Das Amazonasgebiet ist für seinen Überfluss bekannt: für seine riesigen lianenbehangenen Kapokbäume, die Affenhorden, Tapire und Papageien, für Ananas, Bananen und Papaya. Vor diesem Hintergrund wundert es kaum, dass ein Großteil der Menschen im Amazonasgebiet bis zum heutigen Tag von den Erträgen der Wälder, Flüsse und Gärten lebt. Dies ist auch der Fall in den yaguanischen Ortschaften, in denen ich für fast zwei Jahre gelebt habe.
Zwei Mahlzeiten pro Tag
Die Yagua sind ein Indigenes Volk, welches im peruanischen und kolumbianischen Amazonasgebiet beheimatet ist, und eine eigene Kultur samt eigener Sprache, Geschichten, Bräuche und Lieder besitzt.
Bei den Yagua gibt es im Regelfall zwei Mahlzeiten pro Tag. Diese bestehen, je nach Verfügbarkeit, aus einem Stück Fisch oder Fleisch, einer Beilage wie Reis oder Maniok und gegebenenfalls noch einem Getränk wie Chapo (ein warmer Trank aus Bananen) oder Masato (alkoholisch, aus Maniok her-gestellt). Fisch und Fleisch sind dabei meist fang- oder jagdfrisch.
Mit der großen Vielzahl frischer Fisch- und Fleischprodukte ist das Essen bei den Yagua ein Gaumenschmaus. Es gibt zum Beispiel gegrillten huasaco, lisa und sábalo (verschiedene Fischarten), mazamorra (eine aus Kochbananen hergestellte Suppe) mit Zungarowels, Suppen mit Wildschwein-, Schildkröten- und Affenfleisch und natürlich auch das unter Tourist*innen wohlbekannte suri (Larven des Palmenrüsslers).
Wollaffen, Faultiere und Ameisenbären
Für mich bedeutete das yaguanische Essen zunächst eine Umstellung, nicht zuletzt, da ich ansonsten größtenteils vegetarisch lebe. Mit der Zeit gewöhnte ich mich jedoch an die lokale Küche und nahm dann auch des Öfteren an Jagdausflügen teil. Diese reichten in der Länge von wenigen Stunden bis zu mehreren Tagen und fanden entweder nahe der Siedlungen und Gärten statt oder aber in weiter entfernten Gegenden, in denen dann ein kleines Jagdlager errichtet wurde.
Für mich war es beeindruckend zu beobachten, wie die verschiedensten Tiere – Wollaffen, Brüllaffen, Faultiere, Pakas, Gürteltiere, Ameisenbären und Wildschweine – in eine fast homogene Masse von Fleisch umgewandelt werden. In der Tat sind Unterschiede zwischen den Tieren fast nur noch geschmacklich wahrnehmbar, nachdem sie ausgenommen, gehäutet und zerlegt sind.

Jagd und Fischfang für den Verkauf
Der Großteil der erlegten Tiere ist heutzutage für den Verkauf bestimmt. „Die einzige Möglichkeit, in der aktuellen Lage wirtschaftlich zu überleben, ist über die Jagd oder den Fischfang“, berichtete mir vor vier Jahren Gerlin Ramirez Santana, ein angesehener yaguanischer Anführer. Deshalb wird mittlerweile eine größere Menge an Tieren erlegt. „[Früher] töteten die Menschen nur für den eigenen Konsum … Heutzutage aber dreht sich statt des Konsums alles um die Kommerzialisierung.“ Neben dem Essen werden nun nämlich auch Seifen, Kleidung und Schulmaterialien benötigt. Wie Gerlin Ramirez Santana konstatierte: „Heutzutage töten sie [die Jäger] für alles: um alle Bedürfnisse ihrer Familie abzudecken.“
Gewinn machen dabei vor allem die lokalen Patrone, welche die für die Jagd notwendigen Kugeln sowie Salz fariña (grobkörniges Maniokmehl), Taschenlampen, Batterien und Benzin vorschießen – mit Aufpreis, wohlgemerkt – und das erjagte Fleisch dann unter dem Marktpreis aufkaufen. „Es reicht oftmals nicht aus“, erzählte mir Gerlin Ramirez Santana. „Und was machst du dann? Du nimmst weitere Schulden auf.“ Mit der Jagd allein kann man nicht aus der materiellen Armut ausbrechen; ohne die Jagd kann man nicht überleben.

Dosensardinen, Dosenthunfisch und Dosenhühnchen
Mit der immer größeren Abhängigkeit vom Marktsystem verändern sich auch die geschmacklichen Präferenzen. Viele Kinder erwarten heutzutage zum Beispiel, dass eine Mahlzeit Reis enthält, und lehnen es ab, lediglich Kochbananen oder Maniok zum Fleisch zu essen.
Teilweise sind die veränderten Essgewohnheiten auch auf die Schulspeisung zurückzuführen, welche es zum Frühstück und Mittag für alle schulpflichtigen Kinder gibt. Bei meiner Ankunft im Jahr 2021 waren die Materialien noch verteilt und dann in den Familien aufgebraucht worden. Späterhin wurden jedoch Refektorien in den Dörfern gebaut und ein oder zwei Familien waren jeweils dafür zuständig, Feuerholz zu holen und für die Kinder zu kochen.
Das Essen bei der Schulspeisung ist anders. Statt Chapo aus frischen Bananen gab es zum Beispiel ein Pulver, mit dem das Getränk angerichtet werden konnte, gemischt mit einer Konservenmilch, die begehrt war, sonst in den Dörfern aber eher selten auf dem Tisch stand. Der Rest des Essens bestand zumeist aus Dosensardinen, Dosenthunfisch und Dosenhühnchen, zusammen mit Reis und Hülsenfrüchten.

Großkonzerne statt lokale Erzeuger
Die französische Ethnologin Emmanuelle Ricaud-Oneto, welche für ihre Doktorarbeit die Schulspeisung bei den Maijuna und Napuruna im peruanischen Amazonasgebiet untersuchte, zeigt, dass der Staat Großkonzerne mit der Schulspeisung betraut, anstatt die Menschen in ländlichen Regionen mit den nötigen Werkzeugen und Materialien auszustatten, um selbst Nahrung anzubauen sowie jagen oder fischen gehen zu können. Wie die Ethnologin hervorhebt, herrscht in der lokalen Bevölkerung zudem Misstrauen gegenüber dem Essen der Schulspeisung bis hin zu hartnäckigen Gerüchten, dass es sich bei den Dosensardinen gar nicht um Fisch handelt, sondern um Menschenfleisch. Ähnliche Ressentiments habe auch ich beobachten können. Meine Gastfamilie unterschied zum Beispiel klar zwischen Fisch, der noch als solcher erkennbar ist, und einem Fischgemisch, bei dem man nicht weiß, ob man gerade den Kopf oder den Schwanz isst. In der Tat machte auch in meiner Forschungsstätte die Idee die Runde, dass es sich womöglich um Menschenfleisch handeln könnte.
Größerer Stellenwert von Erwerbsarbeit
Dennoch ist die Schulspeisung fest etabliert und die Kinder gewöhnen sich immer mehr an Reis, Zucker, Bananenpulver und Dosensardinen. Eine Folge dieser geschmacklichen Veränderungen sind größere Abhängigkeiten von Akteuren des Marktsystems. Der Stellenwert von Erwerbsarbeit wird somit größer, vielfach auch auf illegalen Plantagen, und damit verschiebt sich die Verfügbarkeit von Fisch und Fleisch: In Zeiten der Ernte auf den Plantagen gibt es im Dorf meist nur wenig zu essen und es muss immer öfter auch auf Dosensardinen und andere Produkte zurückgegriffen werden, die in der Stadt gekauft und dann im Dorfladen oder Haus gelagert werden können.
[Info]
Theodor Borrmann promovierte am Lehrstuhl für Internationale Entwicklung der Universität Oxford. In seiner Dissertation beleuchtete er kritisch die Prozesse des technologischen Wandels beim Volk der Yagua im nordwestlichen Amazonasgebiet. Er lebte hierfür fast zwei Jahre bei der Gemeinschaft und nahm an Jagd- und Fischereiexpeditionen teil, spielte Fußball und baumelte in der Hängematte.

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