
Inmitten des Kriegs im Jemen ist die Bahá’í-Gemeinde unter der Kontrolle der Huthis unerbittlicher Verfolgung ausgesetzt. Auch unser Autor landete im Gefängnis, ohne dass je eine Anklage gegen ihn erhoben worden wäre. Halt fand er in dieser Zeit in seinem Glauben. Trotz der systematischen Gefahr leisten die Bahá’í weiterhin ihren Beitrag zur jemenitischen Gesellschaft.
von Nader Al-Sakkaf
Vor meiner Verhaftung folgte mein Leben einem vertrauten Rhythmus: Als Augenarzt widmete ich mich der medizinischen Grundversorgung, wobei ich mich besonders auf unterversorgte ländliche Kommunen konzentrierte. Mit anderen Ärzten organisierten wir medizinische Camps. Die Behandlung war für die Patienten hier kostenlos. Darüber hinaus engagierte ich mich aktiv in ehrenamtlichen Initiativen, die Menschen selbstermächtigen sollten und die Entwicklung der Gemeinschaft förderten. Diese Bemühungen waren nicht nur eine berufliche Verpflichtung, sondern Ausdruck meines tief verwurzelten Glaubens an die Grundsätze der Bahá‘í-Religion: Diese betonen die Bedeutung des Dienstes an der Menschheit und die Förderung von Frieden und Einheit.
Fast zermalmt in den Mühlen des Unrechts
Am 10. August 2016 nahm mein Leben eine unerwartete Wendung. Morgens verabschiedete ich mich von meiner Frau und meinen Kindern, um meiner täglichen Routine nachzugehen. Da ahnte ich noch nicht, dass dieser Tag der Beginn einer erschütternden Reise durch die Niederungen der Huthi-Gefängnisse sein würde. Irgendwann an diesem Tag erreichte mich die Nachricht, dass bewaffnete Huthi-Truppen eine Versammlung von Jugendlichen überraschend und gewaltsam angegriffen hatten. In der Folge waren zahlreiche Personen willkürlich verhaftet worden – darunter auch meine Frau.
Meine Frau hat damals an einem Programm teilgenommen, das junge Menschen befähigen sollte, einen positiven Beitrag zu ihrem Gemeinwesen zu leisten. Ich fürchtete um ihre Sicherheit und suchte deswegen sofort nach Informationen und Hilfe. Kurz darauf fand ich mich selbst in diesem Unrechtssystem verstrickt. Unter dem Vorwand, die Notlage meiner Frau zu besprechen, wurde ich in das damalige Nationale Sicherheitsbüro vorgeladen. Dort angekommen, legte man mir Handschellen an, verband mir die Augen und verschleppte mich an einen unbekannten Ort. Meiner Freiheit und Würde beraubt, wurde ich zu einer weiteren Statistik in der unerbittlichen Verfolgungskampagne des Huthi-Regimes.

Bearbeitung: studio mediamacs Bozen

Foto: Rod Waddington/Flickr CC BY-SA 2.0
Die Verhöre konzentrierten sich auf meine religiösen Überzeugungen, insbesondere auf mein Eintreten für Frieden und Einheit inmitten des Kriegschaos. Einige Fragen zielten darauf ab, zu verstehen, warum ich junge Menschen ermutigte, in Zeiten des Konflikts für den Frieden einzutreten. Gerade diese Fragen unterstrichen die Feindseligkeit des Regimes gegenüber allen abweichenden Stimmen. Doch trotz der Einschüchterungen und Nötigungen blieb mein Glaube unerschüttert und diente als Leuchtfeuer der Hoffnung inmitten der Dunkelheit der Gefangenschaft.
Aus Tagen wurden Wochen und aus Wochen Monate. Ich schmachtete in einer engen Zelle neben anderen Gefangenen, deren Gesichter von Angst und Ungewissheit gezeichnet waren. Getrennt von meiner Frau und in Unkenntnis ihres Schicksals, kämpfte ich mit Gefühlen der Hilflosigkeit und Verzweiflung. Der einst vertraute Lebensrhythmus wurde durch die Monotonie der Gefangenschaft ersetzt, geprägt durch Verhöre, Drohungen und Momente tiefster Isolation.
Die Kraft des Glaubens
Trotz der grausamen Umstände gab es inmitten der Trostlosigkeit der Gefangenschaft auch Momente der Solidarität und des Mitgefühls. Mein medizinisches Fachwissen wurde zu einer Rettungsleine für Mitgefangene. Angesichts von Vernachlässigung und Gleichgültigkeit konnte ich lebenswichtige Versorgung leisten und das Leiden lindern. Selbst in den finstersten Zeiten haben die Grundsätze der Bahá‘í-Religion meine Handlungen geleitet. Sie erinnerten mich an die jedem Menschen innewohnende Würde und Wertigkeit, unabhängig von den Umständen oder dem Glauben.
Wenn ich über meine Tortur in den Gefangenenlagern der Huthis nachdenke, bin ich beeindruckt von der Widerstandsfähigkeit des menschlichen Geistes und der anhaltenden Kraft des Glaubens im Angesicht von Widrigkeiten. Auch wenn die körperlichen Narben mit der Zeit verblassen mögen, sind die unauslöschlichen Spuren in meiner Seele eine Erinnerung an die Ungerechtigkeiten der Huthis.
[Info und Hinweis zur Transparenz]
Jascha Noltenius übersetzte den Text aus dem Englischen. Dabei wurde er sprachlich leicht angepasst. Die Für Vielfalt Redaktion dankt der Bahá’í-Gemeinde in Deutschland und besonders Jascha Noltenius, der uns diesen Artikel vermittelt hat.

Der Gefangene und Autor
Nader Al-Sakkaf kam am 27. November 2016, nach fast vier Monaten willkürlicher Haft, wieder frei. Seine Ehefrau wurde schon etwas früher aus der Haft entlassen, nachdem sie ein Dokument unterzeichnet hatte, dass sie an keiner weiteren Aktivität der Bahá‘í mehr teilnehmen und ihre Religion auch Zuhause nicht mehr ausüben würde. Gegen keinen der beiden wurde eine Anklage erhoben. Heute ist Nader Al-Sakkaf Direktor des Büros für öffentliche Angelegenheiten der Bahá‘í im Jemen und repräsentiert die Gemeinschaft im internationalen Kontext. So sprach er zum Beispiel bereits vor dem Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen in Genf. (jf)
Jemen
Die Menschenrechtslage im Jemen hat sich seit dem Ausbruch des Bürgerkriegs 2014 dramatisch verschlechtert. Minderheiten werden im Jemen seit langem verfolgt. So wird beispielsweise die Minderheit der Al Akhdam, die mit 500.000 bis 3 Millionen Angehörigen die größte ethnische Minderheit des Landes darstellt, seit jeher benachteiligt oder verfolgt. Im Jahr 2015 kam es zu einer militärischen Intervention unter Führung Saudi-Arabiens. Diese unterstützte die Exilregierung im Jemen gegen die vom Iran unterstützten Huthi-Rebellen im Norden des Landes. Diese Intervention führte zu einer weiteren Verschlechterung der Lage. Die Menschen leiden vor allem unter Hunger, Vertreibung und Gewalt. Zudem ist eine Choleraepidemie ausgebrochen. Die schiitisch geprägte Huthi-Miliz steht unter dem Einfluss des schiitisch-islamistischen Regimes im Iran und geht auch gegen die Religionsgemeinschaft der Bahá’í vor. Aktuell befinden sich vier Bahá’í in Huthi-Gefangenschaft, seit sie vor über einem Jahr bei einer friedlichen Versammlung verschleppt wurden. Außerdem ist ein Todesurteil gegen den Bahá’í Hamed bin Hayadra weiterhin in Kraft, obwohl er im Juli 2020 des Landes verwiesen wurde. (ks)
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