Die Menschenrechtsorganisationen Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) und FIAN Deutschland unterstützen die Forderung der Maasai International Solidarity Alliance (MISA) nach einer unabhängigen Untersuchung des Todes von zehn Löwen im Gebiet Ndutu in der Ngorongoro Conservation Area (NCA) in Tansania. Am 18. September 2026 wurden die toten Tiere in dem Gebiet entdeckt, in dem hauptsächlich die indigenen Maasai leben. Die Organisationen äußern sich besorgt über den Vorfall und kritisieren zugleich die mediale Berichterstattung darüber.
Am 19. September veröffentlichte die NCAA eine Mitteilung, wonach die Löwen möglicherweise Gift gefressen hätten. Die internationale Berichterstattung über den Vorfall legt nahe, Anwohner hätten die Löwen vergiftet. „Bislang liegen keine belastbaren Beweise vor, dass die Tiere tatsächlich von lokalen Viehhaltern vergiftet wurden. Diese Vorwürfe müssen erst unabhängig untersucht werden. Dennoch haben internationale Medien den Vorfall mit den lokalen Bewohnern in Verbindung gebracht“, betonen die GfbV und FIAN. Zudem sei die NCAA keine unabhängige Behörde, sondern für die Vertreibung der Maasai aus ihren Gebieten mitverantwortlich.
Die Organisationen rufen Medien dazu auf, in ihrer Berichterstattung den Kontext der Lage vor Ort zu erklären und nicht einseitig zu beleuchten. Der Vorfall ereignet sich in einer bereits sehr angespannten Situation: Die NCAA schränkt derzeit den Zugang der lokalen Maasai-Gemeinschaften zum Gebiet Oldupai/Ndutu ein, welches in der aktuellen Trockenzeit ein wichtiges Weideland darstellt. Es ist für das Überleben der Maasai unerlässlich und steht zugleich unter erheblichem Druck durch touristische Erschließung. MISA befürchtet, dass der Tod der Löwen instrumentalisiert werden könnte, um weitere Einschränkungen und Umsiedlungen der Maasai in der Region zu rechtfertigen.
„Für den Safari- und Jagdtourismus werden immer mehr Flächen im Norden Tansanias zu Naturschutzgebieten umgewidmet. Diese Entwicklung wird seit Jahrzehnten gezielt dazu genutzt, die Maasai aus ihren angestammten Gebieten zu vertreiben. Dabei wird immer wieder argumentiert, dass die Anwesenheit der Maasai negative Auswirkungen hat. Dabei leben sie seit Jahrhunderten im Einklang mit der Natur und den Wildtieren und schützen das lokale Ökosystem“, erklären FIAN und die GfbV. Das Bild werde zudem gezielt verzerrt: Der Massentourismus stelle eine weit größere Belastung für die Natur dar als die lokale Bevölkerung.
„Wir fordern eine unverzügliche, transparente, unabhängige und partizipative Untersuchung des Todes der zehn Löwen. Die Untersuchung sollte alle möglichen Todesursachen objektiv prüfen und feststellen und darf sich nicht von vorgefassten Annahmen oder Anschuldigungen gegen die lokalen Gemeinschaften leiten lassen“, erklärt MISA in einem Statement. Es sei zudem von entscheidender Bedeutung, dass die in dem Gebiet lebenden Gemeinschaften aktiv in den Prozess einbezogen werden. Das traditionelle ökologische Wissen der Maasai und ihre langjährige Erfahrung im Zusammenleben mit Wildtieren könnten wertvolle Erkenntnisse zum Verhalten der Tiere, zu Umweltveränderungen und den möglichen Todesursachen liefern – und zugleich zur Glaubwürdigkeit, Unparteilichkeit und Legitimität der Untersuchung beitragen.
GfbV und FIAN unterstützen den Appell an die NCAA, die zuständigen Regierungsbehörden und die im Naturschutz und Tourismus tätigen Interessengruppen,
- von jeglichen Einschränkungen abzusehen, die den Zugang der Maasai zu ihren Weideflächen einschränken;
- von jeglicher Gewalt oder Schikanierung gegenüber pastoral lebenden Gemeinden abzusehen.

Laura Mahler
Referentin für Subsahara-Afrika
Thematische Schwerpunkte:
- Namibia
- Ovaherero und Nama
- Maasai
- Tansania
- Westsahara
E-Mail: l.mahler@gfbv.de
Telefon: +49 3051 695 825 3