Dr. Matin Qaim forscht als Schlegel-Professor für Agrarökonomie an der Universität Bonn. Er ist Mitglied der Deutschen Nationalen Akademie der Wissenschaften (Leopoldina), Fellow der American Agricultural and Applied Economics Association (AAEA) und Präsident der International Association of Agricultural Economists (IAAE). Wir sprachen mit dem Direktor des Zentrums für Entwicklungsforschung (ZEF) über die Chancen von Cash Crops, malthusianische Untergangsszenarien und die Frage, wie wir zehn Milliarden Menschen gesund und nachhaltig ernähren können.
Ja, sowohl in Bezug auf die Menge als auch die Qualität der Nahrung. Das würde sogar für zehn Milliarden Menschen funktionieren, und das ist eine gute Nachricht. Wir stecken nicht in einem malthusianischen Untergangsszenario (eine Theorie, die auf den britischen Ökonomen Thomas Robert Malthus zurückgeht und postuliert, dass die Bevölkerungsanzahl irgendwann die verfügbaren Ressourcen übersteigt, Anm. d. Red.), sondern können etwas tun. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass wir dringend mehr tun müssen …
… denn der Hunger auf der Welt ist real. Was sind die größten Treiber?
Um Lebensmittel zu produzieren, braucht es zunächst fruchtbares Land und Wasser. Beides ist ungleich verteilt, sowohl geografisch als auch zwischen den Menschen in einer Region.
Wir haben uns zuletzt intensiv mit den Folgen des Klimawandels beschäftigt. Unter diesen leiden vor allem die Menschen im Globalen Süden, an Hunger ebenfalls …
Das stimmt. Der Klimawandel ist für die Ernährungssicherung eine große Herausforderung, aber leider nicht die einzige. Denn auch ohne die Folgen des Klimawandels gibt es Hunger auf der Welt.
In einem Interview mit dem Standard haben Sie gesagt, dass ein afrikanischer Kleinbauer im Schnitt eine Tonne Getreide pro Hektar erntet. Möglich wäre mehr als das Fünffache. Klingt das einfacher als es ist?
Der Weg, um dieses Potenzial auszuschöpfen, ist relativ lang. Aber aus meiner Sicht müssen wir einen Gedanken voranstellen: Das Ziel kann nicht sein, dass jeder auf seiner eigenen Scholle genügend Nahrung für sich und seine Familie produziert. Dann hätten wir weltweit viele Milliarden Kleinbauern, aber so funktioniert natürlich Entwicklung nicht. Auch die Idee, dass jedes Land in Bezug auf Lebensmittel selbstversorgend sein sollte, teile ich nicht.
Verstanden. Und der Kleinbauer …
… wirtschaftet heute unter Bedingungen, die weite Teile des technologischen Fortschritts nicht aufgreifen – vor allem in Afrika. Hier geht es nicht nur um Maschinen, sondern auch um Infrastruktur und Bewässerungsfragen. Die politische Situation in den Ländern ist häufig überlagert von Korruption und Konflikten, die es den Menschen schwer machen.
Viele Menschenrechts- und Umweltorganisationen wollen indigene Gemeinschaften und Minderheiten vor dem Markt schützen. Sie sagen, dass das Gegenteil, nämlich Zugang zum Markt zu mehr Souveränität führen kann. Wie erklären Sie sich diese unterschiedlichen Perspektiven?
Gerade in Kreisen, die wenig ökonomisch vorgebildet sind, wird der Markt häufig als Bedrohung wahrgenommen. Das kann ich nachvollziehen, weil man mit dem Begriff oft Dinge wie multinationale Konzerne oder Handelsabhängigkeiten assoziiert. Deshalb ist es wichtig, zu definieren, was wir Ökonomen als Markt bezeichnen – und das sind eben nicht Monopolstrukturen. Der Markt muss wettbewerbsfähig sein, dann ist er eine Voraussetzung für vernünftige Arbeitsteilung, und die löst Fortschritt für alle aus. Es gibt ja einen Grund, warum die meisten von uns nicht versuchen, sich im Vorgarten selbst zu ernähren oder die eigenen Schuhe zu nähen. Und dieses Phänomen gilt natürlich auch für kleinbäuerliche Kontexte beispielsweise in Afrika.

Neigen wir dazu, die Selbstversorgung im Globalen Süden zu verklären?
Auf jeden Fall. Die meisten dort lebenden Kleinbauern wollen nicht subsistent sein. Sie sind es, weil die Märkte nicht funktionieren und sie keinen ausreichenden Zugang dazu haben. Die wenigsten dieser Menschen sind auf ihrem halben Hektar glücklich und wünschen sich, dass ihre Kinder später genauso kärglich leben. Das ist durch zahlreiche Studien belegt.
Was braucht es denn für einen funktionierenden Markt?
Zum Beispiel Straßen, Kühlmöglichkeiten, Handelsplätze. Wenn das alles nicht vorhanden ist, gibt es gute Gründe dafür, subsistenzorientiert zu leben. Die politische Konsequenz daraus sollte jedoch sein, in den Ländern durch Investitionen die Märkte und den Marktzugang zu verbessern und nicht die Subsistenz zu erhalten.
In Deutschland ernährt ein Vollzeitbeschäftigter in der Nahrungsmittelerzeugung derzeit etwa 124 Menschen. 123 können sich also mit anderen Dingen beschäftigen …
Genau. Wären wir alle damit beschäftigt, unsere Nahrung selbst zu erzeugen, bliebe am Ende kein Einkommen für andere Ausgaben übrig. Unser Wohlstand kommt daher, dass wir nur noch zehn bis zwölf Prozent unseres Einkommens für Nahrung aufwenden müssen und vom Rest Kleidung, Wohnung, Bildung, Gesundheit, Sozialsysteme oder Smartphones kaufen können.


Würde es die Akzeptanz für den Markt vielleicht erhöhen, wenn Ökonomen die gegenwärtigen Auswüchse deutlicher kritisieren würden?
Für einen Ökonomen gibt es im idealen Markt Wettbewerb; dazu braucht es Transparenz und sowohl viele Anbieter als auch Nachfrager. Was wir als Gesellschaft wollen, sind faire Ergebnisse. In vielen Situationen kann der Markt das leisten, in manchen aber auch nicht. Dann können wir ihm Regeln setzen oder unabhängig vom Markt beispielsweise soziale Sicherungssysteme einführen.
Was denken Sie über Saatgutmonopole oder Konzerne wie Nestlé oder Bayer? Sind die so schlimm wie ihr Ruf?
Monopolsituationen gehören reguliert, weil sie für die Gesellschaft nicht gut sind. Wir reden aber gern davon, wo es in Wirklichkeit gar kein Monopol gibt – zum Beispiel beim Saatgut. Und was die Konzerne angeht: Große Akteure im Markt sind differenziert zu betrachten. Sie treiben Innovationen voran, üben aber auch politischen Einfluss aus. Deshalb sollte man hier genau hinschauen, und das geschieht ja auch. Häufig wird die Profitorientierung der Konzerne kritisiert. Profite an sich sind allerdings nicht grundsätzlich schlecht; sie schaffen Arbeitsplätze und Wohlstand – nur sollten sie nicht auf Kosten anderer entstehen.
Sie sehen in Cash Crops wie Palmöl und Avocados eine Chance für die Kleinbauern. Warum?
Wer für den Markt anbaut, kann in der Regel ein höheres Einkommen erwirtschaften als mit Food Crops für die eigene Versorgung. Mit diesem Einkommen können sich die Menschen gesünder ernähren und gleichzeitig andere Grundbedürfnisse erfüllen. Wir haben gerade eine Studie mit fast 70.000 Beobachtungen für sechs afrikanische Länder abgeschlossen, aus der klar hervorgeht, dass der Anbau von Cash Crops positiv mit Ernährung assoziiert ist. Ich würde trotzdem niemandem raten, nur auf eine Pflanze zu setzen, sondern sowohl Cash Crops als auch Food Crops anzubauen und mit den Erlösen aus dem Verkauf die Anbaubedingungen für beides zu verbessern.
Was ist mit den negativen Begleiterscheinungen – der Abholzung des Regenwaldes zum Beispiel?
Die Abholzung und generell die Ausdehnung der Anbau- und Weideflächen sind massive Probleme für den Artenschutz und die Treibhausgasemissionen. Aber der Regenwald wird nicht abgeholzt, weil die Bauern Ölpalmen statt Reis anbauen, sondern weil wir weltweit eine steigende Nachfrage nach Speiseöl und anderen Agrarprodukten haben und die Ertragszuwächse derzeit nicht ausreichen, um dieser Nachfrage zu begegnen. Deshalb findet eine Flächenexpansion statt.
Können wir das einmal am Beispiel des Speiseöls genauer betrachten?
Gern. Die Nachfrage nach Pflanzenöl ist weltweit hoch, und die Ölpalme ist die ertragreichste Pflanze, um diese Nachfrage zu bedienen. In der Folge wird sie dort angepflanzt, wo die Bedingungen besonders gut sind, und es wird Regenwald abgeholzt. Wir könnten natürlich sagen, dass wir der Nachfrage mit unserer hiesigen Rapsproduktion begegnen. Raps liefert aber pro Hektar nur ein Viertel des Ölertrags der Ölpalme. Wir müssten also auf viel mehr Feldern Raps statt z. B. Getreide anbauen. Die Getreidenachfrage bliebe aber bestehen, so dass dann Bauern in Indonesien oder Brasilien Regenwald für den Getreideanbau roden würden, mit niedrigeren Erträgen als bei uns. Insgesamt würden wir weltweit dann noch mehr Fläche beanspruchen. Der entscheidende Ansatz, um die Rodung zu stoppen, ist also, die Erträge pro Fläche zu steigern.
Wie blicken Sie auf Produkte wie Biodiesel oder die geplante Biotreppe der Bundesregierung, die fossilen Brennstoffen Biogas oder -öl beimischen soll?
Ich halte das für verfehlt – und zwar nicht, weil ich etwas gegen erneuerbare Energien hätte, sondern schlicht, weil Biodiesel keine effiziente Nutzung der knappen Ressource Land darstellt. Selbst in Deutschland, wo die Sonne nicht so viel scheint wie weiter südlich, kann man mit Photovoltaik pro Hektar Land zehnmal mehr Energie gewinnen als mit Raps, der zu Biodiesel verarbeitet wird. Auf Biokraftstoffe aus der Ackerproduktion zu setzen, ist keine effiziente Strategie. Was wir hier erleben, ist vor allem der fehlende Mut der Regierungen, klare Entscheidungen zu treffen.
Bei der effizienten Nutzung von Flächen müssen wir auch über den Fleischkonsum sprechen, oder?
Die EAT-Lancet-Studien haben für zehn Milliarden Menschen sehr detailliert berechnet, wie wir die Weltbevölkerung gesund ernähren können, ohne die planetaren Grenzen zu überschreiten. Eine wichtige Stellschraube ist hierbei die Veränderung unserer Ernährungsmuster. Dazu gehören deutlich weniger Fleisch und Milchprodukte. Wir essen zu wenig Gemüse und Hülsenfrüchte für eine gesunde und nachhaltige Ernährung. Die zweite Stellschraube ist Technologie. Wir beobachten heute deutlich geringere Ertragszuwächse als noch vor 20 Jahren.
Woran liegt das?
Ein großes Problem ist der Glaubenssatz, dass genug Nahrung vorhanden sei und es nur ein Verteilungsproblem gäbe. Das ist ein gefährlicher Gedanke. Denn es mag zwar als Momentaufnahme genügend Kalorien auf der Welt geben, aber definitiv keine gesunde Ernährung für alle und beides schon gar nicht bei weiter wachsender Nach-frage. Und auch die Umverteilungsprozesse zu organisieren, ist nicht einfach. Denn in demokratischen Systemen findet ja keine Zuteilung von Lebensmitteln durch den Staat statt. Obwohl ich mir hier manchmal mehr Lenkungswirkung wünschen würde.
In Form einer Zuckersteuer?
Zum Beispiel. Ich wäre auch ein Befürworter einer Fleischsteuer. Wir sollten anfangen, die richtigen Weichen zu stellen und externe Effekte negativer Art einzupreisen.
Ich habe gelesen, dass sie sich in ihrer Promotion eigentlich mit den negativen Folgen von grüner Gentechnik beschäftigen wollten und dann im Zuge der Forschung Ihre Überzeugung geändert haben.
In jungen Jahren zählte ich wie viele zu denen, die weitverbreitete Sichtweisen teilen: Zum Beispiel Gentechnik ist schlecht und gefährlich. Aber das musste ich später aufgrund besserer Einsichten und Erkenntnisse revidieren.

Was denken Sie heute?
Das Problem ist, dass wir im Bereich Gentechnik über die letzten 30 Jahre leider viel zu wenig Entwicklungen gesehen haben, weil durch eine sehr ineffiziente Überregulierung kaum etwas zugelassen worden ist. Dadurch konnte die grüne Gentechnik die hochgesteckten Erwartungen bisher kaum erfüllen; die öffentlichen Vorbehalte sind geblieben. Es gäbe aber das Potenzial, Pflanzen genomisch so zu verändern, dass sie produktiver, umweltfreundlicher und resilienter wachsen. Und wenn wir weniger Pestizide und Düngemittel verwenden wollen, werden wir auch neue Züchtungstechnologien brauchen.
Ein Schwerpunkt der GfbV sind Indigene Völker und Minderheiten, für die Ernährung oft mehr ist als Nahrungsaufnahme, nämlich Teil der eigenen Identität. Wie blicken Sie auf den Begriff der Ernährungssouveränität?
Der Begriff wird unterschiedlich definiert und verwendet. Ich würde Souveränität als die Freiheit definieren, selbst zu entscheiden. Bezogen auf Indigene Völker würde das bedeuten, dass sie ihre Lebensweise selbst festlegen, und es ist ja auch kein Zufall, dass es auf dem afrikanischen Kontinent in bestimmten Regionen Hirtenvölker gibt, die extensive Landwirtschaft mit Rindern oder Ziegen betreiben. Für Ackerbau wäre es dort viel zu trocken. Entscheidend für den Schutz der Souveränität ist in diesen Fällen vor allem die Sicherung der Landrechte …
… weil Landraub die Freiheit der Menschen bedroht?
In vielen afrikanischen Regionen gehört das Land formal dem Staat und die Menschen haben gewisse Nutzungsrechte. Diese sind häufig aber kaum formal verbrieft, sodass externe Investoren beispielsweise über die Bestechung einzelner Regierungsmitglieder Land unter Wert erwerben können, ohne dass die dort lebenden Menschen ihre Zustimmung gegeben haben. Grundsätzlich können Investoren ja durchaus Geld, neue Technologien und damit auch Fortschritt bringen, aber dafür muss es eben transparent und fair zugehen.
Souveränität als Freiheit der Entscheidung, kann aber auch bedeuten, selbstbestimmt Cash Crops wie Ölpalmen anzubauen?
Natürlich. Unsere Sicht auf traditionelle Lebensweisen und der Wunsch, diese zu konservieren, können bisweilen schon neokoloniale Züge annehmen.
Das müssen Sie erklären!
Ich habe dazu eine kleine Anekdote aus Indonesien, wo wir lange zum Landnutzungswandel geforscht haben. Die indonesische Regierung hat sich damals stark dafür engagiert, dass sich Firmen, die in Ölpalmen investieren wollten, mit der lokalen Landbevölkerung verständigen. Das hat nicht überall geklappt, aber es war eine sinnvolle Initiative. Zugleich gab es europäische NGOs, die den Menschen erzählt haben, dass die Ölpalme schlecht für sie sei. Diese NGOs haben dann Kamerateams zu einigen Vorzeigedörfern gebracht, wo lokale Bauern betonten, dass sie keine Ölpalmen wollen. Wir waren aber viel länger vor Ort, als diese Medienkampagnen dauerten.
Und?
Wir haben in der Region repräsentative Stichproben gemacht und in den Dörfern nachgefragt, warum die Bauern denn gegen Ölpalmen seien. Man sagte uns daraufhin in mehreren Fällen, dass man sehr wohl welche anpflanzt, denn das würde ja gewinnbringend sein. Nur mache man das eben nicht da, wo die NGOs und die Kamerateams hinkommen. Neokolonialismus kann unterschiedliche Züge annehmen, unter anderem auch das Überstülpen westlicher Überzeugungen darüber, was gut oder schlecht für die lokale Bevölkerung in anderen Teilen der Welt ist.

Sie initiieren gerade einen Sonderforschungsbereich zur Vielfalt und untersuchen Anbaumethoden in Deutschland und Ghana. Was versprechen Sie sich davon?
Vielfalt gilt gegenwärtig als universeller Handlungs- und Lösungsansatz. Wir müssten uns nur vielfältiger ernähren, vielfältiger anbauen, den Handel vielfältiger gestalten – dann würde alles besser werden. Auch ich bin überzeugt davon, dass Vielfalt hilfreich ist, aber wir sollten nicht versuchen, sie stets zu maximieren, denn mehr Vielfalt kann manchmal auch mit Kosten verbunden sein. Genau das wollen wir mit einem interdisziplinären Team untersuchen: Wie wirkt sich Vielfalt in unterschiedlichen Situationen auf die Umwelt, die Erträge und die Gesundheit aus?
Letzte Frage: Was stimmt Sie hoffnungsvoll, dass es uns gelingt, eine wachsende Weltbevölkerung gesund und ressourcenschonend zu ernähren?
Der Mensch ist ein kluges Wesen und hat historisch betrachtet viele Herausforderungen gemeistert, auch wenn es sich kurzfristig oft so anfühlt, als ob wir nicht vorankommen. Es gibt nicht den einen Trick, der alle Probleme löst, sondern wir müssen an vielen Stellschrauben gleichzeitig ansetzen: Konsummuster verändern, Landrechte stärken, technologische Weiterentwicklungen fördern. Wir sollten mutiger sein und ideologische Scheuklappen ablegen, denn die sind bei komplexen Themen oftmals hinderlich.

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