Die Tibeter*innen sind ein Volk mit eigener Sprache, Geschichte und Kultur. Ihr Recht auf Selbstbestimmung haben die Vereinten Nationen bereits 1961 bekräftigt.
Die Heimat der Tibeter*innen ist Tibet, das seit dem Einmarsch der chinesischen „Volksbefreiungsarmee“ im Jahr 1950 unter der Kontrolle der Volksrepublik China steht. Tibet umfasst dabei weit mehr als die heutige „Autonome Region Tibet“: Große Teile der tibetischen Bevölkerung leben in den historischen Regionen Amdo und Kham, die heute zu den Provinzen Qinghai, Sichuan, Gansu und Yunnan gehören. Laut chinesischem Zensus 2020 leben rund sieben Millionen Tibeter*innen in der Volksrepublik China, etwa die Hälfte von ihnen außerhalb der „Autonomen Region Tibet”.
Nach dem gewaltsam niedergeschlagenen Aufstand der Tibeter*innen von 1959 floh der 14. Dalai Lama ins Exil nach Indien. Seither hat die chinesische Regierung ihren politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Zugriff auf Tibet Schritt für Schritt ausgebaut. Tibet zählt heute zu den am stärksten kontrollierten Regionen der Welt, wenn es um politische Rechte, bürgerliche Freiheiten und unabhängige gesellschaftliche Räume geht.
Religion, Sprache und kulturelle Praxis der Tibeter*innen werden durch die chinesische Regierung systematisch eingeschränkt. Politische Betätigung, religiöses Leben und zivilgesellschaftliches Engagement stehen unter strenger Überwachung. Wer tibetische Identität, kulturelle Rechte oder Religionsfreiheit verteidigt, setzt sich einem hohen Risiko staatlicher Repression aus.
Eingeschränkter Zugang und systematische Abschottung Tibets
Unabhängige Informationen aus Tibet dringen nur selten nach außen. Ausländische Journalist*innen, Diplomat*innen und internationale Beobachter*innen erhalten nur unter strengen Auflagen Zugang. Reisen in die Region finden meist in staatlich kontrollierten Rahmen statt. Dadurch wird eine unabhängige Dokumentation der Lage erheblich erschwert.
Die Abschottung betrifft nicht nur die internationale Berichterstattung, sondern auch die Menschen in Tibet selbst. Die Einschränkung von Informations-, Presse- und Meinungsfreiheit ist Teil einer Politik, die Kritik unterdrückt und staatliche Kontrolle absichert.
„Sinisierung“ des tibetischen Buddhismus
Für einen Großteil der Tibeter*innen ist der tibetische Buddhismus ein wesentlicher Bestandteil ihrer kulturellen Identität. In Tibet greift die chinesische Regierung tief in das religiöse Leben ein. Klöster und religiöse Institutionen stehen unter staatlicher Kontrolle, religiöse Autoritäten werden überwacht und unter politischen Druck gesetzt. Religiöse Stätten und Symbole wurden systematisch zerstört. Ziel dieser Politik ist es, den tibetischen Buddhismus zu sinisieren. Er soll an die Ideologie der Kommunistischen Partei angepasst und ihrer Kontrolle unterworfen werden. UN-Expert*innen und Menschenrechtsorganisationen wie die GfbV berichten seit Jahren von massiven Einschränkungen der Religionsfreiheit.
Zwangsinternate und der Angriff auf tibetische Identität
Besonders einschneidend ist der Ausbau staatlicher Internatsschulen. UN-Expert*innen warnten 2023, dass rund eine Million tibetische Kinder von einem Bildungssystem betroffen sind, das auf kulturelle, sprachliche und religiöse Assimilation ausgerichtet ist. Der UN-Ausschuss für wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte forderte China im selben Jahr auf, das Zwangs-Internatssystem in Tibet abzuschaffen.
Viele Kinder leben weit entfernt von ihren Familien, während Unterricht und Alltag überwiegend an Sprache, Kultur und Ideologie der chinesischen Mehrheitsgesellschaft ausgerichtet werden. Lokale Schulen wurden vielerorts geschlossen oder durch zentralisierte Internatsstrukturen ersetzt. Damit greift der Staat nicht nur in Bildungswege ein, sondern auch in familiäre Bindungen und die Weitergabe von Sprache, Religion und kulturellem Wissen.
Die Folgen reichen weit über den Schulalltag hinaus. Eltern und ehemalige Schüler*innen berichten, dass Kinder aus den Internaten oft weniger Tibetisch sprechen und sich von ihrem familiären und kulturellen Umfeld entfremden. Das Internatssystem ist damit ein zentrales Instrument der staatlichen Assimilationspolitik.
Tibetische Sprache unter Druck
Auch die tibetische Sprache gerät zunehmend unter Druck. Nicht nur Unterrichtsinhalte, sondern auch die Unterrichtssprache und der schulische Alltag werden durch die chinesische Regierung gleichgeschaltet und vielerorts auf Mandarin-Chinesisch umgestellt. Tibetisch verliert damit nicht nur an öffentlicher Sichtbarkeit, sondern auch an institutioneller Verankerung.
Seit 2026 zählt Tibetisch in der Autonomen Region Tibet für die meisten Schüler*innen nicht mehr zu den Kernfächern der Hochschulaufnahmeprüfung. Als Prüfungsfach bleibt es nur für Bewerber*innen in Spezialfächern wie tibetischer Literatur. Das ist ein weiterer Schritt, die Sprache aus zentralen Bildungs- und Aufstiegspfaden zu verdrängen.
Der Fall des Sprachaktivisten Tashi Wangchuk zeigt, wie hoch der Preis für den Einsatz für die sprachlichen Rechte in Tibet sein kann. 2016 wurde er festgenommen und 2018 wegen “Anstiftung zum Separatismus” zu fünf Jahren Haft verurteilt, zusätzlich wurden ihm für fünf Jahre nach der Haft politische Rechte wie Meinungs- und Versammlungsfreiheit sowie das Wahlrecht entzogen. Auch nach seiner Freilassung 2021 wurde er überwacht, eingeschüchtert und körperlich angegriffen, wie das Tibetan Centre for Human Rights and Democracy und die International Campaign for Tibet dokumentieren.
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Assimilation per Gesetz
Seit dem 1. Juli 2026 ist das „Gesetz zur Förderung der ethnischen Einheit und des Fortschritts“ in Kraft. Es macht zu geltendem Recht, was die Kommunistische Partei Chinas gegenüber Tibeter*innen, Uigur*innen, Mongol*innen, Hui und weiteren Gemeinschaften seit Jahrzehnten praktiziert: die Unterordnung von Sprache, Religion, Bildung und Familie unter ein staatlich vorgeschriebenes, Han-chinesisch geprägtes Einheitsverständnis. Alle ethnischen Gruppen sollen ein „starkes Gemeinschaftsbewusstsein der chinesischen Nation“ entwickeln. Der Staat muss dem Hochchinesischen auch dort Vorrang geben, wo andere Sprachen verwendet werden, und Eltern sollen ihre Kinder zur Liebe zur Kommunistischen Partei erziehen. Der Deckmantel „Einheit und Fortschritt“ bedeutet für die Betroffenen die Auslöschung ihrer Kultur und Identität.
Das Gesetz sieht zudem vor, dass auch Organisationen und Einzelpersonen außerhalb Chinas verfolgt werden können, wenn sie aus Sicht Pekings die „ethnische Einheit“ untergraben. Das betrifft auch die schätzungsweise 130.000 bis 150.000 Tibeter*innen im Exil, die meisten von ihnen in Indien und Nepal, zunehmend auch in Nordamerika und Europa. Für sie schafft das Gesetz eine weitere rechtliche Grundlage für Einschüchterung und Verfolgung, etwa über Druck auf Angehörige in Tibet.
Folter und Repression gegen tibetische Aktivist*innen
Aktuelle Schicksale von Menschenrechtsverteidiger*innen zeigen: Wer sich in Tibet für Sprache, Kultur oder Religionsfreiheit einsetzt, lebt gefährlich. Ehemalige politische Gefangene berichten seit Jahren über Folter und Misshandlungen in chinesischer Haft.
Ein weiterer aktueller Fall verdeutlicht die Brutalität staatlicher Repression: Im Mai 2024 nahmen die Behörden im Bezirk Darlag (Golog) über 20 Tibeter*innen fest, die sich an einer Kampagne für die tibetische Muttersprache beteiligt hatten. Unter ihnen war der Dorfvorsteher Gonpo Namgyal. Er starb Ende 2024 wenige Tage nach seiner Freilassung aus der Haft. Exilmedien und Menschenrechtsorganisationen berichteten von Spuren schwerer Misshandlung an seinem Körper. Da unabhängige Untersuchungen fehlen, sind viele Details von außen nicht überprüfbar. Der Fall steht jedoch exemplarisch für das hohe Risiko, das tibetische Aktivist*innen tragen.
Der verschwundene Panchen Lama
Ein besonders prägnantes Beispiel für Chinas Eingriffe in den tibetischen Buddhismus ist das Schicksal des Panchen Lama. Als zweithöchste geistliche Autorität des tibetischen Buddhismus nach dem Dalai Lama kommt ihm eine herausragende religiöse und symbolische Bedeutung zu. 1995 erkannte der Dalai Lama den Jungen Gedhun Choekyi Nyima als nächsten Panchen Lama nan. Kurz nach seiner Ankerkennung verschwand das Kind gemeinsam mit seiner Familie. Bis heute gibt es keine unabhängige Bestätigung über seinen Aufenthaltsort. UN-Expert*innen haben China wiederholt aufgefordert, das Schicksal des Panchen Lama offenzulegen. Stattdessen setzte die chinesische Regierung einen eigenen Panchen Lama ein, der von vielen Tibeter*innen nicht anerkannt wird.
Der Streit um die Nachfolge des Dalai Lama
Der Dalai Lama bleibt für viele Tibeter*innen die wichtigste religiöse Autorität. Die chinesische Regierung bezeichnet ihn hingegen als “Separatisten” und versucht, seinen Einfluss zu begrenzen.
Besonders konfliktgeladen ist die Frage seiner Nachfolge. Die Regierung in Peking beansprucht, über die Anerkennung einer künftigen Reinkarnation mitentscheiden zu können. Der Dalai Lama widersprach dem ausdrücklich im Jahr 2025 und stellte klar, dass allein die von ihm eingesetzte Institution über seine Nachfolge entscheiden kann. Die staatliche Einmischung in diese religiöse Frage ist ein direkter Angriff auf die Religionsfreiheit und auf das Recht der Tibeter*innen auf spirituelle Selbstbestimmung.
Stand: September 2026
Autorin: Mirjam Kobold
Redaktion: Sarah Neumeyer








