Hinweis zum Sprachgebrauch in älteren Beiträgen
Der folgende ältere Beitrag kann Sprache und Formulierungen enthalten, die heute nicht mehr den Ansprüchen einer diskriminierungsfreien und sensiblen Ausdrucksweise entsprechen. Er wurde im historischen Kontext verfasst und bewusst unverändert gelassen, um unsere jahrzehntelange Menschenrechtsarbeit zu dokumentieren.
Die etwa 5.000 Angehörigen der U’wa wenden sich seit Jahren gegen eine Erölförderung des US-Konzerns Occidental Petroleum (Oxy) auf ihrem Gebiet. Die Indianer hatten sogar mit kollektiver Selbsttötung gedroht. Anfang 2000 kamen drei U’wa-Kinder ums Leben, als Soldaten die friedliche Blockade einer Straße gewaltsam auflösten. Jetzt können die U’wa erst einmal aufatmen: Bei Probebohrungen im „Block Gibraltar I“, der mitten im U’wa Gebiet liegt, fand Oxy keine nennenswerten Öl-Vorkommen. Im Juli 2001 kündete der Ölkonzern an, seine dortigen Pläne aufzugeben. Damit sind die U’wa aber nicht alle Sorgen los.
In Kolumbien wird schon seit Beginn des 20. Jahrhunderts Erdöl gefördert. Die heute bekannten Ölreserven des Landes betragen etwa 2,6 Milliarden Barrel. Zusammen mit Venezuela, wo schätzungsweise 77 Milliarden Barrel lagern, und Mexiko ist Kolumbien ein wichtiger Öllieferant der USA, die ihre Abhängigkeit vom zunehmend als unsicher geltenden Nahen Osten reduzieren wollen. Daher muss es nicht verwundern, wenn die US-Regierung ihren berüchtigten „Plan Colombia“ (vgl. pogrom 208) auch als Mittel sieht, die eigene Rohstoffzufuhr zu sichern.
BP Amaco ist der größte ausländische Investor in Kolumbien und kontrolliert das größte Erdölfeld im Gebiet Cusiana-Cupiagua im Departement Casanare. Oxy ist im zweitgrößten Fördergebiet tätig, dem Caño Limón. Auch auf Drängen der Konzerne ist über ein Viertel der kolumbianischen Armee zum Schutz der Ölfelder abkommandiert. Seit 1992 gibt es eine Art Kriegssteuer von über einem US-Dollar auf jedem Barrel Öl, das von ausländischen Firmen gefördert wird. Der US-Multi Oxy gibt ca. 10 Prozent seines Kolumbien-Budgets für direkte Zahlungen an die Streitkräfte aus. Im November 2000 begleiteten über 2.000 Sicherheitsbeamte des Staates den Transport der Gerätschaften von Occidental Petroleum zur Bohrstelle im U’wa-Gebiet. Zur Armee gesellen sich auch Angehörige von paramilitärischen Gruppen, die sich den Ölmultis andienen, um Gegner der Ölförderung in Gewerkschaften, Menschenrechtsorganisationen und der Kirche zu bedrohten, zu verfolgen und zu ermorden.
Auch für die linken Guerillabewegungen Kolumbiens ist die Ölförderung eine wichtige Einnahmequelle. Die ELN (das „Nationale Befreiungsheer“) hat seit 1986 über 1.000 Sprengstoffattentate gegen Ölpipelines verübt, Hunderte von Angestellten der Ölfirmen verschleppt und zig-Millionen US-Dollars an Löse- oder Schutzgeldern erpresst. Im Bundesstaat Putumayo übt die FARC-Guerrilla Druck auf indigene Gemeinschaften aus, ihren Widerstand gegen die Ölförderung aufzugeben. 1999 ermordete die FARC drei Unterstützer aus den USA, die den internationalen Widerstand organisieren halfen.
Für die U’wa wurden die Aktivitäten von Oxy in Caño Limón zu einem Menetekel. Die ursprünglich dort lebenden Guahibo sind heute völlig verarmt und kulturell entwurzelt, die Landschaft hat sich radikal verwandelt. Mit internationaler Unterstützung haben die U’wa deshalb die verschiedensten Register des Widerstandes gezogen. Mit ihren Klagen gegen Ölförderung auf ihrem Gebiet zogen sie vor nationale Gerichte und den Interamerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte, zur UNO, zum Europäischen Parlament und in mehrere EU-Staaten. Sie protestierten bei Aktionärsversammlungen von Oxy in den USA. Immerhin vermochten die U’wa dadurch Mindeststandards bei der Umweltverträglichkeitsprüfung und der Konsultation im Raumordnungsverfahren durchzusetzen und das Projekt damit über Jahre zu verzögern. Zudem erreichten sie eine beträchtliche Vergrößerung ihres Reservats.
Doch der eigentliche Kern des Konflikts blieb für die U’wa ungelöst: Im Frühjahr 2001 begann Oxy seine Probebohrungen auf ihrem Territorium. Nach dem Teilrückzug des Konzerns können die Indianer zwar aufatmen, doch setzen sie jetzt Ihren Widerstand gegen Ölbohrungen von Oxy im „Block Capachos I“ fort. Für die U’wa gilt noch immer das prinzipielle Nein zur Erdölförderung, mit dem sie Unterstützer in aller Welt für sich gewonnen haben: Das „Blut der Erde“ darf nicht abgezapft werden.

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