Hinweis zum Sprachgebrauch in älteren Beiträgen
Der folgende ältere Beitrag kann Sprache und Formulierungen enthalten, die heute nicht mehr den Ansprüchen einer diskriminierungsfreien und sensiblen Ausdrucksweise entsprechen. Er wurde im historischen Kontext verfasst und bewusst unverändert gelassen, um unsere jahrzehntelange Menschenrechtsarbeit zu dokumentieren.
Mehr als 100.000 Serben, bis zu 130.000 Roma, Aschkali und „Ägypter“ (etwa 80 % der Gesamtzahl dieser drei Minderheiten) und Zehntausende slawischer Muslime wurden im Kosovo nach Kriegsende durch radikale Albaner – unter Duldung der albanischen Bevölkerung – aus ihren Häusern vertrieben. Ihre Wohnungen wurden in Brand gesetzt. Viele der Opfer waren – und sind teils noch immer – Opfer von Misshandlung, Folter, Entführung, Vergewaltigung oder Mord.
Die Minderheitengemeinschaften werden weiterhin verfolgt, obwohl die internationalen KFOR-Truppen sich um deren Sicherheit bemühen. Vielerorts sind Roma, Aschkali und „Kosovo-Ägypter“ nach wie vor bedroht. Viele können ihre Siedlungen aus Angst vor Angriffen und Provokationen nicht verlassen. Die Siedlungen der Roma, Aschkali und „Kosovo-Ägypter“ sind überbelegt, weil Binnenflüchtlinge aus benachbarten Gemeinschaften aufgenommen werden mussten. In diesen Dörfern und Ortsteilen leben die Menschen wie Gefangene in ihren eigenen Häusern. Sie haben Angst, Opfer von Angriffen zu werden, wenn sie die relativ sicheren Gebiete verlassen. Oft erhalten sie in diesen Siedlungen kaum oder gar keine humanitäre Hilfe. Doch an Grundnahrungsmitteln fehlt es oft – vor allen bei den Kindern.
Die medizinische Versorgung ist sehr unbefriedigend, da Medikamente meist nicht im ausreichenden Maße vorhanden und für die meisten unbezahlbar sind. Meist sind es serbische Ärzte, die sich der Roma, Aschkali und „Kosovo-Ägypter“ annehmen. Immer noch gibt es vereinzelt albanische Krankenhäuser, die Menschen mit dunkler Hautfarbe abweisen. Ein besonderes Problem ist der Mangel an Hygieneprodukten und die weit verbreitete Unkenntnis der Roma-Frauen über die Zusammenhänge zwischen mangelnder Hygiene und Infektionskrankheiten.
Nach wie vor besteht für die Roma und Aschkali im Kosovo Gefahr für Leib und Leben. Sie wagen nicht mehr, allein zu Behörden, zur Arbeit oder in die Schule zu gehen. Ihre zunehmende Verelendung ist erschreckend: Vor allem allein stehende Frauen mit kleinen Kindern sind so arm, dass sie nicht für eine ausreichende Ernährung ihrer Familien sorgen können. Statt in die Schule werden die Kinder morgens auf Mülldeponien geschickt, damit sie dort nach Essbarem suchen. Viele Kinder laufen barfuss auch in den kalten Wintermonaten. Auch wenn der Kosovo nicht auf der „Liste der am wenigsten entwickelten Länder“ der UNO verzeichnet ist, so ist die humanitäre Lage der dort verfolgten und bedrohten Minderheiten der Roma und Aschkali mit der Situation der Menschen in den am wenigsten entwickelten Ländern in mancher Hinsicht doch vergleichbar.
GfbV-Team arbeitet im Kosovo
Dies ist das Ergebnis der Beobachtungen eines Teams der Gesellschaft für bedrohte Völker, das für die GfbV im Kosovo arbeitet. Nach eigener Einschätzung ist es die einzige feste Anlaufstelle für die Roma und Aschkali im Kosovo, von der diese konkrete Hilfe und Engagement erwarten konnten. Leiter des Teams ist Paul Polansky, der für seine Arbeit im Dezember 2004 den Weimarer Menschenrechtspreis erhielt.
Das Team arbeitet mit folgenden Zielsetzungen:
• Für die Roma, Aschkali und „Kosovo-Ägypter“ soll eine zufrieden stellende Existenz-grundlage gewährleistet werden.
• Durch Vorträge in den Dörfern und Stadtteilen der Minderheiten werden Roma, Aschkali und „Ägypter“ über die Notwendigkeit von Hygiene informiert. Sie erhalten aus Spendengeldern finanzierte Hygieneprodukte, da 90 % ihrer Krankheiten auf mangelnde Hygiene und daraus folgende Infektionen zurückzuführen sind.
• Hilfsbedürftigen Roma und Aschkali werden Arztbesuche ermöglicht und ihre Versorgung mit Medikamenten wird sichergestellt.
• Das Projekt-Team setzt sich bei Behörden und KFOR um einen intensiveren Schutz für die Schulkinder auf ihren Schulwegen ein.
Projektaktivitäten:
Das Projektteam
– sucht Gemeinschaften der Roma, Aschkali und „Ägypter“ auf und ermittelt die bedürftigsten Familien – vor allem alleinstehende Frauen mit Kindern – unter ihnen,
– verteilt Grundnahrungsmittel unter den Bedürftigen,
– fährt akut Kranke in die Notfallklinik in Mitrovica,
– hilft bleiverseuchten Bewohnern- vor allem Kindern – aus den Flüchtlingslagern um Mitrovica, die dringend benötigte Behandlung im Krankenhaus zu bekommen,
– besorgt für kranke Roma, Aschkali und „Ägypter“, die nicht über Geld verfügen, die verordneten Medikamente,
– übergibt denjenigen Familie Ziegen, die kleine Kinder zu versorgen haben und bei denen die Grundnahrungsmittel nicht ausreichen,
– informiert Roma-Frauen über die Zusammenhänge zwischen Hygiene und Infektionsgefahren und erklärt ihnen die Anwendung von Hygiene-Produkten,
– verteilt an Roma-Frauen Hygiene-Artikel (Seife, Shampoo, Waschmittel),
– übermittelt regelmäßig Berichte über die Lage der Roma und Aschkali im Kosovo an das Göttinger Bundesbüro der GfbV in Göttingen.
Vom Bundesbüro in Göttingen aus werden Politiker und Medien über die Lage der Roma und Aschkali im Kosovo jeweils aktuell informiert. Die politische Öffentlichkeitsarbeit soll dazu beitragen, dass auf politischer Ebene Maßnahmen zu einem besseren Schutz und einer besseren Versorgung der Roma und Aschkali ergriffen werden.

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