Nach einem Angriff auf die indigene Menschenrechtsverteidigerin und Präsidentin der autonomen Territorialregierung der Nación Chapra, Olivia Bisa Tirko, fordern die Stadt Weimar und die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) wirksamen Schutz. Die Menschenrechtsorganisation appelliert an die peruanischen Behörden, Schutzmaßnahmen für Bisa und ihre Familie zu ergreifen und den Angriff auf sie aufzuklären. Olivia Bisa Tirko wird in diesem Jahr auf Vorschlag der GfbV mit dem Weimarer Menschenrechtspreis ausgezeichnet.
Olivia Bisa Tirko war am Sonntag, den 6. September 2026, angegriffen und bedroht worden, wie die indigene Gemeinschaft Nación Chapra veröffentlichte. Der Fahrer eines Motorrad-Taxis soll das Fahrzeug, in dem sie sich mit ihren Kindern befand, absichtlich abgedrängt und zu einem Ausweichmanöver gezwungen haben. Anschließend folgten die drei Insassen des Taxis der Familie bis in die kleine Gemeinde Angamos im tropisch bewaldeten Norden Perus nahe der Grenze zu Ecuador. Dort simulierte einer der Männer einen Schuss auf Bisa und zielte mit einer entsprechenden Geste auf ihren Kopf. Am folgenden Tag erstattete Bisa bei der Staatsanwaltschaft Strafanzeige wegen des Verdachts der Nötigung und beantragte dringende Schutzmaßnahmen für sich und ihre Familie. Besonders schwer wiegt der Vorwurf, dass die Polizeiwache in San Lorenzo, der Hauptstadt der Provinz Datem del Marañón im Amazonasbecken Perus, die Aufnahme der Anzeige zunächst verweigert habe.
„Olivia Bisa Tirko ist keine unbekannte Person, deren Gefährdung die Behörden erst jetzt erkennen müssten. Der peruanische Staat kennt ihre Situation seit Jahren. Wenn eine bedrohte Menschenrechtsverteidigerin nach einem Angriff zur Polizei geht und dort zunächst abgewiesen wird, zeigt das ein gravierendes Versagen des staatlichen Schutzes“, erklärt Jan Königshausen, Referent für Indigene Völker bei der GfbV.
Der Fall Olivia Bisa steht exemplarisch für ein strukturelles Problem. Bei einer Anhörung vor der Interamerikanischen Menschenrechtskommission (CIDH) im August berichtete Bisa gemeinsam mit vier weiteren indigenen Frauen über Bedrohungen und Gewalt gegen Menschenrechtsverteidigerinnen in Peru. Das peruanische Justizministerium erklärte dort, bis Juli 2026 seien 234 Menschenrechtsverteidigerinnen von 200 Risikosituationen betroffen gewesen, darunter 81 Indigene. Für Bisa selbst seien sieben Risikosituationen bearbeitet und unter anderem persönliche Schutzgarantien und öffentliche Rechtsberatung gewährt worden. Zugleich zeigt eine Recherche von OjoPúblico, dass zwischen 2021 und August 2025 nur zehn von 36 bedrohten Umweltverteidigern im peruanischen Amazonasgebiet, die Schutz beantragt hatten, diesen tatsächlich erhielten.
„Peru verfügt über einen Schutzmechanismus, doch solange dieser Schutz nur auf dem Papier existiert, ist den bedrohten Menschenrechtsverteidigern nicht geholfen. Sie benötigen in Gefahrensituationen sofort wirksamen Schutz, bevor aus einer Drohung ein tödlicher Angriff wird“, erklärt Königshausen.

Jan Königshausen
Referent für Indigene Völker
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