Die Uigur*innen sind ein muslimisches Turkvolk, das überwiegend in Ostturkestan lebt. Die Region im Nordwesten Chinas wird von der chinesischen Regierung als „Xinjiang“ bezeichnet.
In Ostturkestan leben rund 11 Millionen Uigur*innen. Außerdem leben etwa 425.000 Uigur*innen in Usbekistan, Kasachstan und Kirgisistan. Ihre Sprache gehört zur türkischen Sprachfamilie und unterscheidet sich deutlich vom Mandarin-Chinesischen.
Seit der Gründung der Volksrepublik China 1949 steht die Region Ostturkestan unter chinesischer Kontrolle. Nach der Einrichtung der Autonomen Region Xinjiang in den 1950er Jahren nahm die Zuwanderung von Han-Chines*innen, der ethnischen Mehrheitsbevölkerung Chinas, stark zu. Besonders seit den 1990er Jahren verschärften sich wirtschaftliche Ungleichheiten und ethnische Spannungen.
Völkermord an den Uigur*innen in China
Seit 2016/2017 hat die Repression gegen Uigur*innen und andere muslimische Gemeinschaften eine neue Dimension erreicht. Internationale Beobachter*innen, Menschenrechtsorganisationen wie die GfbV und UN-Gremien dokumentieren ein System aus Internierung, Überwachung, Zwangsarbeit, Familientrennungen und massiven Eingriffen in Religion, Sprache und kulturelles Leben.
Das UN-Hochkommissariat für Menschenrechte hielt 2022 fest, dass das Vorgehen gegen Uigur*innen und andere muslimische Minderheiten in Ostturkestan Verbrechen gegen die Menschlichkeit darstellen könnte. Die GfbV stuft das Vorgehen der chinesischen Regierung als Genozid an den Uigur*innen ein. Auch die Parlamente mehrerer Staaten, weitere Menschenrechtsorganisationen und der wissenschaftliche Dienst des Bundestages sprechen von einem Völkermord.
Umerziehungslager und politische Indoktrination
Ein zentrales Instrument der Repression sind die Umerziehungslager, die die chinesische Regierung als „Berufsbildungszentren“ oder „Trainingszentren“ bezeichnet. Seit 2017 wurden dort mindestens Hunderttausende, vermutlich mehr als eine Million Uigur*innen und Angehörige anderer muslimischer Minderheiten festgehalten. Die Lager waren Teil eines umfassenden Systems aus Überwachung, politischer Indoktrination und Zwang zur Anpassung an die Vorgaben der Kommunistischen Partei.
Inhaftierungen erfolgten häufig willkürlich. Bereits alltägliche religiöse oder kulturelle Praktiken, Kontakte ins Ausland, uigurische Lieder, Gebete oder die Nutzung bestimmter Apps konnten ausreichen, um Menschen als verdächtig einzustufen. Ehemalige Inhaftierte und Insider aus dem Sicherheitsapparat berichten von brutalen Verhören, Misshandlungen, sexualisierter Gewalt und fehlender medizinischer Versorgung. Berichte weisen darauf hin, dass zahlreiche Betroffene weiterhin in Gefängnissen festgehalten werden oder in Zwangsarbeitsprogramme überführt wurden.
Islam unter staatlicher Kontrolle
Für viele Uigur*innen ist der sunnitische Islam ein zentraler Bestandteil ihrer Identität. Gerade deshalb steht die religiöse Praxis im Fokus staatlicher Kontrolle. Die chinesische Regierung strebt in Ostturkestan die sogenannte „Sinisierung“ von Religion an. Religiöse Ausdrucksformen sollen der Ideologie der Kommunistischen Partei untergeordnet werden.
Im Zuge dieser Politik wurden zahlreiche Moscheen, Koranschulen und Friedhöfe beschädigt, zerstört oder umgewidmet. Islamische Lebensformen werden zunehmend als sicherheitspolitisches Problem behandelt. Unter dem Deckmantel der Terrorismusbekämpfung wird jegliche religiöse Praxis verfolgt und sanktioniert. Dies stellt einen grundlegenden Eingriff in die Religionsfreiheit der uigurischen Gemeinschaft dar.
Uigurische Sprache und Kultur werden zurückgedrängt
Die Repression richtet sich auch gegen Sprache, Bildung und kulturelle Weitergabe. Uigurisch verliert im öffentlichen und schulischen Alltag zunehmend an Raum, während Mandarin zur dominanten Sprache von Bildung, Verwaltung und sozialem Aufstieg gemacht wird.
Diese Entwicklung ist Teil einer umfassenden staatlichen Politik, die darauf abzielt, kulturelle Unterschiede zu reduzieren und die uigurische Bevölkerung stärker an die Normen und die Ideologie der Kommunistischen Partei anzupassen.
Familientrennungen und staatliche Zwangsinternate
Besonders einschneidend wirkt diese Politik im Bildungssystem selbst. Viele uigurische Kinder wurden in staatliche Internate gebracht.
Dies greift tief in das Familienleben ein: Kinder leben oft über lange Zeit getrennt von ihren Eltern. In den Internaten spielen uigurische Sprache, Geschichte und kulturelle Praxis im Alltag kaum eine Rolle. Stattdessen werden die Kinder frühzeitig auf politische Linientreue ausgerichtet.
Die Kombination aus räumlicher Trennung und staatlich kontrollierter Bildung führt dazu, dass familiäre Bindungen geschwächt und kulturelle Weitergabe systematisch unterbrochen wird.
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Zwangsarbeit und globale Lieferketten
Zwangsarbeit ist ein zentrales Element des staatlichen Kontrollsystems in Ostturkestan. Uigur*innen werden, teils unter dem Vorwand der Armutsbekämpfung, in staatlichen Arbeitsprogrammen in Landwirtschaft, Industrie und Dienstleistungssektoren eingesetzt. Dies geschieht häufig unter Bedingungen, die ihre Bewegungsfreiheit, Entscheidungsfreiheit und Möglichkeit zur Ablehnung massiv einschränken. Für die aufgezwungenen Arbeitsprogramme werden Uigur*innen oft in Werken tausende Kilometer von ihrer Heimat in Ostturkestan eingesetzt.
Die wirtschaftliche Relevanz der Region macht diese Politik zu einem internationalen Wirtschafts- und Menschenrechtsthema. Ostturkestan ist ein wichtiger Standort für Baumwollanbau, Erdölgewinnung, Bergbau und verarbeitende Industrie. Über globale Lieferketten gelangen Produkte aus Zwangsarbeit aus der Region auf internationale Märkte, auch in die EU und nach Deutschland.
Auch deutsche und europäische Unternehmen produzieren in Ostturkestan und stehen deshalb in der Verantwortung. Der Fall von Volkswagen ist ein besonders eindrückliches Beispiel. VW betrieb ein Werk in Ürümqi und eine Teststrecke in Turpan in Ostturkestan. Die GfbV und weitere Menschenrechtsorganisationen kritisierten über Jahre, dass der Konzern trotz Beweisen über Menschenrechtsverletzungen und schwerem Verdacht auf Verbrechen gegen die Menschlichkeit wirtschaftlich präsent blieb. Der Rückzug von Volkswagen aus Ostturkestan im Jahr 2024 war ein wichtiger, aber lang überfälliger Schritt. Bis heute hat der Konzern die Menschenrechtslage in Ostturkestan und die eigene Verantwortung nicht thematisiert.
Geburtenkontrolle und Eingriffe in Familienleben
Neben Zwangsarbeit und Internierung greifen weitere staatliche Maßnahmen tief in das Familienleben der Uigur*innen ein. Besonders gravierend sind Berichte über systematische Eingriffe in die körperliche Selbstbestimmung. Die Geburtenrate unter uigurischen Frauen ist in den vergangenen Jahren stark gesunken, was von Menschenrechtsorganisationen und Forschenden auf staatliche Zwangsmaßnahmen wie Sterilisierungen, die umfassende Kontrolle über Fortpflanzung und Familienplanung sowie die Inhaftierung großer Teile der erwachsenen Bevölkerung zurückgeführt wird.
Geschlechtsspezifische Gewalt wird gezielt als Mittel politischer Kontrolle eingesetzt. Betroffene und Organisationen dokumentieren sexualisierte Gewalt in Lagern und Gefängnissen. Gleichzeitig gibt es Hinweise auf staatlichen Druck auf Uigurinnen, Beziehungen oder Ehen mit Han-chinesischen Männern einzugehen.
Uigurische Intellektuelle, Kulturschaffende und Zivilgesellschaft im Visier
Die Repression trifft auch uigurische Wissenschaftler*innen, Autor*innen, Künstler*innen und andere öffentliche Stimmen. In den vergangenen Jahren verhängte die chinesische Regierung immer wieder lange Haftstrafen. Der Fall des Wirtschaftswissenschaftlers Ilham Tohti steht exemplarisch für diese Entwicklung. Tohti hatte sich für Verständigung und ein gerechteres Zusammenleben verschiedener Ethnien innerhalb Chinas eingesetzt. Er wurde 2014 wegen vermeintlicher „Anstiftung zum Seperatismus“ zu lebenslanger Haft verurteilt. Die GfbV setzt sich für seine Freilassung ein.
Transnationale Repressionen gegen Uigur*innen in Deutschland
Für viele Uigur*innen endet die Verfolgung nicht mit der Flucht ins Ausland. Uigurische Exilgemeinschaften sind auch in Deutschland das Ziel ((transnationaler Repression)). Sie berichten von systematischer Überwachung und Druck. Bei Demonstrationen und kulturellen Veranstaltungen werden Teilnehmende fotografiert, mutmaßlich durch Personen im Umfeld staatlicher chinesischer Akteure. In mehreren Fällen wurden diese Bilder später Familienangehörigen in Ostturkestan vorgelegt, verbunden mit Drohungen oder der Aufforderung, den Kontakt abzubrechen. Viele Uigur*innen im Exil berichten, dass Verwandte verhört, bedroht oder inhaftiert werden, wenn sie sich im Ausland politisch äußern.
Hinzu kommen digitale Formen der Repression: Aktivist*innen berichten von gehackten Accounts, Phishing-Versuchen, Überwachungssoftware sowie unerwünschten Anrufen, in denen sie unter Druck gesetzt werden, Informationen über andere Mitglieder der Community weiterzugeben.
Stand: September 2026
Autorin: Mirjam Kobold
Redaktion: Sarah Neumeyer









