Bildnachweis Titel: Das Bild des Fotojournalisten Salah Darwish aus Aleppo zeigt zwei Jungen in einem syrischen Geflüchtetenlager im Winter 2024. Insbesondere in den nordwestlichen Provinzen litten die Menschen in diesem Jahr unter eiskalten Temperaturen und schweren Regenfällen.
Foto: Salah Darwish
Liebe Leser*innen,
die Menschheits- ist eine Mobilitätsgeschichte. Von den ersten Homo Sapiens, die sich vom afrikanischen Kontinent via Asien auf dem Globusausbreiteten über die großen Völkerwanderungen zwischen der Antike und dem Mittelalter bis zur Auswanderungswelle der Europäer*innen im 19. Jahrhundert (S. 12). Historisch betrachtet sind wir alle Migrant*innen oder Geflüchtete und Mobilitätgilt als wesentlicher Ausgangspunkt für Wandel und Fortschritt auf der Welt. So brachten Menschen neben vielem anderen den Ackerbau, das Rad und den Kompass im Gepäck mit nach Europa. Heute stammt laut Zahlen des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) jede siebte Patentanmeldung in Deutschland von Menschen mit Migrationshintergrund. Mehr als 60 hält allein BioNTech-Grün-der Uğur Şahin. Als Vierjähriger folgte er seinem Vater nach Deutschland, der als Gastarbeiter in den Kölner Ford-Werken malochte. Die Gymnasial-Empfehlung erhielt er erst nach Einspruch seines deutschen Nachbarn. Şahin wurde Mediziner, Professor, Gründer. Der Rest dieser gern ins Schaufenstergestellten Aufstiegsgeschichte ist bekannt.
Wahrscheinlich mehr als folgende Fakten: Die größte Gruppe ausländischer Ärzt*innen hierzulande stammt aus Syrien, mehr als jeder vierte Beschäftigte im Baugewerbe hat keinen deutschen Pass, ebenso wie über 300.000 Pflegekräfte. Laut Statistischem Bundesamt haben 54 Prozent der Köch*innen und Mitarbeiter*innen in der Lebensmittelherstellung eine Einwanderungsgeschichte, 48 Prozent im Gerüstbau, 47 Prozent bei den Fahrer*innen von Bus und Straßenbahnen. Ohne all diese Menschen, die anderswo geboren wurden, wäre Deutschland ein ärmeres Land (S. 15).
Und doch wird kritisch beäugt, wer in der Ferne Sicherheit oder ein besseres Leben für sich und seine Familie sucht. Ganz so, als ob das nicht menschlich, nachvollziehbar, ja geboten sei. Vom Aufbruch (aus ganz unter-schiedlichen Gründen), dem (meistmühseligen) Ankommen und der (überraschend langen) Zeit dazwischen, erzählt die aktuelle „Für Vielfalt“. Thema sind unter anderem Roma-Familien, die es als Binnengeflüchtete in der Ukraine besonders schwer haben (S.26), oder nach Ägypten geflohene Sudanes*innen, denen dort Abschiebung und Haft drohen (S.36). Außerdem in dieser Ausgabe: Kolumbiens Umgang mit klimabedingter Vertreibung (S.40), Frauengesundheit auf der Flucht (S. 32) und ein Besuch in der bolivianischen Mennoniten-Kolonie „Nueva Esperanza“ (S.54). Der Ursprung der dort lebenden Glaubensgemeinschaft liegt im Herzen Europas. Es ist die Geschichte einer jahrhunderte langen Flucht: Auf der Suche nach kompromissloser Religionsfreiheit zogen die Mennoniten von Kontinent zu Kontinent – bis einige von ihnen im Tiefland Boliviens eine neue Heimat fanden.
Eine gute Lektüre und viele Impulse wünscht…
Holger Isermann
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