Gefriertruhen und Gift gefährden die Existenzgrundlage der Yagua
Flussaufwärts plündern kommerzielle Fischer mit rücksichtslosen Fangmethoden die Fischbestände in den Gewässern des peruanischen Amazonasgebiets. Flussabwärts trägt die Strömung dann oft nur noch die traurigen Reste. Entlang des Orosa-Flusses kämpfen die Menschen deshalb um den Schutz ihrer Ressourcen und Territorien.
Von Theodor Borrmann
Die Häuser des Dorfs Comandancia liegen wie aufgefädelt an einer Perlenschnur entlang des östlichen Ufers des Orosa-Flusses. Für die in Comandancia lebenden indigenen Yagua bildet der Fluss die Lebensgrundlage: Er ist nicht nur eine willkommene Wasserquelle, nicht nur ein Ort zum Waschen, nicht nur ein Weg zu benachbarten Ortschaften, sondern er versorgt das Dorf vor allem auch mit notwendiger Nahrung. Die meisten Menschen hier leben vom Fischfang.
Rocio lebt mit ihrem Mann und ihren Kindern im südlichen Zipfel von Comandancia. Als ich mit ihr und anderen Frauen über den Fischfang spreche, klagt sie über die zurückgehenden Bestände: „Früher gab es massenweise Fisch. Mein Vater erlegte mit seinem Speer Liza, Palometa, Sabalo [begehrte Speisefische; Anm. d. A.]. … Heutzutage fangen wir weniger; und manchmal gar keinen Fisch.”

Bearbeitung: studio mediamacs Bozen

Foto: © Theodor Borrmann
Frischer Fisch um jeden Preis
Ein Hauptgrund für den Rückgang der Fischbestände sind die kommerziellen Fischer, welche im oberen Flusslauf im großen Stil fischen. Die Einheimischen bezeichnen diese Fischer oft als „congeladores” – wörtlich übersetzt: „Gefriertruhen”. Diesen Spitznamen verdanken sie eisgefüllten Truhen, die sie mit sich führen und in denen sie den Fisch frisch bis zum Markt der regionalen Hauptstadt transportieren. Dort verkauft sich frischer Fisch besser als gepökelter.
Um möglichst schnell möglichst viele Fische zu fangen, nutzen diese Fischer vermehrt Gift – eine für die Yagua besorgniserregende Entwicklung. „Manchmal treibt vergammelter Fisch den Fluss hinunter”, berichtet Rocio. „Flussaufwärts werfen die congeladores Gift in den Fluss, um Riesenpacus zu fangen. Sie nehmen nur die großen Exemplare mit. Kleine Fische sind einfach Abfall.” Mit ihrem Gift töten die kommerziellen Fischer nicht nur Riesenpacus, sondern alle Fische. Doch sie nehmen nur mit, was sich gut verkaufen lässt.
In Santa Ursula, einer Yagua-Ortschaft zwei Stunden flussaufwärts, sind die Menschen ähnlich besorgt über den Rückgang der Fische. „Wir benutzen nur Netze, Speere und Angeln für den Fischfang. Wir fischen nicht für’s Geschäft, sondern für den Eigenbedarf […]. Die von weiter her: die kommen für den kommerziellen Fischfang”, erläutert einer der Anführer von Santa Ursula. Durch diese kommerzielle Fischerei sei mittlerweile selbst die Deckung des Eigenbedarfs in seiner Ortschaft teilweise in Gefahr.
In Santa Ursula diskutieren die Yagua das Problem auf einer Dorfversammlung. Doch die Menschen können sich nur schwer zur Wehr setzen. Noch während der Versammlung fährt ein weiteres Boot mit Gefriertruhen und Gift vorbei. Um die kommerziellen Fischer aufzuhalten, bräuchten die Yagua ein stationäres Floß als Wachposten und ein Schnellboot mit kräftigem Motor sowie ausreichend Treibstoff. Eine solche Anschaffung wäre teuer und ist für die Dorfgemeinschaft alleine nicht zu stemmen.

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Mit vereinten Kräften gegen den Fischraub
Um einem weiteren Fischschwund entgegenzuwirken, initiiert Manuel Ramirez Lopez, dass die Yagua einen Kongress organisieren. In den 1970er-Jahren hatte er bereits erfolgreich um die Anerkennung Comandancias und der umliegenden indigenen Territorien gekämpft. Zudem rief er die Yagua-Organisation FEPYBABAN ins Leben (Federación del Pueblo Yagua del Bajo Amazonas y Bajo Napo; dt.: Föderation des Yagua-Volks aus dem unteren Amazonas und dem unteren Napo [Der Napo ist ein Nebenfluss des Amazonas, der durch Ecuador und Peru fließt; Anm. d. Red.]). Nun führt der hoch angesehene indigene Anführer Vertreterinnen und Vertreter der verschiedenen Ortschaften am Orosa-Fluss zusammen, um das Problem der kommerziellen Fischerei mit vereinten Kräften anzugehen.
Der Kongress am 16. September 2023 ist ein Hoffnungsschimmer. Geleitet wird er von Manuel Ramirez Santana, Sohn von Manuel Ramirez Lopez und neuer Präsident der Organisation FEPYBABAN. Er ist bereit zum Kampf. Er ist bereit, für die Belange seines Volks einzutreten. Ramirez Santana ist bewusst, dass die Gemeinschaften wenig Unterstützung vom Staat bekommen werden und deswegen den Schutz ihrer Ressourcen in ihre eigenen Hände nehmen müssen. „Wir müssen vereint sein”, hebt er in seiner Rede hervor. Zwei Experten der Nichtregierungsorganisation CEDIA (Centro para el Desarrollo del Indígena Amazónico; dt.: Zentrum für die Entwicklung der indigenen Völker Amazoniens) werden dem Kongress auf einem Smartphone per Internet zugeschaltet. Aufgrund der niedrigen Wasserstände und schwierigen Reisebedingungen hatten sie nicht anreisen und vor Ort teilnehmen können. Trotzdem geben sie Tipps zu legalen und praktischen Möglichkeiten des Schutzes indigener Ressourcen: zum Beispiel zur Gründung eines offiziellen Fischereikollektivs, welches der lokalen Bevölkerung mehr Rechte über den Zugang zu Fluss und Fischen gewähren würde. Ein Mikrofon vor dem Smartphone ermöglicht es anschließend allen Anwesenden, Fragen zu stellen.

Foto: © Theodor Borrmann

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Auf dem Kongress tauschen die Anwesenden ihre verschiedenen Erfahrungen aus und stellen offen und konstruktiv ihre Probleme und Lösungsansätze vor. Es geht dabei nicht nur um den illegalen kommerziellen Fischfang, sondern auch um weitere Bedrohungen ihrer Existenz etwa durch illegale Jäger und Waldarbeiter, die in ihre Territorien eindringen. Der Kongress ist somit ein wichtiger Schritt, um die Ressourcen des Orosa-Gebiets gemeinsam zu verteidigen und zu beschützen.

Foto: © Theodor Borrmann
[Der Autor]
Theodor Borrmann promoviert am Lehrstuhl für Internationale Entwicklung in Oxford. In seiner Dissertation beleuchtet er kritisch die Prozesse des technologischen Wandels beim Volk der Yagua im nordwestlichen Amazonasgebiet. Er hat hierfür 20 Monate mit den Yagua gelebt, unter anderem auch in Comandancia, und hat dabei am eigenen Leib erfahren, was es bedeutet, wenn es plötzlich keinen Fisch mehr gibt.
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