Mit großen Schritten geht Mehdi auf die dunkle Bergkette zu, die sich vor uns auftürmt. Er treibt die Esel mit Steinwürfen an und dreht sich kein einziges Mal um. Seine Mutter sieht uns noch einen Augenblick nach, hebt kurz die Hand und macht sich dann sofort wieder an die Arbeit. „Sag Bismillah“, murmelt er mir zu, „das heißt `im Namen Gottes`“.
Der Tross setzt sich unter ohrenbetäubendem Geschrei in Bewegung und lässt die Lagerplätze, an denen noch bis gestern die schwarzen Ziegenhaarzelte standen, hinter sich. Ein paar Esel, zweihundert Schafe und Ziegen und eine Handvoll Menschen. Vor ihnen liegen zwei schneebedeckte Pässe in viertausend Metern Höhe, dahinter der lange Abstieg in die Halbwüste Khuzestans. Alles in allem rechnet man mit sechs bis zehn Tagen Wanderung zuerst in großer Kälte, dann in großer Hitze. Wenig Schlaf, dafür viele Wölfe und jede Menge Viehdiebe.
Das Gefühl der Verlorenheit und Einsamkeit, das einen in einer derart überdimensionierten Landschaft leicht überfallen kann, verschwindet, als wir die erste kleine Anhöhe erreichen. Sowohl über uns als auch in der Ebene sehen wir von hier aus Menschen und Tiere, die den Gipfeln des Kuhrang entgegenziehen. Die Landschaft gerät in Bewegung – am Horizont verdecken wabernde Herden lange Abschnitte der Straße, die zu uns herführt, in den Felsen kämpfen sich überall kleine Gruppen von Tieren bergauf. Zwei weitere Eselskarawanen balancieren auf einem Kamm oberhalb unseres Weges. Die Frauen tragen funkelnde Festtagsgewänder in allen Farben, an denen überall Schmuckimitation baumelt und in der Sonne zu uns herunterblinkt. Ihre schrillen Rufe kreuzen sich und zerschneiden die Luft an den trockenen Felsen.
Es ist die Herbstmigration der iranischen Bakthiari-Nomaden, die aus den Hochebenen des Zagros-Gebirges in die Winterlager der westlich gelegenen Ebenen führt. Seit Jahrhunderten ist diese Reise bis in alle Einzelheiten strukturiert; wer den zeitlichen Ablauf oder die Strecke ändert, riskiert Konflikte mit anderen Gruppen, vernichtenden Futtermangel oder den Absturz der schwer beladenen Esel.
In den vergangenen Nächten kamen die ersten Fröste und ließen Mehdi und seinen älteren Cousin Asghar spüren, dass es höchste Zeit wird, in den warmen Winter des Flachlandes aufzubrechen. Doch die Entscheidung liegt bei den alten Männern, den Vorstehern der Familienverbände, die sich untereinander abstimmen und den genauen Zeitpunkt der Abreise für jede Kernfamilie festlegen. Asghar, der während der Wintermonate Landwirtschaftsstudent ist, wurde von seinem Vater dazu ausersehen, zusammen mit seinem Onkel und vier jungen Verwandten die Herden über die Berge zu bringen. Er treibt die Esel mit Stockhieben vor uns her. Schon am frühen Nachmittag haben wir die Gletscher an den östlichen Hängen überwunden und erreichen den ersten Sattel des Kuhrang, des „Berges der Farben“.
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