Die Gesellschaft für bedrohte Völker verurteilt die Ankündigung des serbischen Justizministers Nenad Vujić, Ratko Mladić mit höchsten staatlichen Ehren beizusetzen, aufs Schärfste. „Ein rechtskräftig wegen Völkermords, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen verurteilter Mann darf nicht durch staatliche Ehren nachträglich zum Vorbild und Helden stilisiert werden. Dies ist eine erneute Verhöhnung seiner Opfer und ihrer Familien“, sagt Belma Zulčić, Direktorin der GfbV in Bosnien und Herzegowina.
„Ratko Mladić konnte 84 Jahre alt werden. Tausenden seiner Opfer wurde diese Möglichkeit genommen. Er war hauptverantwortlich für den Völkermord von Srebrenica, bei dem mindestens 8.372 bosniakische Männer und Jungen im Juli 1995 ermordet wurden. Während der jahrelangen Belagerung Sarajevos starben Tausende Zivilisten beim Wasserholen, auf Märkten und auf dem Weg zur Arbeit. Kinder wurden gezielt auf dem Weg in die Schule oder beim Spielen beschossen. Unsere Gedanken müssen heute in erster Linie bei ihnen, den Überlebenden und ihren Familien sein“, erklärt Zulčić.
Mladić verbrachte die letzten 15 Jahre seines Lebens in der Obhut der internationalen Strafjustiz. Er hatte Zugang zu ärztlicher Behandlung und medizinischer Überwachung und wurde auch in seiner letzten Lebensphase stationär behandelt. Darin liegt ein bitterer Gegensatz zum Schicksal seiner Opfer: Ihnen wurden Schutz und medizinische Hilfe genommen, Tausenden von ihnen auch das Recht auf Leben.
Die erneute öffentliche Verherrlichung Mladićs durch hochrangige Politiker in der Republika Srpska und Serbien bezeichnet die GfbV als alarmierend. Besonders erschreckend sei, dass diese Verherrlichung zunehmend Teil der öffentlichen Erinnerungspolitik werde.
Am Abend seines Todes fanden in zahlreichen Orten der Republika Srpska und Serbiens Kundgebungen und öffentliche Aktionen zu Ehren Mladićs statt, darunter in Zvornik sowie Fackelmärsche in Belgrad und Novi Sad. Dabei wurden auch nationalistische Parolen und Botschaften verbreitet, die sich gegen das Zusammenleben in Bosnien und Herzegowina richteten und die Opfer der von Mladić zu verantwortenden Verbrechen verhöhnten. Besonders verstörend waren die Szenen in Zvornik, wo eine Menschenmenge unter lautem Skandieren von Mladićs Namen an einer Moschee vorbeizog – in einer Stadt, in der während des Krieges Tausende Bosniaken vertrieben und ermordet wurden.
Milorad Dodik, ehemaliger Präsident der Republika Srpska, verband Mladićs Rolle mit der „Freiheit“ und dem „Überleben des serbischen Volkes“, erklärte, die Republika Srpska werde ihn nicht vergessen, und bezeichnete seinen Tod als „Mord“. Radan Ostojić, Minister für Arbeit und Veteranen- und Kriegsinvalidenfürsorge der Republika Srpska, nannte Mladić einen „Helden und Kämpfer“ und erklärte, sein Grab solle zu einem Pilgerort für das serbische Volk werden. Der Bürgermeister von Laktaši, Miroslav Bojić, kündigte an, eine neue Straße im Stadtzentrum nach Mladić benennen zu wollen. „Hier soll ein verurteilter Kriegsverbrecher dauerhaft als nationale Identifikationsfigur etabliert werden. Das ist eine gefährliche Botschaft an junge Menschen und kommende Generationen“, so Zulčić.
Auch aus Serbien bekam er bis zuletzt Unterstützung. Der serbische Präsident Aleksandar Vučić setzte sich noch wenige Tage vor Mladićs Tod dafür ein, ihn aus humanitären Gründen freizulassen und zur medizinischen Versorgung nach Serbien zu überstellen. Vergessen werden darf auch nicht, dass Mladić nach seiner Anklage jahrelang unbehelligt in Serbien lebte und dort von staatlichen und militärischen Strukturen geschützt wurde, bevor er 2011 schließlich verhaftet und nach Den Haag überstellt wurde.
Die Gesellschaft für bedrohte Völker fordert die Regierungen der EU-Mitgliedstaaten, die Institutionen der Europäischen Union sowie den Europarat auf, die öffentliche Verherrlichung Ratko Mladićs und anderer rechtskräftig verurteilter Kriegsverbrecher unmissverständlich zurückzuweisen. Die Anerkennung der Urteile internationaler Gerichte und der Respekt vor den Opfern dürfen nicht als innerpolitische Angelegenheit Serbiens oder der Republika Srpska behandelt werden.
„Internationale Institutionen müssen die Kräfte unterstützen, die sich für die Aufarbeitung der Verbrechen, den Schutz der Erinnerung an die Opfer und eine auf historischen und gerichtlich festgestellten Tatsachen beruhende Erinnerungskultur einsetzen. Wer ein friedliches und demokratisches Europa will, darf nicht schweigen, wenn verurteilte Kriegsverbrecher zu Helden erklärt werden“, betont Zulčić.
Sie erreichen Belma Zulčić, Direktorin der GfbV-Sektion in Bosnien und Herzegowina, unter 23]E6?]9:3o2D0G378 oder (+387) 61 220 883 oder (+387) 33 213 707.
