Bildnachweis Titel: Das Foto von Julio Hernández zeigt zwei Männer bei der Kakteenernte in der Nähe der peruanischen Stadt San Bartolomé.
Liebe Leser*innen,
Ernährung ist grundlegend für unser Dasein und wird doch vielfach in Bedeutung und Wirkung unterschätzt. Zusammengenommen ist das Agrifood-System, also die Wertschöpfungskette vom Saatgut und Dünger über die Agrartechnik und Ernte bis zum Transport, der Verarbeitung sowie dem Handel und der Gastronomie mit einem jährlichen Umsatz von rund 14 bis 17,5 Billionen Euro der größte materielle Markt der Welt (einzig das globale Finanzsystem bewegt noch größere Summen). Rund 1,2 Milliarden Beschäftigte – etwa ein Drittel der gesamten Menschheit im erwerbsfähigen Alter – erwirtschaften auf Feldern, in Fabriken und Restaurants fast 20 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts. Rechnerisch sind das genügend Kalorien für zehn bis zwölf Milliarden Menschen, also ein deutlicher Überschuss. Allerdings verfüttern wir 36 Prozent der Erntekalorien an Nutztiere und verbrauchen 9 Prozent im Tank oder für die Industrieproduktion. Außerdem landet ein Drittel im Müll. Im Ergebnis werden längst nicht alle satt. Zwar sank in den vergangenen 25 Jahren der Anteil der Menschen, die sich nicht ausreichend ernähren können, aber der Welthunger-Index prognostiziert, dass mindestens 56 Länder bis 2030 keinen niedrigen Hungerwert erreichen werden.
Ein Grund sind Krieg, Ausgrenzung und Vertreibung, bei denen Nahrung zur Waffe werden kann, wie Beiträge zu(m) Sudan (S. 32), Myanmar (S. 28), Brasilien (S. 34), der Ukraine (S. 38), Gaza (S. 11) und Tansania (S. 42) zeigen. Zudem sind die Folgen der drastisch gesunkenen Budgets für humanitäre Hilfe (S. 24) in den Zahlen noch gar nicht erfasst. Und auch der aktuelle El Niño könnte die Nahrungssicherheit von Millionen von Menschen beeinträchtigen.
Während die einen hungern, werden die anderen immer dicker: Sechs von zehn Erwachsenen weltweit könnten im Jahr 2050 übergewichtig beziehungsweise fettleibig sein. Und selbst Feuer, Wassermanagement, Klimakrise, Energiesektor und Bergbau zusammengenommen bedrohen die Artenvielfalt auf dem Planeten nicht so stark wie unser Ernährungssystem.
Wer sich wehrt, lebt gefährlich. Zwischen 2012 und 2022 wurden weltweit über 1.900 Menschen umgebracht, die sich für Land- und Menschenrechte ein-gesetzt hatten. Beides lässt sich kaum voneinander trennen und betroffen sind vor allem Mitglieder von indigenen Gemeinschaften. „Unser Ernährungssystem ist komplett zerbombt“, fasst die viel gereiste Köchin Antje de Vries es im Interview (S. 64) pointiert zusammen. Agrarökonom Professor Matin Qaim fordert in dieser Ausgabe mehr Markt (S. 18) und der Soziologe Rodrigo Yáñez warnt genau davor (S. 48).
Ich hoffe, Sie können diese Vielfalt aushalten, vielleicht sogar genießen, wie eine Patarasca mit scharfer Chilisauce (S. 46) oder ein warmes Chapo (S. 44).
Eine gute Lektüre und viele Impulse wünscht…
Holger Isermann
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