„Für uns heißt regieren: füreinander sorgen, erinnern, das Leben erhalten“
Was passiert, wenn indigene Gemeinschaften sich frei organisieren können – ohne staatliche Vorgaben, ohne Repressalien, ohne koloniale Erbschaften? Und jenseits von eurozentrischen Begriffen wie Demokratie oder Diktatur? Genau das haben wir verschiedene Vertreter*innen gefragt.
Entstanden sind politische Zukunftsentwürfe getragen von Autonomie, Gemeinschaft, Erinnerung und Widerstand – die zugleich offen für Veränderung, Selbstkritik und neue Formen des Zusammenlebens sind.
Von Jan Königshausen, Sarah Reink und Kamal Sido
Efraín ist Künstler und Lehrling der indigenen Wissenssysteme, stammt aus der Gemeinschaft Karmata Rúa in Jardín, Antioquia (Kolumbien). Gründer von Jarupiua – Vientos Andinos und Teil der “Hüter*innen des alten Wissens“ (Kolumbien).
„Wir Embera träumen nicht von alten Hierarchien, sondern von einer neuen Art, uns zu organisieren – ohne die patriarchalen und kolonialen Machtformen, die uns auferlegt wurden.
Unabhängig von unseren traditionellen Führern, den caciques oder jaibaná, da diese Tradition sowieso schon fast zum Schweigen gebracht wurde. Wir glauben nicht an ein romantisiertes Bild der Harmonie mit der Natur, sondern an eine kritische, spirituelle Autonomie, in der Wissen, Bildung, Gesundheit und Wirtschaft im Einklang mit dem Leben und unserer Umwelt stehen. Die Erde ist für uns keine Ware, sondern ein gemeinsamer Körper. Wir wollen Organisationen aufbauen, die aus dem Bewusstsein wachsen – nicht aus staatlichen Interessen. Organisationen wie die OIA und ONIC gehen diesen Weg mit uns.”
Foto: privat

Delmira Mamio Serato ist Tacana, indigene Anführerin, Unternehmerin, Umweltschützerin und Gründerin des Handwerksprojekts „D‘Delmy“ – sie engagiert sich für die Rechte der Indigenen Völker und den Schutz des Amazonasgebiets (Bolivien).
„Wir Tacana wollen uns wieder frei im eigenen Territorium bewegen, wie unsere Vorfahren – ohne staatliche Grenzen, ohne Einschränkungen. Unsere Art, uns zu organisieren, wurzelt im kollektiven Leben, in der Fürsorge füreinander und im Rhythmus der Jahreszeiten: säen, ausziehen, teilen, zurückkehren. Wir treffen Entscheidungen in Versammlungen, nicht nach fremden Modellen. Für uns heißt Regieren: füreinander sorgen, erinnern, das Leben erhalten. Bei uns nennen wir das Shaida Enime – das gute Leben.”
Foto: privat

Pedro Pachaguaya ist Anthropologe aus dem Volk der Aymara (Bolivien), forscht zu bäuerlichen Organisationen, Extraktivismus und indigenem Recht.
„Ich bin Teil des Volkes der Aymara, das seit jeher im ayllu lebt – einer Organisationsform, die auf Rotation, Austausch und Gemeinschaft beruht. Wir bewirtschaften verschiedene ökologische Zonen, teilen, was wir haben, und entscheiden gemeinsam. Unsere Bildung entsteht aus der Praxis, aus der Verantwortung füreinander. Das ayllu ist kein Modell der Vergangenheit – wir leben es heute, als konkrete Alternative zum zentralisierten Staat. So gestalten wir unser Leben in Würde.“
Foto: privat

Paola Febrero ist Aktivistin und Aymara aus der Stadt El Alto (Bolivien).
„Ich stelle mir eine Organisation vor, die aus der Gemeinschaft heraus wächst: feministisch, antikapitalistisch, solidarisch. Dabei treiben wir Frauen und Jugendlichen diesen Wandel voran – nicht symbolisch, sondern durch konkrete Praxis. Diese Strukturen entstehen nicht aus parteipolitischen oder wirtschaftlichen Interessen, sondern aus kollektiver Aktion und kritischer Auseinandersetzung mit Patriarchat, Extraktivismus und Macht.
Im Zentrum stehen die aktive Beteiligung der Gemeinschaften, der Schutz von Umwelt und Gerechtigkeit – und die Souveränität über unsere Körper und Territorien.
Dieser Raum soll Verbindungen zwischen Kämpfen stärken und gegenseitigen Respekt ermöglichen. Ich nenne das ein gemeinsames plurinationales Gewebe (tejido plurinacional – ein Bild, das dem Weben entstammt – viele Fäden, die in gegenseitiger Abhängigkeit ein widerstandsfähiges Ganzes bilden) – eine Struktur, die über republikanische, föderale oder reformistische Modelle hinausgeht. Politische Erzählungen, an die wir nicht glauben.“
Foto: privat

General Mazlum Abdi ist Chef der von Kurd*innen angeführten Syrischen Demokratischen Kräfte – SDF.
„Wir streben ein nicht geteiltes, jedoch dezentralisiertes Syrien an. Wir bekennen uns zur Souveränität Syriens. Nach den langen Angriffen auf uns Kurden und den jüngsten Gewalttaten gegen Alawiten, Drusen und Christen sind die Ängste der Menschen nachvollziehbar. Sie alle müssen echte Garantien für ihren Schutz und ihre Zukunft erhalten.“
Foto: Kamal Sido/GfbV

Scheich Hikmat al-Hajari ist Oberhaupt der Drus*innen in Syrien.
„Wir bekräftigen, dass wir als Erste einen Staat mit einem dezentralisierten, demokratischen und zivilen System gefordert haben und uns klar und ohne Rücksicht auf irgendjemanden dafür eingesetzt haben. Dies hat uns Angriffe, feindselige Medienkampagnen, Aufwiegelung und andere Formen der Belästigung eingebracht. Davon lassen wir uns aber nicht abbringen, egal, wie groß die Angriffe sind. Wir beharren auf unserem demokratischen Recht in unserer Heimat Syrien. Das ist auch die Forderung anderer Volksgruppen wie der Kurden.“
Foto: Kamal Sido/GfbV

Gennady Schtschukin ist Dolgane aus Taimyr (Russland).
„Ich bin Dolgane und lebe in Taimyr. Unsere Arbeit und unser Zusammenleben organisieren wir in Gemeinden, die Obschinas heißen. Meine Obschina wurde 2008 gegründet. Diese Form der gemeinschaftlichen Organisation ermöglicht uns den Verkauf von Fisch und Fleisch an Geschäfte in der nahe gelegenen Stadt. Sonst hat die Gemeinde keine Mittel, um andere Aktivitäten zu betreiben. Einige Männer jagen im Winter Wildtiere. Die anderen helfen bei der Verarbeitung der erlegten Tiere und außerdem fangen wir Fisch.
Dafür müssen die Männer mehrere Tage lang weite Strecken zurücklegen. Die Frauen helfen beim Trocknen und Salzen des Fisches sowie beim Kochen. Die stärkeren Jugendlichen gehen mit ihren Vätern auf die Jagd, und die anderen helfen beim Sammeln von Brennholz für die Heizung und beim Wassertragen. Die Mädchen lernen bei den Müttern, traditionelle Schuhe, Mützen und Handschuhe zu nähen. So versuchen wir, über die Runden zu kommen und gleichzeitig unsere Traditionen zu bewahren.“
Foto: privat

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