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Banyamulenge

Blauer Pfeil

Die Banyamulenge sind eine ethnische Minderheit, die seit dem 18. Jahrhundert in den Hochlandregionen Süd-Kivus in der Demokratischen Republik Kongo (DR Kongo) lebt. Trotz dieser langen Verbindung zu ihrem Land werden die Banyamulenge bis heute häufig fälschlich als „Ruander*innen“ oder „Tutsi“ bezeichnet und nicht als Kongoles*innen. Dieses Narrativ beruht auf kolonialen Fehlinterpretationen. Belgische Kolonialbeamt*innen ordneten die Banyamulenge aufgrund vermeintlicher äußerer Ähnlichkeiten zu ethnischen Gemeinschaften aus Ruanda irrtümlich als „Banyaruanda“ ein. Diese historische Fehleinordnung dient politischen Akteuren und bewaffneten Gruppen bis heute als Grundlage, die kongolesische Identität der Banyamulenge infrage zu stellen und sie als „Fremde“ zu stigmatisieren. Dies führt nach wie vor zu massiver Diskriminierung und Vertreibung.

Systematische Verfolgung und Gewalt

Die Gewalt gegen die Banyamulenge folgt seit Jahrzehnten einem klar erkennbaren Muster, zu dem gezielte außergerichtliche Tötungen, sexualisierte Gewalt, Plünderungen, Diskriminierung und Zwangsvertreibungen gehören. So auch am 13. August 2004, als im UN-Geflüchtetenlager Gatumba in Burundi mindestens 166 geflüchtete Banyamulenge getötet und über 100 weitere verletzt wurden. Die Täter*innen, Mitglieder der burundischen Rebellengruppe Forces Nationales de Libération (FNL) und verbündeter Milizen, attackierten gezielt Zivilist*innen, setzten Zelte in Brand und exekutierten Menschen, darunter viele Frauen und Kinder. Bis heute fehlt eine umfassende juristische Aufarbeitung des Massakers.

Seit 2017 und verstärkt seit 2025 kommtes immer wieder zu massiver Gewalt gegen die Banyamulenge. Tausende Angehörige der ethnischen Minderheit wurden dabei getötet. Parallel werden politische Kampagnen geführt. Staatliche Vertreter*innen rufen offen zur Vertreibung oder „Repatriierung“ der Banyamulenge auf. Bis Ende 2021 sollen 300 bis 500 ihrer Dörfer zerstört worden sein. Durch Brände, Plünderungen und die systematische Vernichtung ihrer Lebensgrundlagen wurden viele Banyamulenge zur Flucht gezwungen, ein Großteil innerhalb der DR Kongo. Rinder – zentral für ihre kulturelle Identität und wirtschaftliche Existenz – werden gezielt gestohlen und weiterverkauft, teils unter Beteiligung der kongolesischen Armee. 

Seit Januar 2025 intensivierten sich Angriffe auf banyamulengische Dörfer. Mai-Mai-Milizen töteten Zivilist*innen, zerstörten Häuser, Schulen und Infrastruktur. Die pauschale Darstellung der Banyamulenge als „nicht kongolesisch“ dient oft als Vorwand für willkürliche Festnahmen, Folter und außergerichtliche Hinrichtungen. Überlebende berichten von systematischen Vergewaltigungen mit dem erklärten Ziel der Demütigung und Zerstörung sozialer Strukturen. Heute leben viele Banyamulenge-Gemeinschaften in belagerten Enklaven in Süd-Kivu, abgeschnitten von Handel, Nahrung und medizinischer Versorgung.

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Akteure des Konflikts

Im Osten der DR Kongo operieren über 100 bewaffnete Gruppen, darunter Mai-Mai-Milizen, burundische Rebellengruppen, die Armee der DR Kongo (Forces Armées de la République Démocratique du Congo; FARDC) und die M23. Wiederholt ist dokumentiert, dass Einheiten der kongolesischen Armee Angriffe nicht verhinderten oder sogar mit Milizen kooperierten. Auch die UN-Mission MONUSCO konnte viele Übergriffe nicht verhindern. Staatliche und lokale politische Eliten schüren Feindseligkeiten, indem sie öffentlich die kongolesische Staatsbürgerschaft der Banyamulenge infrage stellen. Gleichzeitig instrumentalisiert Ruanda die Minderheit für geopolitische Interessen. So entsteht eine gefährliche Dynamik, in der lokale, nationale und internationale Akteure die Banyamulenge für politische oder wirtschaftliche Zwecke missbrauchen.

Fehlende Anerkennung und Erinnerung

Trotz zahlreicher Massaker werden die Banyamulenge in nationalen und internationalen Erinnerungsdebatten kaum berücksichtigt. Opfer werden häufig als „Kämpfer*innen“ dargestellt, wodurch ihr Status als Zivilist*innen, die im Gegensatz zu Soldat*innen in kriegerischen Auseinandersetzungen nicht angegriffen werden dürfen, infrage gestellt wird. Die Darstellung verstärkt die Entmenschlichung der Opfer sowie Straflosigkeit für die Täter. Eine nachhaltige friedliche Lösung des Konflikts ist nur möglich, wenn die kongolesische Staatsbürgerschaft der Banyamulenge offiziell anerkannt, Minderheitenschutz gewährleistet, Hassrede konsequent bekämpft und Straflosigkeit durch internationale Mechanismen beendet wird.

Deutschlands Verantwortung

Deutschland ist über Wirtschaft, Rohstoffhandel und Rüstungspolitik indirekt in den Konflikt verwickelt. Der Ostkongo verfügt über rund 80 Prozent der globalen Kobaltreserven. Das deutsche Unternehmen H.C. Starck geriet bereits 2002 wegen fragwürdiger Herkunftsangaben seines Kobalts in die Kritik. Während des zweiten Kongokriegs (1998 bis 2003) erhielt ein deutscher Unternehmer einen Kredit zum Ausbau seiner Coltan-Firma in der DR Kongo. Bis 2019 genehmigte Deutschland Waffenexporte in die DR Kongo, vor allem für UN- und EU-Missionen, obwohl Risiken bekannt waren, etwa der mutmaßlichen Weitergabe von Munition durch FARDC-Einheiten an Milizen. Auch Ruanda, dem die Unterstützung bestimmter Milizen vorgeworfen wird, ist ein wichtiger Wirtschaftspartner Deutschlands.

Mai-Mai-Milizen

Die Bezeichnung Mai-Mai-Milizen ist einSammelbegriff für zahlreiche lokal organisierte bewaffnete Gruppen in der DR Kongo, darunter Fraktionen der Babembe, Bafuliiru, Banyindu und Bavira. Sie betrachten sich als indigene Bevölkerung und sprechen den Banyamulenge diese Zugehörigkeit ab. Mai-Mai-Gruppen sind maßgeblich an der Zerstörung von Dörfern, dem systematischen Diebstahl von Vieh und der Vertreibung beteiligt. Zeug*innen berichten, dass sie häufig mit staatlichen Sicherheitskräften kooperieren.

Burundische Rebellengruppen

Burundische Gruppen wie RED-Tabara operieren im Osten der DR Kongo und suchen Allianzen mit lokal starken Milizen. RED-Tabara wird mit militärischem Training in Ruanda und wiederholten Angriffen auf Burundi in Verbindung gebracht. Sie sollen lokale Milizen bei Angriffen auf Banyamulenge unterstützt haben, um Zugang zu Territorien und Bewegungsfreiheit zu erlangen.

FARDC – Kongolesische Armee

Die kongolesische Armee (FARDC) ist offiziell für den Schutz der Bevölkerung zuständig, wird jedoch vielfach beschuldigt, Angriffe auf Banyamulenge zu dulden oder zu unterstützen. Berichte weisen auf gemeinsame Operationen mit Milizen, die Versorgung dieser Gruppen mit Munition und Lebensmitteln sowie die Bereitstellung von Unterkünften in Armeekasernen hin. Einzelne Soldaten sollen selbst Gewalt gegen Banyamulenge verübt haben. Für viele Angehörige der Minderheit gilt die FARDC daher nicht als Schutzinstanz, sondern als Konfliktpartei.

M23-Rebellenbewegung

Die M23 entstand aus Teilen der ehemaligen kongolesischen Rebellengruppe CNDP nach der unvollständigen Umsetzung des Friedensabkommens vom 23. März 2009 zwischen der CNDP und der DR Kongo. Unter Führung von unter anderem dem Rebellenführer Bosco Ntaganda verfolgte sie politische und territoriale Ambitionen und wird vielfach mit ruandischen Interessen in Verbindung gebracht. Die Gruppe nutzt den vermeintlichen Schutz der Banyamulenge teils strategisch, verfolgt jedoch primär eigene Ziele. Dies verstärkt das Misstrauen gegenüber den Banyamulenge, die kollektiv der Kollaboration verdächtigt werden.

CNDP – Congrès National pour la Défense du Peuple

Die CNDP war eine von Tutsi geführte Rebellengruppe in Nord-Kivu, angeleitet von Laurent Nkunda und später von Bosco Ntaganda, der später wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Ituri (DR Kongo) in den Jahren 2002–2003 verurteilt wurde. Ihre Aktivitäten prägten die Konfliktdynamik nachhaltig, insbesondere durch die spätere Integration vieler Kämpfer in die FARDC. Aus Teilen der CNDP ging später die M23 hervor.

Stand: Mai 2026

Autorin: Laura Mahler
Redaktion: Sarah Neumeyer

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