Die Aymara gehören zu den ältesten Indigenen Völkern der Anden. Bis heute werden sie politisch, wirtschaftlich und sozial ausgegrenzt. Diese Benachteiligung ist Folge kolonialer Machtstrukturen. Ihre Geschichte ist geprägt von Fremdherrschaft, Landverlust, anhaltender Marginalisierung und daraus resultierendem Widerstand. Konflikte um Land, politische Teilhabe und kulturelle Selbstbestimmung prägen den Alltag vieler Aymara bis heute. Diese Konflikte begannen nicht erst mit der Ankunft der spanischen Kolonialherren, sondern bereits im Inkareich.

Aymara: Indigenes Volk der Anden
Heute zählen die Aymara rund zwei bis drei Millionen Menschen. Sie leben vor allem im Hochland, das sich über die Gebiete der heutigen Länder Bolivien, Peru, Chile und ((Argentinien)) erstreckt.
Die Aymara gelten als Nachfahr*innen der Tiwanaku-Kultur, einer der bedeutendsten Zivilisationen des präkolumbianischen Andenraums. Mit der Expansion des Inkareichs im 15. Jahrhundert wurden ihre Gebiete eingegliedert, viele soziale und kulturelle Strukturen blieben jedoch bestehen.
Aymara: Eine der meistgesprochenen indigenen Sprachen Südamerikas
Mit rund 2,2 Millionen Sprecher*innen gehört Aymara neben Quechua und Guaraní zu den meistgesprochenen indigenen Sprachen Südamerikas. Gemeinsam mit den stark gefährdeten Sprachen Jaqaru und Kawki, die in Peru nur noch von wenigen Dutzend beziehungsweise wenigen Sprecher*innen gesprochen werden, bildet Aymara die Aymara-Sprachfamilie, die auch als Aru- oder Jaqi-Sprachen bezeichnet wird.
Spanische Kolonialherrschaft prägt Leben bis heute
Mit der spanischen Kolonialherrschaft begannen systematische Gewalt und Ausbeutung. Die Kolonialherren nahmen den Aymara-Gemeinschaften ihr Land und zwangen sie zur Arbeit in Minen und auf Großgrundbesitz. Koloniale Zwangssysteme wie die Mita (Arbeitsdienst) und das Reparto-System (Zwangsabgaben und -handel) zerstörten ihre territorialen Strukturen, das sogenannte Ayllu-System – gemeinschaftlich organisierte Lebens- und Wirtschaftsräume.
Die Folgen der Kolonialherrschaft prägt das Leben der Aymara bis heute: Land ist in den Händen weniger Eliten konzentriert, während indigene Gemeinschaften weiterhin systematisch verdrängt und ausgegrenzt werden.
Indigenes Leben zwischen Stadt und Land

Heute leben viele Aymara in Städten. Armut, Landverlust und Perspektivlosigkeit erschweren das Leben im ländlichen Raum. In städtischen Zentren wie El Alto entstehen neue Formen indigener Identität, die Tradition und das moderne Stadtleben verbinden. Diese Entwicklungen sind Ausdruck von Anpassung – und zugleich von Widerstand gegen anhaltende soziale und politische Ausgrenzung.

Zwischen Anerkennung und Ausgrenzung
In Bolivien markierte die Wahl von Evo Morales im Jahr 2005 einen historischen Wendepunkt. Erstmals wurde ein Präsident mit indigener Herkunft gewählt. Die neue Verfassung von 2009 erkannte Bolivien als plurinationalen Staat an und stärkte formell die Rechte Indigener Völker. Identitätssymbole der Aymara, wie die Wiphala-Flagge, wurden Teil staatlicher Repräsentation. Die Auswirkungen auf das Leben der Aymara waren jedoch begrenzt: Diskriminierung, soziale Ungleichheit und politische Ausgrenzung bestehen fort – in staatlichen Institutionen ebenso wie im Alltag.
Auch in Peru und anderen Ländern der Region sind indigene Gemeinschaften der Aymara weiterhin unterrepräsentiert und wirtschaftlich benachteiligt.

Aktivist*innen riskieren weltweit ihre Freiheit, ihre Sicherheit – und oft ihr Leben. Der indigene Menschenrechtsverteidiger Benki Piyãko stellt sich seit Jahren mutig der Holzmafia im brasilianischen Regenwald entgegen. Durch sein Engagement befindet er sich in ständiger Lebensgefahr.
Er steht beispielhaft für Aktivist*innen weltweit, die starke, solidarische Verbündete brauchen.
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Gewalt und Repression
Die Konflikte um politische Macht und soziale Ungleichheit im Andenraum münden immer wieder in Gewalt. Bei Protesten in Bolivien 2019 wurden Dutzende Demonstrant*innen, viele von ihnen Aymara aus der Stadt El Alto, von offiziellen Sicherheitskräften getötet.
Ein ähnlicher Fall ereignete sich Anfang 2023 in Peru. Dort kam es bei Protesten zu tödlicher Gewalt gegen indigene Demonstrant*innen.
Polizei und Militär gehen unverhältnismäßig gegen indigene Bevölkerungsgruppen vor. Die Gewalt wird strafrechtlich kaum aufgearbeitet. Für viele Aymara ist staatliche Gewalt keine Ausnahme, sondern eine wiederkehrende Erfahrung.
Ressourcen als Konflikttreiber
Der Hauptauslöser vieler Konflikte ist der Zugang zu natürlichen Ressourcen. Das angestammte Land der Aymara ist reich an mineralischen Ressourcen und gleichzeitig von Wasserknappheit geprägt. Nichtsdestotrotz interessieren sich Unternehmen und der Staat selbst für die Rohstoffe. Bergbau-, Landwirtschafts- und Infrastrukturprojekte greifen regelmäßig in ihre Territorien ein. Die Folgen sind Umweltzerstörung, die zunehmende Verschmutzung von Wasserquellen und der damit einhergehende Verlust von Lebensgrundlagen. Oft werden diese Projekte ohne eine vorherige Konsultation der betroffenen Gemeinschaften durchgeführt, ein Recht, das durch verschiedene internationale Abkommen über die Rechte Indigener Völker anerkannt ist.
Dies setzt traditionelle Lebensweisen massiv unter Druck. Für viele Aymara bedeutet dies nicht nur wirtschaftliche Unsicherheit, sondern auch den Verlust kultureller Identität.
Ein ungelöster Konflikt
Der Konflikt um die Rechte der Aymara steht beispielhaft für die anhaltende Ungleichheit zwischen indigenen Gemeinschaften und politischen und wirtschaftlichen Eliten in Lateinamerika. Solange Landrechte nicht konsequent geschützt, staatliche Gewalt nicht aufgearbeitet und wirtschaftliche Interessen priorisiert werden, bleibt diese Ungleichheit bestehen. Der Widerstand der Aymara richtet sich daher nicht nur gegen einzelne Projekte. Sie kämpfen gegen ein System, das ihre Rechte und Lebensweisen bis heute nicht vollständig anerkennt.
Stand: Juni 2026
Autor: Jan Königshausen
Redaktion: Sarah Neumeyer
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Jan Königshausen
Referent für Indigene Völker
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