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Aktuelles News & Artikel Schikanen, systematische Verfolgung, Sunnitisierung

Schikanen, systematische Verfolgung, Sunnitisierung

Schikanen, systematische Verfolgung, Sunnitisierung

Die Lage der Ismaeliten in Afghanistan 

Von Gul Bibi Joya 
Fast fünf Jahre nach der zweiten Machtübernahme der Taliban in Afghanistan im August 2021 hat sich die Menschenrechtslage im Land erkennbar verschlechtert. Während sich ein Großteil der Aufmerksamkeit auf die Rechte der Frauen unter der Taliban-Herrschaft konzentriert, ist die schwierige Lage ethnischer und religiöser Minderheiten weniger beachtet.
Weniger als ein Prozent der Bevölkerung
Eine dieser Minderheiten sind die Ismaeliten – ein bedeutender Zweig der schiitischen Muslime. Auch als „Siebener-Schiiten“ bezeichnet, unterscheiden sie sich von anderen schiitischen Strömungen durch ihren Glauben an Imame als geistliche Führer. Gemäß ihrer Religion ist ein gegenwärtiger, lebender Imam unerlässlich. Die meisten Ismaeliten gehören heute der Nizari-Ismaeliten-Tradition an und erkennen Aga Khan V. als ihren „Imam der Zeit“ an.
Zur Bevölkerungszahl der Ismaeliten in Afghanistan gibt es keine belastbaren Daten. Inoffizielle Quellen schätzen, dass sie zwischen 300.000 und 500.000 Menschen ausmachen, was knapp fünf Prozent aller afghanischen Schiiten und weniger als einem Prozent der gesamten afghanischen Bevölkerung entspricht. Die Anhänger des ismaelitischen Islam leben traditionell und vorwiegend im Nordosten Afghanistans, in den oberen Tälern der Provinz Badakhshan und in Teilen der Provinz Baghlan. Sie sind aber auch in Kabul, Mazar-e Sharif und einigen Städten des Nordens zu finden.
Eine lange Geschichte der Marginalisierung
Da die Ismaeliten Afghanistans meist innerhalb ihrer Religionsgemeinschaft heiraten, empfinden sie sich oft als ethnische Gemeinschaft. In ihren traditionellen Gebieten in Badakhshan wird seit Generationen Shughnani/Pamiri (Ostiranisch) gesprochen, das sich vom Farsi (Persisch) unterscheidet, der Muttersprache der Tadschiken und Hazara in Afghanistan.
Obwohl die ismaelitische Religionsgemeinschaft in Afghanistan bereits auf eine lange Geschichte der Marginalisierung und sporadischen Verfolgung zurückblickt, hat sich ihre Lage seit der Machtübernahme durch die Taliban im August 2021 weiter verschlechtert. Seitdem ist die ismaelitische Gemeinschaft weitreichender Unterdrückung ausgesetzt, darunter institutionalisierte Diskriminierung, Ausgrenzung aus dem öffentlichen Leben, erzwungene religiöse Konformität und gezielte Gewalt, wie auch Richard Bennett, der Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen für die Menschenrechtslage in Afghanistan, betont.
Gewalt, die systematischer Verfolgung gleichkommt
Berichte lokaler Medien und Menschenrechtsorganisationen wie Rawadari deuten zudem darauf hin, dass bis Ende 2025 mindestens fünf Mitglieder der ismaelitischen Gemeinschaft getötet wurden. Die Gewalt kommt laut einer aktuellen Studie von Rawadari (2025) einer systematischen Verfolgung gleich. Unter der Taliban-Herrschaft wurde auch das Recht der Ismaeliten auf Ausübung ihrer Religion erheblich eingeschränkt. In Provinzen wie Badakhshan, Balkh, Kabul und Baghlan wurden Berichten zufolge mehrere Bildungszentren und Gebetsstätten (Jamatkhanas) geschlossen oder sunnitisiert. Auch Schikanen, Überwachung und Bewegungsbeschränkungen werden von den Taliban verhängt. In einigen Gebieten, insbesondere in Badakhshan, werden ismaelitische Familien gezwungen, ihre männlichen Kinder in von den Taliban kontrollierte religiöse Einrichtungen zu schicken.
Prince Rahim Aga Khan V. (rechts) beim Treffen mit Pakistans Premierminister
Shehbaz Sharif in Islamabad im Juni 2024. Foto: Prime Minister’s Office Pakistan
Pakistan als wichtiges Zielland
Hinzu kommt der systematische Ausschluss der Ismaeliten aus Regierungsstrukturen und dem öffentlichen Dienst. In den Rawadari-Berichten wurden zahlreiche Fälle dokumentiert. Diese Marginalisierung wird durch Hassreden und die öffentliche Förderung von „Takfir“ (dem Akt, andere Muslime öffentlich als Ungläubige zu brandmarken) noch verschärft, was die Gefährdung der Gemeinschaft erhöht.
Aufgrund anhaltender Unterdrückung, Unsicherheit und Übergriffe sehen sich viele Ismaeliten gezwungen, das Land zu verlassen. Während die afghanische ismaelitische Diaspora weltweit verstreut ist, hat sich Pakistan zu einem der wichtigsten Zielländer für Schutzsuchende entwickelt; derzeit leben dort über zwei Millionen Geflüchtete aus Afghanistan. Die erste große Migrationswelle von Ismaeliten nach Pakistan geht bereits auf das Jahr 1996 zurück, nach dem ersten Machtantritt der Taliban.
So berichtet eine Frau aus Kabul: „Mir machten die ständigen Zwischenfälle und gezielten Morde an Ismaeliten in anderen Provinzen Angst. Ich gab meinen Job und mein Zuhause auf und ging nach Pakistan. In Karatschi ist die Lage für Ismaeliten besser.“
Bildungszugang für Mädchen
Pakistans lange und durchlässige Grenze zu Afghanistan hat eine Flucht dorthin im Vergleich zu den Nachbarländern relativ einfach gemacht. Heute leben die Geflüchteten überwiegend in großen städtischen Zentren wie Karachi und Rawalpindi, mit kleineren Gemeinschaften in Islamabad und anderen Städten. Da Pakistan selbst auch eine bedeutende ismaelitische Bevölkerung hat, können die Angekommenen von etablierten Strukturen profitieren. In Pakistan können sie ihren Glauben im Allgemeinen frei ausüben und erhalten in den Gebetsstätten Unterstützung durch die Gemeinschaft.
Dazu gehört auch ein Zugang zu Bildung, der für Mädchen in Afghanistan derzeit verboten ist. Pakistan entwickelt sich zudem zu einem Transitland für jene Ismaeliten, die auf eine Neuansiedlung in Drittländern warten.
Erzwungene Massenrückführungen
Aufgrund der eskalierenden politischen Spannungen zwischen Pakistan und den Taliban ist jedoch die Lage der Geflüchteten und die bisherige Stabilität in Gefahr. Die von den pakistanischen Behörden erzwungene Massenrückführung von Afghanen hat viele ismaelitische Familien bewogen, in den Untergrund und damit die Illegalität zu gehen, insbesondere in Städten wie Islamabad und Rawalpindi, in denen die Polizeikontrollen verschärft wurden.
Nach den jüngsten Entwicklungen hat Pakistan fast alle Landgrenzübergänge zu Afghanistan geschlossen. Das erschwert eine Flucht für all jene Ismaeliten, die Afghanistan verlassen wollen. Pakistan erlaubt zudem nur noch begrenzte Flugreisen von dort. Gleichzeitig sind die Visakosten auf über 1.000 US-Dollar pro Person gestiegen, was die legale Einreise von Afghanen nach Pakistan für viele gefährdete Personen, darunter auch Ismaeliten, nahezu unmöglich macht. Das bestätigt eine Mutter, die mit ihren beiden Töchtern nach Rawalpindi geflohen ist: „Mein Mann konnte nicht mitkommen, da wir uns sein Visum und die Reisekosten nicht leisten konnten. Wir haben unsere gesamten Ersparnisse dafür ausgegeben, die Visa für mich und unsere beiden Töchter zu beschaffen.“
[info]

Gul Bibi Joya stammt aus Afghanistan und ist selbst Ismaelitin. Derzeit studiert sie an der Universität Osnabrück Conflict Studies and Peacebuilding.

 

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