Das Volk der Oromo ist eines der größten Völker Afrikas und mit Abstand die größte ethnische Gruppe Äthiopiens. Mit mehr als 33 Millionen Menschen machen sie rund ein Drittel der äthiopischen Bevölkerung aus. Trotzdem sind sie seit Jahrzehnten politischer Repression und struktureller Ausgrenzung ausgesetzt.
Die Oromo verfügen über ein reiches kulturelles Erbe, das sich insbesondere in der Sprache Afaan Oromo und dem traditionellen soziopolitischen Gadaa-System widerspiegelt. Dieses indigene, altersbasierte Regierungssystem strukturierte über Jahrhunderte hinweg das politische, soziale und religiöse Leben der Oromo und bildet bis heute einen zentralen Bestandteil ihrer kollektiven Identität. Trotz wiederholter Versuche staatlicher Integration und kultureller Assimilation ist es den Oromo gelungen, in Äthiopien ihre kulturelle Eigenständigkeit zu bewahren. Gerade diese Besonderheit war und ist jedoch häufig Anlass für politische Marginalisierung, gesellschaftliche Ausgrenzung und strukturelle Diskriminierung.
Oromo: Historische Marginalisierung in Äthiopien
Historisch gesehen wurden die Oromo in Äthiopien trotz ihrer demografischen Mehrheit weitgehend von politischer Macht ausgeschlossen. Die staatliche Zentralisierung begann mit der Expansionspolitik des äthiopischen Kaisers Menelik II. im späten 19. Jahrhundert und setzte sich während des Kaiserreichs sowie der Derg-Militärdiktatur unter Megistu Haile Mariam fort. Diese Politik ging mit Landenteignungen, kultureller Unterdrückung und politischer Repression einher.
Der Derg (amharisch für „Rat“ oder „Komitee“), ein provisorischer Militärverwaltungsrat, übernahm nach dem Sturz von Kaiser Haile Selassie im Jahr 1974 in Äthiopien die Macht und übte diese bis zur Ausrufung der Demokratischen Volksrepublik Äthiopien 1987 aus. Auch nach Einführung des ethnischen Föderalismus in den 1990er Jahren blieb die reale politische Teilhabe der Oromo stark eingeschränkt. Insbesondere unter der Vorherrschaft der von der Tigray People’s Liberation Front (TPLF) dominierten Regierungskoalition EPRDF verschärften sich Ressentiments gegenüber der politischen Marginalisierung der Oromo.
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Widerstand gegen Vertreibung der Oromo
Diese Spannungen entluden sich ab 2014 in massiven Protestbewegungen, die ihren Höhepunkt 2015 im Widerstand gegen den sogenannten „Addis Ababa Integrated Development Plan“ fanden. Der Plan sah eine Ausdehnung der Hauptstadt in umliegende Gebiete Oromias – der Heimat der Oromo und zugleich größten Verwaltungsregion Äthiopiens – vor und hätte zur großflächigen Vertreibung von Oromo-Landwirt*innen geführt. Die gewaltsame Niederschlagung der Proteste, bei der zahlreiche Menschen getötet, verhaftet oder dauerhaft eingeschüchtert wurden, machte die tiefe Kluft zwischen Staat und Oromo-Bevölkerung sichtbar und verdeutlichte den anhaltenden Kampf um Landrechte, politische Mitsprache und kulturelle Anerkennung.
Mit dem Amtsantritt von Premierminister Abiy Ahmed im Jahr 2018 verbanden sich zunächst große Hoffnungen auf Reformen. Die Freilassung politischer Gefangener, die Rückkehr exilierter Oppositionsgruppen und die Öffnung des politischen Raums wurden auch von vielen Oromo als historischer Wendepunkt wahrgenommen. Dieser Reformoptimismus erwies sich jedoch als kurzlebig. In Oromia kam es weiterhin zu militärischen Operationen, Massenverhaftungen und außergerichtlichen Tötungen.
Besonders seit dem Wiederaufflammen bewaffneter Auseinandersetzungen zwischen der äthiopischen Regierung und der Oromo Liberation Army (OLA), einer Abspaltung der Oromo Liberation Front (OLF), hat sich die Sicherheitslage in der Region stark verschlechtert. Zivilist*innen sind häufig Ziel staatlicher Repression, willkürlicher Verhaftungen und kollektiver Bestrafung.

Verschärfung durch nationale Konflikte
Die Eskalation nationaler Konflikte, insbesondere der Krieg in Tigray ab November 2020, hat die Lage in Oromia zusätzlich verschärft. Während staatliche Ressourcen und internationale Aufmerksamkeit auf den Norden des Landes konzentriert waren, nahm die Gewalt in Oromia zu. Militärische Razzien, Vertreibungen und die Einschränkung grundlegender Dienstleistungen wie Bildung, Gesundheitsversorgung und Telekommunikation haben die sozioökonomische Situation der Oromo-Bevölkerung massiv verschlechtert. Millionen Menschen sind Binnenvertriebene, viele leben unter prekären Bedingungen mit unzureichendem Zugang zu Nahrung, Wasser und medizinischer Versorgung.
Internationale Organisationen wie die Unrepresented Nations and Peoples Organization (UNPO) dokumentieren seit Jahren systematische Menschenrechtsverletzungen gegen Oromo, darunter willkürliche Inhaftierungen, Einschränkungen der Meinungs- und Versammlungsfreiheit sowie gezielte Repression gegen politische Aktivist*innen, Studierende und Journalist*innen. Trotz formaler Garantien in der äthiopischen Verfassung werden Oromo-Aktivist*innen häufig unter Terrorismusvorwürfen ohne rechtsstaatliches Verfahren festgehalten.
Forderung nach politischer Teilhabe der Oromo
Die anhaltende Unterdrückung der Oromo ist eng mit der Verweigerung ihres Rechts auf Selbstbestimmung über ihre politische, wirtschaftliche und kulturelle Zukunft verbunden. Forderungen nach gleichberechtigter politischer Teilhabe, dem Schutz von Landrechten und der Anerkennung kultureller Autonomie wurden über Jahrzehnte hinweg ignoriert oder gewaltsam unterdrückt. Die Lage der Oromo ist somit nicht isoliert zu betrachten, sondern Ausdruck der tieferliegenden strukturellen Krise des äthiopischen Staates. Ohne einen inklusiven politischen Prozess, der die Rechte der Oromo und anderer marginalisierter Gruppen respektiert, ist ein nachhaltiger Frieden kaum vorstellbar. Die Aufarbeitung vergangener und gegenwärtiger Menschenrechtsverletzungen, der Schutz ziviler Freiheiten und echte politische Teilhabe sind entscheidende Schritte auf dem Weg zu einer gerechten und stabilen Zukunft für alle Bevölkerungsgruppen Äthiopiens.
Stand: Mai 2026
Autor*innen: Laura Mahler
Redaktion: Sarah Neumeyer




