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Aktuelles News & Artikel Wenn das Wasser steigt…

Wenn das Wasser steigt…

Wenn das Wasser steigt…

Klimabedingte Vertreibung ist keine Seltenheit mehr, und dennoch leiden viele Betroffene weiterhin unter dem Problem der fehlenden rechtlichen Anerkennung. Ohne klar definierten rechtlichen Status bleibt ihnen der Zugang zu Schutz und Betreuung versagt. Kolumbien widmet sich diesem Problem und zeigt, dass ein anderer Umgang mit klimabedingter Vertreibung möglich ist.

Von Finn Harmsen

Ende Mai 2015 müssen Ana Librada Niño de Mendoza und ihr Ehemann José Noé Mendoza Bohórquez aus ihrem Zuhause fliehen. Nach Tagen unablässigen Regens treten die Flüsse im Nordosten Kolumbiens über die Ufer. Ihr Hof, nahe Saravena, einer kleinen Stadt im kolumbianischen Bundesstaat Arauca, unweit der venezolanischen Grenze, steht unter Wasser. Überschwemmungen sind in der Region nicht ungewöhnlich. Der Río Arauca und seine zahlreichen Nebenflüsse treten während der Regenzeit immer wieder über ihre Ufer. Sie überschwemmen das angrenzende Land – und sichern so seit Generationen die Fruchtbarkeit der Böden.

Doch 2015 sprengen die Wassermassen dieses Gleichgewicht: Heftige Niederschläge lassen Flüsse unkontrolliert anschwellen, ganze Landstriche werden überflutet. Das Ehepaar kann sich nur mit Hilfe anderer in Sicherheit bringen. Ihr Haus wird zerstört, die Ernte vernichtet, das Vieh geht verloren.
Und die Flut kehrt zurück. Auch 2016 und 2017 kommt es zu Überschwemmungen ähnlichen Ausmaßes. Tausende Menschen verlieren ihre Lebensgrundlagen und werden vertrieben.
Der Klimawandel als Fluchtursache
Wenn in Deutschland von den Folgen des Klimawandels gesprochen wird, stehen Flucht und Migration selten im Mittelpunkt. Dabei sind sie längst Realität. Auch in Kolumbien zeigt sich diese Entwicklung immer deutlicher. Allein im Jahr 2023 mussten rund 350.000Menschen infolge von Überschwemmungen, Stürmen und anderen klimatischen Ereignissen ihre Heimat verlassen – 25 Prozent mehr als im Vorjahr. Erstmals wurden damit mehr Menschen durch klimatische Faktoren vertrieben als durch bewaffnete Konflikte. Und die Entwicklung dürfte sich weiter verschärfen: Schon bei einer globalen Erwärmung von 1,5 Grad könnte sich die Zahl der von Überschwemmungen betroffenen Menschen in Kolumbien laut Weltklimarat mehr als verdoppeln.
Vertriebene ohne Rechte

 

Trotz dieser Entwicklung hinkt die Gesetzgebung weltweit hinterher – bislang hat kaum ein Staat den Klimawandel rechtlich als Fluchtursache anerkannt. In Kolumbien wurde Vertreibung lange ausschließlich im Kontext desbewaffneten Konflikts verstanden. Entsprechend waren Schutz, Betreuung und Maßnahmen zur Wiedergutmachung auf diese Opfergruppebeschränkt. Wer durch Überschwemmungen, Stürme oder andere klimatische Ereignisse vertrieben wurde, fiel durchs Raster. Der Staat reagierte zwar auf den Notfall und gewährte Katastrophenhilfe – ein rechtlicher Rahmen, welcher den Status der Vertriebenen definiert und ihren Zugang zu Betreuung Schutz und Unterstützung geregelt hätte, fehlte jedoch.

Zuhause und Existenz in Gefahr – vielerorts zerstören die Überschwemmungen die Lebensgrundlagen der Menschen. Foto: Policía Nacional de los colombianos/Flickr BY SA- 2.0

 

Ein Ehepaar zieht vor Gericht

Diese Erfahrung mussten auch Ana Librada Niño de Mendoza und José Noé Mendonza Bohórquez machen. Nachdem sie infolge der Überschwemmungen dazu gezwungen waren, ihr Zuhause zurückzulassen, stellten sie bei der staatlichen Einrichtung für die Betreuung von Opfern des bewaffneten Konflikts (Unidad para la Atención yReparación Integral para las Víctimas (UARIV)) einen Antrag auf Anerkennung als Opfer von Zwangsvertreibung.

Als die UARIV ihnen die damit einhergehenden Leistungen verwehrte, zog das forsche Ehepaar mit einer sogenannten tutela, einer in Kolumbien weit verbreiteten Verfassungsbeschwerde, vor Gericht.
Zuhause und Existenz in Gefahr – vielerorts zerstören die Überschwemmungen die Lebensgrundlage der Menschen. In ihrer Klage machen sie deutlich, dass ihnen zentrale Rechte verwehrt werden: das Recht auf Wohnen, auf Arbeit, auf Nahrung und ein Existenzminimum. Auch ihr Recht auf Leben und persönliche Sicherheit sei gefährdet gewesen, da der Staat nicht angemessen auf die durch die Überschwemmungen entstandenen Risiken reagiert habe Rechten und Hilfen zu erhalten, wie andere zwangsweise Vertriebene.
Ein wegweisendes Urteil
Und tatsächlich: Im April 2024 – fast zehn Jahre nachdem Ana Librada Niño de Mendoza und José Noé Mendoza Bohórquez als Opfer von verheerenden Überschwemmungen aus ihrem Zuhause vertrieben wurden – erkennt das kolumbianische Verfassungsgericht klimabedingte Vertreibung als eine Form der Zwangsvertreibung an, welche die Menschenrechte der betroffenen Personen in intensiver und multidimensionaler Weise verletzt.
In dem wegweisenden Urteil gibt das Gericht den Klagenden daher recht. Als Opfer von Zwangsvertreibung haben sie, ebenso wie Opfer von Vertreibung im Kontext bewaffneter Konflikte, Anspruch auf Zugang zu staatlichen Schutzsystemen und Leistungen.
Wer durch Überschwemmungen oder andere Folgen der Klimakrise seine Lebensgrundlage verliert, darf nicht länger rechtlich benachteiligt werden. Das Gericht geht aber noch weiter: Es verpflichtet den Staat, eine umfassende Politik zum Umgang mit klimabedingter Vertreibung zu entwickeln.
Kolumbien als Vorreiter
Im Dezember 2025 reagiert die kolumbianische Regierung auf das Urteil. Als erstes Land Lateinamerikas erkennt Kolumbien klimabedingte Vertreibung rechtlich an. Menschen, die – wie Ana Librada Niño de Mendoza und José Noé Mendoza Bohórquez – durch Naturkatastrophen oder andere klimatische Veränderungen vertrieben wurden, werden nun offiziell als Opfer von Zwangsvertreibung anerkannt und haben Anspruch auf staatlichen Schutz und Unterstützung.
Mehr als zehn Jahre nach ihrer Flucht zeigt ihr Fall Wirkung. Statt schutzlos in einer rechtlichen Grauzone zu sein, haben Menschen, denen in Zukunft ein ähnliches Schicksal widerfährt, jetzt klar definierte Rechte.
Gleichzeitig sollen präventive Maßnahmen gegen zukünftige klimabedingte Vertreibung unternommen werden, um diese im besten Fall verhindern, oder aber angemessen auf sie reagieren zu können. Damit nimmt Kolumbien eine Vorreiterrolle in der Region ein – und setzt ein Signal, das über das Land hinausstrahlt.
Höchste Eile – Härtetest für neues Gesetz
Die Dringlichkeit des neuen Gesetzes zeigt sich bereits jetzt. Im Februar dieses Jahres führen historische Niederschläge in mehreren Bundesstaaten Kolumbiens zu massiven Überschwemmungen. Mehr als 250.000 Menschen sind betroffen, Tausende müssen ihre Häuser verlassen. Präsident Petro spricht von Ereignissen „in nie zuvor dagewesenem Ausmaß“. Die heftigen Niederschläge überraschten vielerorts, da sich das Land eigentlich noch in der Trockenzeit befand. Für das neue Gesetz ist dies der erste Härtetest. Ob die versprochenen Schutz- und Unterstützungsmaßnahmen greifen, wird sich nun in der Praxis zeigen.
Ursprünglich für ihre atemberaubende Vogelwelt bekannt, war die Isla Maravilla 2017 die erste Insel des San Bernardo Archipels, welche dem steigenden Meeresspiegel zum Opferfiel. Auf dem Foto von 2009 sind weite Teile der Insel bereits überflutet. Foto: Juan Sebastían Echeverry/Flickr BY 2.0

 

Häufig sind es sozial und wirtschaftlich benachteiligte Menschen, die in unmittelbarer Nähe von Flussufern leben müssen und daher besonders stark von Überschwemmungen betroffen sind. Foto: Juan Sebastían Echeverry/Flickr BY 2.0
Wo das Wasser bereits bis zu den Füßen steht
Besonders prekär ist die Situation auf den karibischen Inseln Kolumbiens. Viele liegen nur wenige Meter über dem Meeresspiegel und sind den Folgen der Erderwärmung unmittelbar ausgesetzt. Was dies für die Inselbewohner*innen bedeutet, zeigt sich bereits jetzt: Immer häufiger werden die Inseln überflutet. Auf dem Archipel San Bernardo stehen einige Inseln mittlerweile bereits bei Flut unter Wasser. Häuser werden beschädigt, selbst die Schule ist immer wieder betroffen.
Dennoch bleiben staatliche Maßnahmen bislang überschaubar. Viele Bewohner*innen wurden daher selbst aktiv: In lokalen Initiativen errichten sie provisorische Dämme aus Muscheln, um die Wellen abzuhalten, und Pflanzen Mangroven, um die Küsten zu stabilisieren.
Kolumbianische Einsatzkräfte unterstützen im Flutgebiet. Foto: National
Police of Columbia BY-SA 2.0
Umsiedlung unausweichlich?
Klar ist: Schon 2017 wurde die erste Insel des San-Bernardo-Archipels vom Meer verschluckt, weitere werden folgen. Für viele Bewohner*innengeht es längst nicht mehr um den Erhalt ihrer Heimat, sondern um die Frage, wann sie diese verlassen müssen. Das neue Gesetz schafft auch dafür erstmals eine rechtliche Grundlage. Gemeinsam mit den Menschen vor Ort müssen jetzt ein Fahrplan für die nächsten Jahre sowie akute Schutzmaßnahmen entwickelt werden. Ob es gelingt, Umsiedlungen sozial gerecht zu gestalten und die Betroffenen wirksam zu schützen, ist offen. Die Geschichte der Mendozas, aber auch die Situation auf San Bernardo und anderen Teilen Kolumbiens, zeigen: Schon heute beeinflusst die Klimakrise das Leben vieler Menschen in drastischer, multidimensionaler Weise. Weil die rechtliche Anerkennung des Klimawandels als Fluchtgrund fehlt, werden Betroffene unzureichend geschützt und grundlegender Rechte beraubt. Kolumbien hat dies erkannt, und die Rechte sowie den Status von Klimaflüchtlingen gestärkt. Weitere Länder sollten folgen und bestehende Lücken schließen. Im Kampf gegen die Klimakrise muss neben dem Schutz der Umwelt immer auch der der Menschenrechte mitgedacht werden.
[Info]

Finn Harmsen studiert Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin und absolviert derzeit ein Praktikum im Referat Indigene Völker der GfbV

 

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