Die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) ist besorgt über die fortlaufende Umgestaltung der Lehrpläne an syrischen Schulen durch das islamistische Regime des Landes. „Mit der Unterstützung der USA, der türkischen Regierung unter Erdogan, Deutschland, Katar sowie Russland fühlen sich die neuen Machthaber in Damaskus fest im Sattel. Sie forcieren nun, was praktisch alle diktatorischen Regime vor ihnen getan haben: die Umgestaltung der schulischen Lehrpläne nach ihren ideologischen Vorstellungen“, erklärt Dr. Kamal Sido, Nahostreferent der GfbV. „Wie nun bekannt wurde, werden die Bildungseinrichtungen umfassend neu strukturiert, ideologisch vereinnahmt und eine sunnitisch-islamistische Weltanschauung vermittelt. Für ein pluralistisches, demokratisches Syrien macht das wenig Hoffnung.“
Laut Quellen der GfbV und der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte in Großbritannien werden naturwissenschaftliche Erkenntnisse in den Lehrplänen und Schulbüchern in Syrien eingeschränkt. Stattdessen rücken sunnitisch-islamistische Dogmen in den Vordergrund gestellt, während Minderheiten und Frauen durch negative Bilder oder Nichtnennung aus dem Blickfeld gedrängt werden. „Wichtige Symbole, die mit der Geschichte und dem nationalen Erbe der Assyrer-Aramäer, der griechisch-römischen Vergangenheit und der Christenheit zusammenhängen, werden aus den Lehrplänen und Büchern entfernt oder verschwiegen. Auch historische Kunst wird zensiert. In den Schulbüchern werden Frauen ohne Kopftuch viel häufiger durch Frauen mit Kopftuch oder Vollverschleierung ersetzt“, berichtet Sido.
Persönlichkeiten wie der berühmte drusische Anführer Sultan Pascha al-Atrasch, syrischer Nationalheld und Generalkommandant des syrischen Aufstands gegen die französische Kolonialmacht, oder Scheich Salih al-Ali, ein syrisch-alawitischer Anführer, der einen Aufstand gegen die französische Herrschaft in Syrien organisierte, werden aus den Schulbüchern entfernt. Gleichzeitig wird die türkisch-osmanische Herrschaft in Syrien, die von vielen Syrern als „türkisch-osmanisches Joch” bezeichnet wird, verherrlicht. Die Widerstandskämpfer, die vom Osmanischen Reich hingerichtet wurden, werden als Verschwörer dargestellt. Auch der Völkermord an Armeniern und Assyrern-Aramäern wird mit keinem Wort erwähnt.
„Machthaber Al-Scharaa und seine Regierung möchten die heranwachsende Generation ihrer Ideologie entsprechend indoktrinieren. Das gefährdet den sozialen Frieden und konterkariert elementare Bildungsstandards. Für eine nachhaltige Zukunft Syriens sind inklusive, wissenschaftlich fundierte Lehrpläne erforderlich, die Toleranz fördern und alle Teile der Gesellschaft, alle Sprachen, alle Ethnien und Religionsgemeinschaften, insbesondere die christlichen, gleichermaßen repräsentieren“, so Sido abschließend.

Dr. Kamal Sido
Referent für Nahost
Thematische Schwerpunkte:
- Ethnische-, religiöse- und sprachliche Minderheiten und Nationalitäten in Nahost
- Naher und Mittlerer Osten
- Nordafrika
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