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Stunde der Wahrheit

Stunde der Wahrheit
Marcelita (rechts) wird zur prägenden Persönlichkeit des Widerstands. Foto: © Jhaquelin Dávalos/IPDRS
Bearbeitung Illustrationen: studio mediamacs Bozen

Jahrzehntelang saß Nevzat Öztürk als politischer Gefangener in türkischer Haft. Mal stand seine Entlassung kurz bevor, dann kam es anders. Auf Hoffen folgt Enttäuschung. Im Oktober 2023 verlässt er das Gefängnis schließlich doch noch als freier Mann. Für eine Beschreibung der letzten Momente in Haft und der ersten Momente in Freiheit ringt er bis heute um Worte.

Von Nevzat Öztürk im Februar 2024
 

Ich habe 31 Jahre und 6 Monate in der Türkei im Gefängnis verbracht. Als der Tag meiner Entlassung am 11. Oktober 2023 gekommen war, teilte die Gefängnisverwaltung mir bis 15 Uhr an diesem Tag nichts mit. Ich fragte immer wieder nach dem Stand der Dinge, aber Vertreter der Verwaltung sagten: „Es ist nicht sicher. Der Staatsanwalt wird die endgültige Entscheidung treffen. Die Entscheidung ist noch nicht gefallen.“ Im Laufe des Tages gab ich die Hoffnung auf, dass sie mich entlassen würden. Wir hatten bereits schlechte Erfahrungen gemacht. Die Verwaltung verschob die Entscheidungen über Freilassungen von Gefangenen jedes Mal um drei bis vier Monate. Bei mir wurde sie zuletzt um vier Monate verschoben. Trotzdem hoffte ich darauf, meine Freiheit wiederzubekommen und diese Einschätzung der Situation traf mich – wenn auch nur ein wenig. Ich wartete mit Spannung auf neue Nachrichten.

Dann endlich fiel die Entscheidung und ich bekam sie in einem Dokument zu lesen. Schlagartig änderten sich meine Gefühle und ich war schier überwältigt. Es war Zeit, physisch zu gehen – das Gefängnis wirklich zu verlassen. Die meisten meiner Kameraden teilten ihre Gedanken mit mir und gaben mir ihre Erwartungen mit in die Freiheit. Ich war sehr berührt, ich weinte stellenweise. Manche Dinge erlebt man, aber man kann sie nicht beschreiben. Es ist nicht möglich, diesen Moment in Worte zu fassen.

Wikipedia; gemeinfrei
Bearbeitung: studio mediamacs Bozen

Es war schwer, meine Kameraden physisch zu verlassen. Wir waren zwar oft voneinander isoliert, dann konnten wir nicht miteinander kommunizieren. Aber über die Jahre lernten wir uns trotzdem kennen. In den letzten Stunden meines Gefängnisaufenthalts waren nur zwei Genossen bei mir. Ich saß ihnen gegenüber und wir führten ein letztes, herzliches Gespräch als gemeinsame Gefangene. Dann verabschiedete ich mich.

Mit mir zusammen wurden vier weitere Genossen aus der Haft entlassen. Wir gingen zusammen hinaus. Unsere Freunde und Familien begrüßten uns herzlich an der Tür. Journalisten waren gekommen. Sie fragten uns, wie wir uns fühlten. Wir waren aufgeregt, die Umarmungen der Menschen machten uns sehr glücklich. Die Aussicht außerhalb der Gefängnismauern erstrahlte wunderschön. Angesichts dieser Aussicht sagte ich zu mir: „Die Menschen umarmen ihre eigenen Werte.“

[Info]
Dr. Kamal Sido übersetzte den Text aus dem Türkischen. Dabei wurde er sprachlich leicht angepasst.
 

Foto (links): Nach 31 Jahren und 6 Monaten politischer Haft empfangen seine Anwältin Raziye Öztürk (links) und sein Anwalt Barış Marhan (rechts) Nevzat Öztürk (Mitte) in der Freiheit. Foto: © Familie Öztürk

Foto (rechts): Ein altes Foto zeigt Nevzat Öztürk als jungen Vater mit seinen beiden Kindern. Foto: © Familie Öztürk

„Ich bin überglücklich, dass mein Vater nach über 31 Jahren wieder frei ist. Dass er wieder zu Hause ist. Ich wünsche mir, dass alle politischen Gefangenen freigelassen werden und zu ihren Familien zurückkehren können. Ich wünsche mir Frieden und Freiheit für die Kurden und alle Völker des Nahen Ostens. Dass Krieg, Gewalt und Terror aufhören. Herr Erdoğan, lassen Sie alle Gefangenen frei! Beginnen Sie einen Friedensprozess mit den Kurden!“ 
(Jiyan Öztürk am 11. Oktober 2023)
 

Bearbeitung Illustrationen: studio mediamacs Bozen

Der Gefangene und Autor 

Nevzat Öztürk kommt aus Türkisch-Kurdistan im Osten der Türkei, ist Kurde und setzte sich als junger Mann für die Rechte der Kurden ein. Schon in den 1930ern zwang der türkische Staat durch das „Familiennamensgesetz“ seiner Familie den Namen „Öztürk“ auf, der übersetzt so viel wie „reiner Türke“ bedeutet. Seither ist der Druck auf Kurden in der Türkei nicht weniger geworden.

Im Jahr 1992 wurde Nevzat Öztürk schließlich in der Stadt Istanbul, fern seiner Heimat, auf Anordnung des Staatssicherheitsgerichts festgenommen. Nach 14 Tagen Misshandlung auf einer Polizeistation verurteilte ihn das Gericht wegen „Zerstörung der Einheit und Integrität der Türkei“ zu lebenslanger Haft. Im Juni 2023 hätte er eigentlich entlassen werden sollen – doch seine Haft wurde um vier Monate verlängert. Der Grund: Er soll im Gefängnis „nicht sparsam mit Strom umgegangen sein“ und „nicht genügend Bücher in der Gefängnisbibliothek gelesen“ haben.

Die Menschenrechtsorganisation Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) hat sich gemeinsam mit Nevzat Öztürks Angehörigen jahrzehntelang für seine Freiheit eingesetzt, demonstriert, an Vertreter*innen der Regierungen appelliert, Petitionen gestartet. Am 11. Oktober 2023 gegen 22 Uhr erreichte den Nahost-Experten Dr. Kamal Sido der GfbV in Göttingen endlich die erlösende Nachricht aus der Türkei: Nevzat Öztürk war frei. (jf)
 

Türkei

Die politische Lage in der Türkei ist angespannt. Insbesondere seit dem gescheiterten Putschversuch im Juli 2016 geht die türkische Regierung unter dem Deckmantel der „Terrorismusbekämpfung“ systematisch gegen Oppositionelle, insbesondere Kurden, vor. Nach dem Putschversuch wurde die Immunität von 50 Abgeordneten der pro-kurdischen HDP (Demokratische Partei der Völker) aufgehoben, rund 15.000 Mitglieder, Funktionäre, Bürgermeister und Stadträte wurden verhaftet. Unter ihnen ist auch Selahattin Demirtaş. Besonders schlimm ist die Lage in Türkisch-Kurdistan im Osten der Türkei. Dort sind viele politisch Aktive inhaftiert, darunter Bürgermeister und Stadträte. (ks)
 

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