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Aktuelles News & Artikel Viktoria Mohacsi über die Lage der Sinti und roma

Interview:

Viktoria Mohacsi über die Lage der Sinti und roma

Hinweis zum Sprachgebrauch in älteren Beiträgen

Der folgende ältere Beitrag kann Sprache und Formulierungen enthalten, die heute nicht mehr den Ansprüchen einer diskriminierungsfreien und sensiblen Ausdrucksweise entsprechen. Er wurde im historischen Kontext verfasst und bewusst unverändert gelassen, um unsere jahrzehntelange Menschenrechtsarbeit zu dokumentieren.

Aus: bedrohte völker_pogrom 254, 3/2009

„Die derzeitige Lage ähnelt der vor dem Zweiten Weltkrieg“

Viktoria Mohacsi (34) ist ungarische Roma und seit 2004 Europaparlamentarierin in der Fraktion der Allianz der Liberalen und Demokraten. „bedrohte Völker – pogrom“ befragte sie zu ihrer Arbeit im Europäischen Parlament und ihrer Sicht auf die Situation der Roma in Europa.

bedrohte Völker: Wie beurteilen Sie die derzeitige generelle Situation der Sinti und Roma in Europa sowie speziell in ihrem Heimatland Ungarn?

Mohacsi: Ich kenne die momentane Lage der Sinti nicht gut genug, um mir ein generelles Urteil erlauben zu können. Deswegen beschränken sich meine Antworten auf die Roma in Europa. Deren Situation gibt nicht einfach nur Anlass zur Sorge. Besonders in Italien und Ungarn, aber auch in anderen europäischen Ländern ähnelt ihre Lage der in den Jahren vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. Meiner Meinung nach erinnert die Stimmung heutzutage, wenn auch nicht im gleichen Ausmaß, definitiv an die Radikalisierung, die zu den antisemitischen, antihomosexuellen und antiziganistischen Erscheinungsformen während der Wirtschaftskrise vor dem Zweiten Weltkrieg geführt hat. Wenn EU-Mitgliedsstaaten und die Gemeinschaft als Ganzes eine erneute derartige Tragödie verhindern wollen, müssen sie jetzt handeln.

bedrohte Völker: Wie kann die Europäische Union die Situation der Roma verbessern?

Mohacsi: Die EU tut viel in Bezug auf die Gesetzgebung. Es gibt zahlreiche gute Richtlinien, die, wenn sie richtig umgesetzt werden, zu sichtbareren Ergebnissen führen könnten. Natürlich könnte die EU-Gesetzgebung weiter verbessert werden, neue Richtlinien und Vorschriften könnten die Menschenrechtssituation der Roma weiter verbessern. Aber was zur Zeit viel wichtiger ist, ist dass die bereits bestehenden Gesetze umgesetzt werden. Dies betrifft nicht nur die EU-Gesetzgebung, sondern auch nationale Gesetze. Lassen Sie mich ein Beispiel nennen: In Ungarn gibt es seit einigen Jahren ein Gesetz, dass getrennte Schulen nicht toleriert werden dürfen. Trotzdem gibt es noch immer getrennte Roma-Schulen und –Klassen. Das ist das Ergebnis, wenn ein gutes Gesetz nicht umgesetzt wird. Ich habe mich persönlich sehr dafür eingesetzt und Druck auf Politiker ausgeübt, um genau dieses Gesetz umzusetzen, doch leider mit wenig Erfolg.

bedrohte Völker: Was können Roma tun, um sich selbst zu helfen und wie können andere sie unterstützen?

Mohacsi: Das ist eine sehr oft gestellte Frage: „Wie können sich die Roma selbst helfen?“, oder „Warum tun die Roma nicht mehr für sich selbst?“. Nun ja, sie tun, was sie können. Zum Beispiel versuchen Roma-NGOs durch Lobbying Einfluss auf Politik und Gesellschaft zu nehmen. Was können andere tun? Ich denke, man sollte den von den Roma geäußerten Bedenken und Sorgen zuhören und sie generell in Entscheidungsprozesse mit einbeziehen – insbesondere natürlich, wenn diese sie selbst betreffen. Die Politik sollte keinerlei rassistische Äußerungen oder Anti-Roma-Stimmungen tolerieren.

bedrohte Völker: Wie wird sich die Situation der Roma Ihrer Meinung nach in den nächsten zehn Jahren entwickeln.

Mohacsi: Das weiß ich nicht, ich bin ja keine Hellseherin. Ich kann nur hoffen, dass die positiven Initiativen wie die Dekade der Roma-Integration zu maßgeblichen Verbesserungen führen werden. Schlimmstenfalls, befürchte ich, werden Roma von aller Welt ignoriert, noch weiter marginalisiert und in noch dunklere und total verarmte Ghettos verdrängt. Ich hoffe jedoch sehr, dass dies nicht ihre Zukunft sein wird.

[Interview und Übersetzung]

Katja Wolff

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