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Äthiopien

Asaita Ondrej Odcházel CC BY-Nd 2.0
Die Stadt Asaita. Foto: Ondrej Odcházel CC BY-Nd 2.0

Äthiopien ist mit fast 125 Millionen Einwohner*innen der bevölkerungsmäßig zweitgrößte Staat Afrikas und zählt zu den politisch und ethnisch vielfältigsten Ländern des Kontinents. Über 80 ethnische Gruppen, darunter die Oromo, leben in dem Vielvölkerstaat, der nicht durch koloniale Grenzziehung, sondern durch territoriale Expansion und staatliche Zentralisierung entstanden ist. Trotz langjähriger Wachstumsphasen steht das Land heute vor einer tiefen politischen, wirtschaftlichen und humanitären Krise. Bewaffnete Konflikte, ethnisierte Machtkämpfe und autoritäre Regierungspraktiken prägen die gegenwärtige Lage.

Historisches Erbe und staatliche Zentralisierung

Die moderne äthiopische Staatlichkeit geht auf die Herrschaft von Kaiser Menelik II. (1889–1913) zurück, der durch militärische Expansion und administrative Vereinheitlichung einen zentralisierten Staat formte. Dieses Modell starker Machtkonzentration blieb prägend, sowohl während des Kaiserreichs bis 1974 als auch unter der prosowjetischen Militärjunta „Derg“ (1974–1991). Repression, politische Gewalt und wiederkehrende Hungersnöte kennzeichneten diese Epochen und wirken bis heute nach.

Nach dem Sturz des Derg übernahm 1991 die Revolutionäre Demokratische Front der Äthiopischen Völker (EPRDF) die Macht. Mit der Verfassung von 1996 führte sie das Konzept des ethnischen Föderalismus ein, das den ethnischen Gruppen formell weitreichende Autonomierechte bis hin zum Sezessionsrecht einräumte. Statt die Konflikte zu entschärfen, verstärkte dieses System jedoch vielfach ethnopolitische Mobilisierung, Rivalitäten um Territorien und Ressourcen sowie den Wettbewerb um Einfluss auf den Zentralstaat.

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Über Jahrzehnte dominierte die Tigray People’s Liberation Front (TPLF) die EPRDF, obwohl die Tigrayer*innen nur einen kleinen Teil der Bevölkerung stellen. Diese Vormachtstellung erzeugte wachsende Ressentiments in anderen Regionen. Ab 2014 und 2016 kam es insbesondere unter Oromo und Amharen zu massiven Protesten gegen politische Marginalisierung, Landenteignungen und autoritäre Herrschaft. Historisch gesehen wurden die Oromo trotz ihrer demografischen Mehrheit weitgehend von politischer Macht ausgeschlossen. Ihnen ist es gelungen, ihre kulturelle Eigenständigkeit zu bewahren. Gerade diese Besonderheit war und ist jedoch häufig Anlass für politische Marginalisierung, gesellschaftliche Ausgrenzung und strukturelle Diskriminierung.

Mit dem Amtsantritt von Ministerpräsident Abiy Ahmed im April 2018 verbanden sich zunächst große Hoffnungen auf eine politische Öffnung. Politische Gefangene wurden freigelassen, verbotene Parteien zugelassen und ein Reformkurs angekündigt. Die Auflösung der EPRDF und die Gründung der Wohlstands-Partei (Prosperity Party, PP) sollten ethnische Blockbildungen überwinden und einen nationalen Neuanfang ermöglichen.

Oromia, die Heimat der Oromo rings um die Hauptstadt Addis Abeba. © Rod Waddington / Flickr CC BY-SA 2.0
Oromia, die Heimat der Oromo rings um die Hauptstadt Addis Abeba. © Rod Waddington / Flickr CC BY-SA 2.0

Eskalation der Gewalt und der Tigray-Krieg

Die Reformen führten jedoch nicht zu einer nachhaltigen Stabilisierung. Vielmehr brachen lange unterdrückte Konflikte offen aus. Das Verhältnis zwischen der Zentralregierung und der TPLF verschlechterte sich zunehmend. Im November 2020 eskalierte der Machtkampf in einen bewaffneten Konflikt, der sich rasch zu einem der verheerendsten Kriege der jüngeren afrikanischen Geschichte entwickelte. Der Tigray-Krieg forderte Schätzungen zufolge bis zu 600.000 Todesopfer. Alle beteiligten Akteure – äthiopische Streitkräfte, eritreische Truppen, amharische Milizen und die TPLF – werden schwerster Menschenrechtsverletzungen beschuldigt, darunter Massaker an Zivilist*innen, sexualisierte Gewalt und gezieltes Aushungern.

Das im November 2022 geschlossene Abkommen von Pretoria beendete die offenen Kampfhandlungen zwischen der Bundesregierung und der TPLF, führte jedoch nicht zu einer umfassenden Befriedung des Landes. Teile von Tigray, Amhara und Afar bleiben unsicher, die Aufarbeitung der Verbrechen ist unzureichend und politisch umstritten.

Gegenwärtige Konflikte und humanitäre Krise in Äthiopien

Seit 2023 haben sich insbesondere in der Amhara-Region neue bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen Fano-Milizen und staatlichen Sicherheitskräften verschärft. Parallel dazu setzt die Oromo Liberation Army (OLA) ihren bewaffneten Widerstand in Oromia fort. Innerhalb der regierenden Wohlstands-Partei nehmen Spannungen zwischen amharischen und oromischen Fraktionen zu, während oppositionelle Akteure von politischen Prozessen weitgehend ausgeschlossen bleiben.

Die wirtschaftliche Lage ist angespannt: Sparmaßnahmen, hohe Inflation, Subventionskürzungen und Missmanagement verschlechtern die Lebensbedingungen breiter Bevölkerungsteile. Im Jahr 2024 waren bis zu 21 Millionen Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen, rund 4,4 Millionen gelten als Binnenvertriebene. Klimabedingte Dürren und Überschwemmungen wirken als zusätzlicher Konfliktverstärker.

Äthiopien steht damit exemplarisch für die ungelöste Herausforderung, ethnische Vielfalt, politische Teilhabe und staatliche Einheit in Einklang zu bringen. Eine breit akzeptierte politische Strategie zur Deeskalation, Versöhnung und nachhaltigen Entwicklung ist bislang nicht erkennbar.

Stand: März 2026

Autorin: Laura Mahler
Redaktion: Sarah Neumeyer

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