Hinweis zum Sprachgebrauch in älteren Beiträgen
Der folgende ältere Beitrag kann Sprache und Formulierungen enthalten, die heute nicht mehr den Ansprüchen einer diskriminierungsfreien und sensiblen Ausdrucksweise entsprechen. Er wurde im historischen Kontext verfasst und bewusst unverändert gelassen, um unsere jahrzehntelange Menschenrechtsarbeit zu dokumentieren.
Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin,
anlässlich des „Tags des Flüchtlings 2011“ appelliert die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) an die Verantwortlichen in Bund und Ländern, die Flüchtlingskinder in Deutschland zu schützen, statt Jahr für Jahr sehr viele von ihnen ihren Verfolgern oder Vertreibern auszuliefern. Durch ihre Abschiebung nehmen sie immer wieder Flüchtlingskindern, die seit sechs, acht, oder gar 15 Jahren unter uns leben, Heimat und Sprache und deportieren sie ins Nichts.
In der bundesdeutschen Öffentlichkeit beklagen Viele unser kinderloses Deutschland. Unsere Flüchtlingskinder aber sind zumeist hier geboren und aufgewachsen, sprechen Deutsch als Muttersprache, oft mit regionalem Akzent. Unsere Gesellschaft hat sie längst zu Deutschen gemacht. Dennoch werden ihnen langfristiger Aufenthalt und Einbürgerung versagt. Sie sind mit ihren Eltern Kriegs-, Völkermord- oder Verfolgungssituationen oder unerträglicher Diskriminierung entkommen.
Für die Integration dieser Kinder haben Lehrer, Sozialarbeiter, Geistliche, christliche Gemeinden, Flüchtlingsräte, Menschenrechtler und viele andere Bürger gekämpft und sich engagiert, haben für ihre Eingliederung unendlich viel materiell und ideell geleistet. Unnachsichtig verschleudern viele deutsche Minister, Senatoren und Abgeordnete dieses eingesetzte “Kapital“.
Während in unserem Land zu recht bis heute von Verbrechen der Vergangenheit die Rede ist, vergessen oder verdrängen wir oft genug, dass auch wir Deutschen in unserer Mehrheit entweder selber noch Flüchtlinge, Vertriebene oder Spätaussiedler sind oder mit einem Eltern- oder Großelternteil von diesen abstammen.
Wir schämen uns, dass bei gnadenlosen Abschiebungen immer wieder Väter von Müttern, Eltern von Kindern oder Geschwistern getrennt werden, dass man selbst Schwerstkranke, Schwangere, Alte und traumatisierte Kriegsopfer ins Ungewisse “deportiert“.
Wir appellieren dringend an Sie, alles zu tun, dass man diesen unter uns aufgewachsenen und oft auch hier geborenen Flüchtlingskindern und ihren Eltern nicht länger die Heimat nimmt, sie einbürgert und alles unternimmt, um sie zu integrieren und auszubilden. Das würde unserem Land gut tun.
Tilman Zülch, Generalsekretär
Göttingen, den 30. September 2011

