, der Schamanismus, ihre immer den jeweiligen klimatischen Bedingungen angepasste und früher größtenteils nomadische Lebensweise als Rentierzüchter, Jäger, Sammler und Fischer. Sie teilen überdies die Geschichte der Unterwerfung durch das zaristische Russland, die massive Russifizierung, die Kollektivierung und Zerstörung ihrer Traditionen durch die sowjetischen Machthaber. Diese Geschichte ist vergleichbar mit der Ausrottung der Indianer Amerikas aber bei uns viel weniger bekannt.

Der Reichtum Russlands – Fluch für die „Kleinen Völker Sibiriens“

Die nördlichen Territorien erwirtschaften ein Fünftel des nationalen Einkommens Rußlands, sie erzeugen ein Zehntel der gesamten Industrieproduktion. Im Norden werden 75% des russischen Erdöls, 92% des Erdgases und 15% der Kohle der gewonnen. Auf die Region entfällt mehr als die Hälfte des Fischfanges. In den autonomen Regionen Chanty-Mansijsk und Jamalo-Nenjetzki werden täglich mehr als 200 Tonnen Erdöl und rund 560 Milliarden Kubikmeter Erdgas gefördert. Die größten ausländischen Investitionen werden zurzeit für den Aufbau der Öl- und Gasförderung auf Sachalin getätigt. Auf dem Land der indigenen Gruppen, unter ihren Wäldern, der Tundra und Taiga, den Seen und Flüssen, die ihnen heilig sind, lagern diese Rohstoffe. Durch ihre Förderung, wird der Lebensraum der sibirischen Urbevölkerung immer stärker beschnitten.

Rechtliche Probleme

Russland hat die Konvention 169 der International Labor Organisation ILO, einer Unterorganisation der UNO, die einzige internationale Konvention, die explizit Ureinwohnerrechte absichert, nicht ratifiziert. Einige der nationalen Schutzbestimmungen für Ureinwohner wurden mit der russischen Gesetzesreform vom 22.08.2004 aufgehoben. Darunter fielen zum Beispiel ihr Recht auf Mitbestimmung bei der Kontrolle über die Naturressourcen sowie das Recht, Repräsentanten in die lokale Verwaltung zu entsenden und regionale Selbstverwaltungsorgane aufzubauen.

Außerdem werden Gesetze, die für die indigenen Gruppen gelten und in Moskau erlassen wurden, in den Regionen nicht umgesetzt. Deshalb versuchen Organisationen der Volksgruppen, Repräsentanten sibirischer Völker darin zu schulen, welche Rechte sie nach dem russischen Gesetz haben und wie sie sie einfordern können.

Große Befürchtungen löst zurzeit der neue Waldkodex aus, der vorsieht, dass 70% der russischen Wälder in Privatbesitz übergehen sollen. Bei Versteigerungen soll der Meistbietende Waldgebiete zugesprochen bekommen, die dann für 99 Jahre genutzt werden können. Ureinwohner haben kein Geld, um mitzubieten und damit keine Chance, ihr Land zu schützen.

Deutschland – Das andere Ende der Pipeline

Die Bundesrepublik bezieht 30% des Erdöls und knapp 40% des Erdgases aus der Russischen Föderation, aus den Gebieten, wo die „kleinen Völker“ leben. Diese Abhängigkeit von den russischen Ressourcen hat einerseits einen großen Einfluss auf die deutsche Außenpolitik, andererseits bringt sie eine Verantwortung für die Menschen in den Fördergebieten mit sich. Durch Zusammenarbeit im Umweltbereich, durch Projekte, die Indigene fördern und höchste Standards bei der Öl- und Gasförderung muss verantwortungsvolles Handeln von deutscher Seite sichtbar werden.

Das tut die GfbV:

– Die GfbV hat ein Projekt auf der Insel Kamtschatka durchgeführt, wo die traditionelle Fischfangflotte der Itelmenen wieder aufgebaut wurde.

– Die GfbV unterstützt die Proteste der Ureinwohnergruppen auf Sachalin.

– Die GfbV hat drei Memoranden (Ölförderung auf Sachalin, der neue Waldkodex, Indigene und Ölförderung) veröffentlicht.

– Die GfbV hat Vertreter der „kleinen Völker des Nordes“ auf Lobbyreisen zur UN Arbeitsgruppe Indigene, zum Europarat und Ministerien in Berlin betreut und plant, diese Unterstützung auszubauen.

– Die GfbV hat durch Menschenrechtsaktionen und Veranstaltungen Sibirien zum Thema gemacht. Eine bundesweite Kampagne soll dies noch verstärken.

Das können Sie tun:

– Beteiligen Sie sich an unseren Appellaktionen an die deutsche Firma Wintershall, die in Russland Gas fördert. Einen entsprechenden Brief finden Sie auf unserer Internetseite www.gfbv.de.

– Beteiligen Sie sich an unserer Unterschriftenaktion zu den verheerenden Folgen des Klimawandels für die Menschen in Sibirien unter www.gfbv.de

– Informieren Sie andere, indem sie dieses Faltblatt bei uns nachbestellen und verteilen.

– Unterstützen Sie die Arbeit der GfbV für die sibirischen Indigenen durch Ihre Mitgliedschaft oder eine Spende.

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