Hinweis zum Sprachgebrauch in älteren Beiträgen
Der folgende ältere Beitrag kann Sprache und Formulierungen enthalten, die heute nicht mehr den Ansprüchen einer diskriminierungsfreien und sensiblen Ausdrucksweise entsprechen. Er wurde im historischen Kontext verfasst und bewusst unverändert gelassen, um unsere jahrzehntelange Menschenrechtsarbeit zu dokumentieren.
Göttingen
Mein Name ist Hatidza Mehmedovic und ich komme aus Srebrenica. Dort wurde ich geboren und dort bin ich aufgewachsen. Dort habe ich meine Familie gegründet und sie dann im Juli 1995 mit dem Fall von Srebrenica verloren.
Im Juli 1995 habe ich, nachdem General Mladics Truppen die UN-Schutzzone Srebrenica eingenommen haben, meine beiden Söhne, Azmir und Almir, meinen Ehemann, meine Brüder und andere männliche Familienmitglieder verloren. Volle 12 Jahre habe ich in der Hoffnung gelebt, dass ich sie lebendig finde. Nach Srebrenica bin ich vor sieben Jahren zurückgekehrt. Ich lebe alleine in unserem Familienhaus, in dem auch einige Andenken sind, die mich an meine Söhne und meinen Ehemann erinnern. Vor dem Haus wachsen drei Tannenbäume, die mein älterer Sohn eingepflanzt hat, und diese drei Tannen stellen für mich symbolisch meine beiden Söhne und meinen Ehemann dar. Im Beton vor dem Haus haben meine beiden Söhne ihre Namen eingeritzt, Azmir und Almir-Lalo. Diese Erinnerungen haben mich nach Srebrenica und in mein Haus, in dem ich ganz alleine lebe, zurückgeführt.
Ich werde niemals den 13.November 2007 vergessen. Das Institut für die Suche nach Vermissten hat mich an diesem Tag benachrichtigt, dass sie in einem Massengrab einen Teil des Skeletts meines Ehemannes und in einem anderen Massengrab das Skelett eines meiner Söhne gefunden haben. Diese Nachricht hat mich sehr getroffen und mir auch die letzte Hoffnung genommen, dass ich sie vielleicht doch noch am Leben finde.
An jedem 11.Juli, dem Jahrestag des Massakers in Srebrenica, organisieren wir gemeinsame Beerdigungen in Potocari. Ich konnte meine Liebsten noch immer nicht beerdigen: Von meinem Ehemann wurden zu wenig Überreste gefunden, und beim gefundenen Sohn weiss ich noch immer nicht, um welchen von den beiden es sich handelt. Der Sohn, der gefunden wurde, war ohne Kleidung. Um ihn beerdigen zu können, muss ich auf das Finden des zweiten Sohnes warten, damit ich erfahren kann, welcher von beiden Almir und welcher Azmir ist. Den Sinn meines traurigen Lebens finde ich in den Ausgrabungen und Öffnungen von Massengräbern.

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