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Aktuelles News & Artikel Genozid-Nachkommen fordern Gerechtigkeit im Bundestag

Genozid-Nachkommen fordern Gerechtigkeit im Bundestag

Berlin, 14.10.2026 – In der heutigen Plenarsitzung debattiert der Deutsche Bundestag über die vollumfängliche Anerkennung der deutschen Völkermorde an den OvaHerero und Nama im heutigen Namibia von 1904 bis 1908. Die Völkermorde waren die ersten des 20. Jahrhunderts.

Jeweils zwei Vertreter der Ovaherero Traditional Authority (OTA) und der Nama Traditional Leaders Association (NTLA), der beiden wichtigsten Vertreterorganisationen dieser Völker, wohnen auf Einladung der Bundestagsfraktion Die Linke der Plenardebatte bei. Der Parlamentsantrag wurde in direkter Abstimmung mit OTA und NTLA erarbeitet.

Seit 2015 handelt die Bundesregierung mit der namibischen Regierung ein sogenanntes Versöhnungsabkommen aus. Von Beginn an ausgeschlossen sind die betroffenen Gemeinschaften selbst. Das Abkommen sieht keine vollumfängliche Anerkennung des Völkermordes, Entschuldigung und Reparationen an die Nachkommen vor, sondern lediglich die Zahlung eines „Wiederaufbaufonds“ an die namibische Regierung. Von den Betroffenenverbänden werden diese Verhandlungsergebnisse mehrheitlich als unmoralisch und unrechtmäßig abgelehnt.

Paramount Chief Mutjinde Katjiua, Oberhaupt der Ovaherero Traditional Authority: „Deutschland steht vor einer klaren Wahl: das Unrecht fortzuschreiben – oder der Menschenwürde gerecht zu werden durch die vollumfängliche Anerkennung des Völkermords an den OvahHerero und Nama und durch glaubhaftes, wiedergutmachendes Handeln.“ Gaob Daniel Timotheus Frederick, Mitglied der Nama Traditional Leaders Association: „Deutschlands Handeln im heutigen Namibia zeugt von einer kolonialen Kontinuität. Raubten die Deutschen früher unser Land für ihre Viehzucht und Diamantenminen, so rauben sie uns heute die Ressourcen zur Befriedigung ihres Energiehungers. Doch es kann kein gerechtes Wirtschaften ohne indigene Gerechtigkeit geben.“ Julia Manek, Referentin für südliches Afrika bei der Hilfsorganisation medico international: „Es stünde dem Bundestag gut zu Gesicht, die barbarische Gewalt des Kaiserreiches klar zu benennen und zu verurteilen. Für die Nachfahr:innen der Opfer würde dieser Schritt Großes bedeuten: die Aussicht auf eine Wiederherstellung ihrer Würde als Gemeinschaft und ihrer Lebensgrundlagen. Der Bundestag muss die vollumfängliche Anerkennung des Völkermords beschließen – samt entschädigungsrelevanter Entschuldigung und direkter Teilhabe der OvaHerero und Nama.“ Charlotte Neuhäuser (MdB), Sprecherin für Globale Gerechtigkeit der Bundestagsfraktion Die Linke: „Weil die Nachfahr:innen der Opfer bis heute Gerechtigkeit einfordern und dabei von beiden Regierungen systematisch aus den Wiedergutmachungsverhandlungen ausgeschlossen werden, gibt unser im Bundestag eingebrachter Antrag den OvaHerero und Nama eine laute Stimme. Ausgearbeitet in enger Zusammenarbeit mit den Communities, trägt er ihre Forderungen – aus Namibia und aus der Diaspora – ins Herz der deutschen Demokratie.“

Historischer Hintergrund

Zwischen 1904 und 1908 führte das Deutsche Kaiserreich in der Kolonie „Deutsch-Südwestafrika“ Vernichtungsfeldzüge gegen OvaHerero und Nama durch. Gegen beide Völker erließ Generalleutnant Lothar von Trotha schriftliche Vernichtungsbefehle, in deren Folge rund 80 Prozent der OvaHerero und etwa die Hälfte der Nama getötet wurden. Konzentrationslager wie auf der Haifischinsel und Zwangsarbeit waren Teil des Vernichtungsbestrebens. Diesen ersten Genoziden des 20. Jahrhunderts fielen auch Angehörige der Damara und San zum Opfer.

Die Folgen wirken bis heute fort: Die Nachkommen der Überlebenden Nama, OvaHerero, Damara und San kämpfen nicht nur gegen die generationsübergreifende vererbte Armut, in die sie gezwungen wurden, während eine kleine Minderheit aus weißen, insbesondere deutschsprachigen Siedlernachfahren in Namibia weiterhin rund 70 Prozent des Agrarlandes besitzt. Sie müssen sich auch gegenüber deutsch-nationalistischen Siedlerverbänden mit Verbindungen zur AfD behaupten.

Über das Bündnis

Das transnationale Bündnis „No Amnesty on Genocide! / Völkermord verjährt nicht!“ setzt sich seit seiner Gründung 2011 – anlässlich der ersten Rückgabe von menschlichen Gebeinen, die für rassistische Forschung nach Deutschland verschleppt worden waren – für Anerkennung, Entschuldigung und Wiedergutmachung ein. Die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) und medico international sind Teil des Bündnis Völkermord verjährt nicht.

Hinweis für Redaktionen

Laura Mahler

Laura Mahler

Referentin für Subsahara-Afrika

Thematische Schwerpunkte:

  • Namibia
  • Ovaherero und Nama
  • Maasai
  • Tansania
  • Westsahara

E-Mail: l.mahler@gfbv.de 

Telefon: +49 3051 695 825 3