Die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) appelliert an die beiden großen christlichen Kirchen, die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und die Römisch-Katholische Kirche, sowie an den Beauftragten der Bundesregierung für Menschenrechtspolitik und humanitäre Hilfe, Lars Castellucci, Glaubensfreiheit in Syrien als Menschenrecht ernst zu nehmen und sich dafür einzusetzen. Hintergrund ist der Verhaftung des kurdisch-christlichen Priesters Nihad Hasan (46) in Afrin am 20. Juli. Die Region wird seit 2018 von der Türkei besetzt. Inzwischen gibt es Berichte, dass Nihad Hassan nach fast drei Wochen Haft wieder freigelassen wurde.
„Der kurdisch-christliche Priester lebt und arbeitet seit der Besatzung seiner Heimat Afrin im Libanon. Dort versorgt er nicht nur kurdische Christen, sondern auch viele andere Syrer, die ihre Heimat verlassen mussten“, berichtet der GfbV-Nahostreferent Dr. Kamal Sido. Die Machthaber in Afrin werfen Hassan vor, den Islam beleidigt zu haben. Nach Informationen der GfbV hat er jedoch lediglich die Verbrechen der syrischen Islamisten gegen Kurden und andere Minderheiten in Syrien kritisiert. 2008 hat der Kurde den Islam verlassen und ist zum Christentum konvertiert.
„Wir vermuten, dass die Konversion zum Christentum der eigentliche Grund für die Festnahme ist. Denn nach Auffassung der Islamisten darf niemand den Islam verlassen. Nihad Hassen hatte Glück, dass er in der kurdischen Gesellschaft Syriens Verständnis fand und den Islam verlassen konnte, ohne getötet zu werden. Viele Kurden in Syrien, der Türkei, im Irak und im Iran wollen dem Islam den Rücken kehren, da in dessen Namen täglich Verbrechen an Kurden und anderen Gemeinschaften begangen werden“, erklärt Sido.
Als die Kurden 2013 in Afrin und anderen kurdischen Regionen Nordsyriens die Verwaltung übernahmen, garantierten sie vollständige Glaubensfreiheit – auch für Muslime, die konvertieren wollten. Seit 2011 hatte sich in Afrin eine große kurdisch-christliche Gemeinde von etwa 2.000 Personen gebildet. Sie durften Feiertage wie Weihnachten öffentlich begehen und ihre Gottesdienste abhalten. Diese Freiheiten waren dem türkischen Staat und den von ihm kontrollierten islamistischen Milizen ein Dorn im Auge.
Inzwischen haben diese Milizen die Macht in Damaskus übernommen. „Das islamistische Regime, das seit Ende 2024 in Syrien herrscht, scheint auch andere christliche Geistliche unter Druck zu setzen, damit sie sich gegenüber ausländischen Medien nicht kritisch zur Lage der Christen und anderer Minderheiten äußern. Im Juli reiste Erzbischof Jacques Mourad aus der zentral-syrischen Stadt Homs nach Europa. In Interviews mit christlichen Medien in Österreich, der Schweiz und Deutschland äußerte er sich sehr kritisch zur Lage der Christen und Minderheiten. Der syrische Christ warnte vor einer weiteren Verschlimmerung der Lage im Land. Wörtlich sagte er: „Wenn das so weitergeht, stirbt das Christentum in dieser Region aus“ (Domradio, 22.07.2026). „Nach seiner Rückkehr nach Syrien musste der Erzbischof seine Aussagen in einem veröffentlichten Video teilweise relativieren. Wir vermuten, dass er seitens der neuen islamistischen Machthaber in Damaskus und anderen Stellen unter Druck gesetzt wurde“, berichtet Sido.
Beide Fälle zeigten, dass die neuen islamistischen Machthaber in Syrien auf Zeit spielen: „Säßen sie fester im Sattel, würden sie die Islamisierung des Landes und die Unterdrückung der Christen und anderer Religionsgemeinschaften noch intensiver vorantreiben. Diese Strategie wurde auch vom Regime des Mullahs im Iran 1979 praktiziert. Erst haben sie ihre Macht konsolidiert, und dann vor allem konvertierte Christen, aber auch Baha‘i im Iran brutal verfolgt. Bis heute wollen die Mullahs die Macht im Iran nicht abgeben. Eine vergleichbare Situation könnte sich in Syrien wiederholen“, so Sido weiter.
Die christlichen Kirchen und demokratischen Parteien in Deutschland, Europa und weltweit müssten daher die Lage der Christen und anderer Minderheiten in Syrien aufmerksam beobachten. Jegliche Zusammenarbeit mit den neuen Machthabern in Syrien müsse davon abhängig gemacht werden, dass das Regime vollständige Glaubensfreiheit garantiert und praktiziert, einschließlich des Rechts, den Islam zu verlassen.
Wie Erzbischof Mourad in seinen Interviews erklärte, hatten der Bürgerkrieg und die die Machtübernahme der Islamisten verheerende Auswirkungen auf die Lage der Christen in Syrien. Von ehemals zwei Millionen christlichen Gläubigen sollen heute nur noch 300.000 bis 350.000 im Land leben.

Dr. Kamal Sido
Referent für Nahost
Thematische Schwerpunkte:
- Ethnische-, religiöse- und sprachliche Minderheiten und Nationalitäten in Nahost
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