Liebe Leserin, lieber Leser,
abgeschottet durch dicke Mauern, eiserne Tore und strenges Wachpersonal sind politische Gefangene Willkür ausgeliefert. Was bedeutet es, unschuldig im Gefängnis ausharren zu müssen? Zusammengesetzt aus Erfahrungen von zwölf Gefangenen rekonstruieren die Artikel dieser Ausgabe mehr oder weniger einen Tagesablauf in Haft. Dieser eine Tag kann für viele weitere Tage, Monate, manchmal für Jahre im Leben eines Menschen stehen.
Artikel 9 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte bestimmt, dass niemand willkürlich festgenommen und in Haft gehalten werden darf. Trotzdem passiert genau dies in wortwörtlich unzähligen Fällen überall auf der Welt. Unzählig sind sie, da Regierungen nicht angeben, wie viele unschuldige Menschen sie aus vermeintlichen Gründen inhaftiert haben. Nicht alle Details in den folgenden Artikeln lassen sich unabhängig überprüfen. Doch die Parallelen, Berichte von Menschenrechtsorganisationen und auch die der Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen sprechen für sich.
Bereits im Januar 2024 haben wir im Redaktionsteam mit der Planung dieser Ausgabe begonnen. Allen war klar, dass es kompliziert wird. Nach Möglichkeit sollten politische Gefangene selbst von ihrem Leben in Haft berichten. Doch aktuell Inhaftierte sind nicht leicht zu erreichen. Der Kontakt läuft in der Regel über Anwält*innen, wenn es diese gibt. Damit gelangen Informationen zwar ins Gefängnis herein. Aber Berichte schaffen es durch die Gefängniszensur nicht unbedingt wieder aus dem Gefängnis heraus. Mancher Artikel ist an dieser Hürde gescheitert.
Ehemalige politische Gefangene sind freier, ihre Erfahrungen zu teilen – freier, aber oft nicht frei. Für einige war es zu gefährlich, über ihre Zeit in Haft zu sprechen; für andere zu schmerzhaft. Und doch erklärten sich letztendlich viele mutige Menschen bereit, für diese Ausgabe ihre Erfahrungen aufzuschreiben. Manche haben wir zu ihrem und dem Schutz ihrer Angehörigen anonymisiert. Andere schreiben unter Klarnamen. Jede Veröffentlichung war eine Gratwanderung der Risiken, die am Ende nur die politischen Gefangenen für sich abschätzen konnten.
Ein paar gute Nachrichten durften wir im Laufe der Arbeit an dieser Ausgabe feiern. Zum Beispiel erlangte ein wegen seines Glaubens inhaftierter Bahá’í im Jemen seine Freiheit zurück. Was eine solche Freiheit bedeutet, wird durch die Lektüre dieser Ausgabe nochmal eindrücklicher.
Jeder Fall steht für sich und das sehr persönliche, oft grausame Schicksal einer Person, die zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen ist. Gleichzeitig steht jeder Fall stellvertretend für viele zu Unrecht inhaftierte Menschen. Denn dass Menschen durch politisch motiviertes Vorgehen inhaftiert, eingeschüchtert, zum Schweigen gebracht werden, passiert letztendlich eben nicht im Einzelfall – sondern in der Vielzahl.
Es fällt mir schwer, Ihnen bei dieser Ausgabe „eine spannende Lektüre“ zu wünschen. Erschreckend oft schildern Autor*innen persönliche Gewalterfahrungen in Form von Folter und Vergewaltigung. Doch es ist wichtig, dass diese Berichte nicht hinter Gefängnismauern im Verborgenen bleiben. Verhelfen Sie ihnen zum Weg in die Öffentlichkeit: Aufmerksamkeit kann für politische Gefangene Freiheit erwirken.
Alles Gute
Johanna Fischotter
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