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Alevit*innen / Alawit*innen

026_01_19. und 20.01.2026 Aktionen abgesagter Besuch al-Schaara Berlin Berlin (89)
19.01.2026 und 20.01.2026 Aktionen abgesagter Besuch al-Schaara Berlin. Foto: Betül Matur / GfbV

Das Alevitentum in der ((Türkei)) sowie das Alawitentum in ((Syrien)) sind liberale Glaubensrichtungen, die ihren Namen von Ali ibn Abi Talib, dem Schwiegersohn des Propheten Mohammed, ableiten. Im Osmanischen Reich nannte man alle Alevit*innen/Alawit*innen – egal ob arabisch, kurdisch oder türkisch – auf Arabisch „Alawiten”. Der Begriff „Aleviten” entstand erst mit der Einführung des lateinischen Alphabets durch Atatürk. Alevit*in bedeutet so viel wie „Anhänger*in von Ali”

Alevit*innen und Alawit*innen beten nicht in Moscheen, sondern in sogenannten Cem-Häusern. Die Gebete und religiösen Feste werden oft von Musik (Saz) und dem rituellen Tanz (Semah) begleitet.

Schätzungsweise gibt es weltweit 20 bis 25 Millionen Alevit*innen und Alawit*innen (Stand: 2025). Die Mehrheit lebt in der Türkei, wo zwischen 15 und 20 Millionen Alevit*innen und ein bis zwei Millionen Alawit*innen ansässig sind. Ihre Muttersprache ist dort Türkisch, Kurdisch (Kurmanci/Zazaki) oder Arabisch. Die Alawit*innen in der Türkei leben vor allem in der südlichen Provinz Hatay und in den Städten Adana und Mersin. 

In Syrien leben schätzungsweise zwei bis drei Millionen Alawit*innen (Stand: 2015), was 12 bis 15 Prozent der Bevölkerung entspricht.In Deutschland leben etwa 800.000 Alevit*innen und Alawit*innen, die überwiegend ursprünglich aus der Türkei stammen. Das Alevitentum ist in Deutschland als eigenständige Religionsgemeinschaft anerkannt. Einzigartig ist, dass sich auch das deutsche Schulsystem teilweise auf die alevitische Minderheit eingestellt hat und alevitischer Religionsunterricht in mehreren Bundesländern als Unterrichtsfach angeboten wird.

Alevit*innen in der Türkei

Das Alevitentum ist nach dem Sunnitentum die zweitgrößte Religionsgemeinschaft der Türkei. Trotzdem ringen Alevit*innen seit Jahren um Anerkennung. Ihre Glaubensinhalte unterscheiden sich stark vom sunnitischen und schiitischen Islam. Deshalb wurden die Alevit*innen über Jahrzehnte verfolgt, vertrieben und angegriffen. Im Alevitentum spielt die vorislamische, anatolische Kultur eine wichtige Rolle. Es wird ein Einswerden mit Gott gepredigt, damit der Mensch vollkommen wird. 

Bis heute wird das Alevitentum in der Türkei nicht als Glaubensgemeinschaft anerkannt. Stattdessen stuft das Präsidium für Religionsangelegenheiten (Diyanet), in dem nur Sunnit*innen arbeiten dürfen, das Alevitentum als anatolische Variante des Islams ein. Als nicht-sunnitische Gemeinschaft werden die Alevit*innen weiterhin diskriminiert und verfolgt. Die bewusste Distanzierung vieler Alevit*innen vom Islam hat zu einer Verschärfung der Unterdrückung geführt. Sie bezeichnen sich nicht länger als „liberale Muslim*innen“, sondern als eigenständige Religionsgemeinschaft.

Das Massaker von Sivas ist ein zutiefst traumatisches Ereignis in der jüngeren Geschichte der alevitischen Gemeinschaft in der Türkei. Es ereignete sich am 2. Juli 1993 in der zentralanatolischen Stadt Sivas. Anlässlich eines Kulturfestivals zu Ehren des alevitischen Dichters Pir Sultan Abdal hatten sich zahlreiche Intellektuelle, Künstler*innen und Schriftsteller*innen in Sivas versammelt. Nach dem Freitagsgebet rotteten sich Tausende radikale Islamisten zusammen und zogen vor das Madimak-Hotel, in dem die Festivalgäste untergebracht waren. Sie belagerten das Hotel und setzten es in Brand. Insgesamt 37 Menschen starben, darunter namhafte alevitische Künstler*innen, Intellektuelle und junge Tänzer*innen.

Die GfbV setzt sich für folgende Ziele ein:

  • Die Anerkennung des Alevitentums als eigenständige Religion in der Türkei ein, sowie überall dort, wo Alevit*innen leben.
  • Eine Aufarbeitung der Vergangenheit und ein offizielles Gedenken an die Opfer des Massakers von Sivas im Jahr 1993.

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Alawit*innen in Syrien

Auch wenn es Unterschiede in den Traditionen gibt, verbindet die Alawit*innen in Syrien und die Alevit*innen in der Türkei eine lange gemeinsame Leidensgeschichte. Immer wieder wurden sie von ihren sunnitischen Nachbar*innen verfolgt und massenhaft ermordet. Die arabischen, kurdischen und türkischen Alevit*innen/Alawit*innen können daher als eine Schicksalsgemeinschaft verstanden werden. 

Trotz vieler Gemeinsamkeiten gibt es auch Unterschiede zwischen Alawit*innen und Alevit*innen Als die Alawit*innen im Laufe der Geschichte im heutigen Syrien von Sunnit*innen verfolgt wurden, zogen sie sich in die Berge hinter Latakia im Westen des Landes zurück. Dort befindet sich bis heute ihr Zentrum. Angesichts des radikalen sunnitischen Islams sahen sie sich gezwungen, ihre Religion im Verborgenen auszuüben oder sich dem Sunnitentum anzunähern. So wurden viele Elemente des Sunnitentums übernommen. Einige betrachten das Alawitentum daher nicht mehr als eigenständige Religion, sondern als Teil des Islams. Auch die Assad-Familie, die von 1970 bis 2024 in Syrien regierte, spielte dabei aus opportunistischen Gründen eine wichtige Rolle. Baschar al-Assad ist sogar mit einer Sunnitin verheiratet.

Seit seiner Machtübernahme im Dezember 2024 ist das islamistische Regime von Ahmed a-Scharaa (islamistischer Kampfname: Mohammed al-Golani) für eine beispiellose Welle der Gewalt gegen ethnische und religiöse Minderheiten in Syrien verantwortlich. Bei Massakern an der alawitischen Bevölkerung im März 2025 in Latakia wurden zwischen 30.000 und 60.000 Alawit*innen ermordet, verletzt oder vertrieben. 

Die von vielen deutschen Expert*innen betonte starke Gewichtung der Unterschiede zwischen „Alawit*innen” und „Alevit*innen” wird den starken Verbindungen zwischen ihnen nicht gerecht und entspricht der Politik und dem Wunschdenken des türkischen Staates. Aus Solidarität gingen nach den Massakern im März 2025 viele Alevit*innen in Deutschland und Europa auf die Straße und hielten Plakate mit der Aufschrift „Wir sind ein Volk“ in den Händen. Die feindselige Haltung des türkischen Staates gegenüber den Alawit*innen sowie die Unterstützung der radikalen sunnitischen Islamisten in Syrien zeigen, dass der türkische Staat keinen Unterschied zwischen „Alawit*innen” und „Alevit*innen” macht. Viele Alawit*innen in Syrien sind der Meinung, dass die Türkei die syrische Mittelmeerküste von ihnen „säubern” will. Dort wolle sie eher Sunnit*innen ansiedeln, wie im kurdischen Afrîn in Nordsyrien.

Die GfbV setzt sich für folgende Ziele ein:

  • Die vollständige Anerkennung der Alawit*innen in Syrien als eigenständige Religionsgemeinschaft.
  • Das Recht der Alawit*innen, sich in ihrer Heimat im Westen Syriens autonom zu regieren
  • Die Anerkennung der Verbrechen des islamistischen Regimes in Damaskus an den Alawit*innen als versuchter Völkermord
  • Eine Aufklärung und Aufarbeitung der Verbrechen: Die Täter*innen müssen zur Rechenschaft gezogen und die Opfer entschädigt werden.

Stand: März 2026

Autor: Dr. Kamal Sido
Redaktion: Sarah Neumeyer

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Dr. Kamal Sido

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