Vor elf Jahren wurde in der kurdischen Region Afrîn die erste kurdische Universität Syriens gegründet. Zu ihrem Gründungstag am 26. Juli erinnert die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) an ihre Zerstörung durch den türkischen Staat und dessen andauernde Verbrechen in Nordsyrien.
„Nur drei Jahre nach ihrer Gründung wurde die Universität nach der völkerrechtswidrigen Besatzung Afrîns durch die Türkei geschlossen und zum Teil zerstört. Ihr Schicksal steht symbolisch für die Zerstörung und Verdrängung der kurdischen Kultur und Sprache in Afrin unter türkischer Besatzung“, sagt Dr. Kamal Sido, Nahostreferent der GfbV.
„Mit dem Sturz des Assad-Regimes ist zwar eine offizielle Begründung des türkischen Staates für die Besetzung Afrîns entfallen, grundlegend geändert hat sich die Lage vor Ort jedoch nicht. Faktisch bestimmt die Türkei die Politik des syrischen Regimes, insbesondere Entscheidungen, die die Kurden betreffen. In dieser Hinsicht geschieht nichts ohne türkische Zustimmung“, betont Sido.
„Die Türkei kontrolliert weiterhin das gesamte öffentliche Leben in Afrîn. Türkische Institutionen fördern im Sinne des türkischen Staates den Islam und die türkische Sprache. Die türkische Lira ist in Afrin die dominierende Währung. Auch die Telekommunikationsgesellschaften, Telefon- und Internetnetze sind türkisch. Zudem gibt es weiterhin vier türkische Militärbasen“, berichtet der Nahostreferent. Dadurch könne der türkische Staat das Leben der verbliebenen Kurden in Afrîn vollständig kontrollieren. Das Ziel des türkischen Staates bleibe, die kurdische Sprache und Kultur so stark einzuschränken, dass sie möglichst ausgelöscht werden.
In den Dörfern und Ortschaften, aus denen sich die türkische Armee und ihre islamistischen Milizen zurückgezogen haben, hinterlassen sie eine Spur der Verwüstung und Zerstörung. Ein Beispiel ist das kurdische Dorf Basile in Afrîn, das nach der Besatzung durch die türkische Armee 2018 in den letzten Tagen geräumt wurde. „Ehemalige Bewohner, die zum ersten Mal seit acht Jahren zurückgekehrt sind, haben mir berichtet, dass fast nichts mehr von ihrem Dorf übrig ist. Haustüren, Fenster, Fliesen und sogar Grabsteine wurden abtransportiert. Fast 90 Prozent der Häuser sind zerstört oder unbewohnbar. Selbst der Friedhof des Dorfes, auf dem viele meiner Verwandten begraben liegen, wurde in Teilen zerstört und geschändet“, sagt Sido.
Auch das Regime in Damaskus versuche, die Region stärker zu arabisieren und zu islamisieren. Ein Beispiel hierfür sei der Versuch des neuen Machthabers al-Scharaa, den Namen der kurdischen Stadt und Region Kobanê, die weltweit als Symbol des Widerstands gegen den „Islamischen Staat“ (IS) gelten, zu arabisieren. Der kurdische Name Kobanê soll durch „Ain al-Arab“ („Quelle der Araber“) ersetzt werden. Obwohl Syrien nach dem Ende der französischen Kolonialherrschaft lediglich „Republik Syrien“ hieß, soll die Bezeichnung „Arabische Republik Syrien“ nicht geändert werden. All diese Maßnahmen des neuen Regimes in Damaskus widersprechen laut der GfbV den Interessen der syrischen Minderheiten, zu denen die Kurden, Assyrer/Aramäer, Drusen, Alawiten, Ismaeliten und Yeziden gehören.

Dr. Kamal Sido
Referent für Nahost
Thematische Schwerpunkte:
- Ethnische-, religiöse- und sprachliche Minderheiten und Nationalitäten in Nahost
- Naher und Mittlerer Osten
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