Die heutige Republik Namibia war von 1884 bis 1915 die Siedlerkolonie Deutsch-Südwestafrika. In ihrem Streben nach Territorium enteignete die deutsche Kolonialmacht das Land der Ovaherero und Nama und beschlagnahmte unrechtmäßig Vieh. Die betroffenen Gemeinschaften leisteten immer wieder Widerstand gegen die Willkür und die Unterdrückung durch die deutschen Kolonialherren. Als sich die Ovaherero und Nama militärisch gegen die Besatzer auflehnten, begann ein Vernichtungskrieg der deutschen Kolonialmacht, der im Völkermord endete.
Vernichtungsbefehle gegen die Ovaherero und Nama
Die Ereignisse zwischen 1904 und 1908 werden heute als Genozid eingestuft, was vor allem auf die Vernichtungsbefehle von Generalleutnant Lothar von Trotha zurückzuführen ist. Am 2. Oktober 1904 erließ von Trotha einen Befehl zur Tötung aller Ovaherero und am 22. April 1905 rief von Trotha zur Vernichtung der Nama auf. Die Befehle führten zu massiven Verlusten unter den Ovaherero und Nama. Auch Damara und San wurden Opfer der Gewalt, obwohl sie nicht die Hauptziele der deutschen Truppen waren. Historiker*innen schätzen, dass 15.000 bis 20.000 Menschen in Konzentrationslager verschleppt wurden, wo sie unter unmenschlichen Bedingungen Zwangsarbeit leisten mussten. Bis 1908 verloren etwa 80.000 Ovaherero und 10.000 Nama ihr Leben, was etwa 80 bzw. 50 Prozent der jeweiligen Bevölkerungen entsprach.
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Namibia: Der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts
Für die Nachfahren der Opfer und für Historiker*innen ist klar, dass es sich um den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts handelt. Einige betrachten diese Geschehnisse als Vorläufer des Holocausts. Das Leid der namibischen Bevölkerung war jedoch mit dem Ende der deutschen Kolonialzeit nicht vorbei. Nach dem Ersten Weltkrieg kam Namibia unter südafrikanische Mandatsherrschaft. Die Apartheid wurde als ein System der staatlich kontrollierten Rassentrennung eingeführt. Mitte des 20. Jahrhunderts begannen Studierende und Arbeiter*innen, politische Gruppen zu bilden, darunter die South-West Africa People’s Organisation (SWAPO), um für die Unabhängigkeit Namibias zu kämpfen. Als friedliche Methoden scheiterten, wandte sich die SWAPO in den späten 1960er Jahren Guerilla-Aktivitäten zu, denen sich südafrikanische Militäreinheiten entgegenstellten. Nach vielen blutigen Kämpfen und etlichen Massakern gelang es 1988, militärische und politische Zugeständnisse zu erringen, was 1989 zu Wahlen und schließlich zur Unabhängigkeit des Landes 1990 führte. Seitdem ist die SWAPO die Regierungspartei Namibias.
Der andauernde Kampf der Ovaherero und Nama für ihre Rechte
Bis heute kämpfen die Nachfahren der Ovaherero und Nama um eine vollständige Anerkennung des Genozids, fordern Reparationszahlungen und die Rückgabe von Gebeinen und Kulturgütern. In Museen und Universitäten in mindestens acht deutschen Städten gibt es noch immer menschliche Knochen und Schädel aus Namibia¹.
- Berlin: Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte, Medizinhistorisches Museum der Charité
- Bremen: Übersee-Museum
- Dresden: Staatliche Ethnographische Sammlungen Sachsen im Verbund der Staatlichen Kunstsammlungen
- Frankfurt: Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum (Namibia/Botswana)
- Göttingen: Blumenbachsche Schädelsammlung im Zentrum der Anatomie der Universitätsmedizin der Georg-August-Universität, Sammlung der Historischen Anthropologie der Georg-August-Universität
- Jena: Universitätssammlungen der Friedrich-Schiller-Universität
- Karlsruhe: Staatliches Museum für Naturkunde
- Tübingen: Eberhard-Karls-Universität
Im Fokus: Grüner Kolonialismus auf Kosten der Nama
Im Süden Namibias leiden indigene Gemeinschaften bis heute unter (neo-)kolonialen Strukturen. Aktuell werden im Rahmen eines Wasserstoff-Projekts ohne die Mitbestimmung der Nama Entscheidungen gefällt, obwohl diese ihre Gemeinschaften direkt betreffen. Ein Ausdruck ihrer andauernden Benachteiligung und Marginalisierung. Wir arbeiten intensiv zur geplanten Förderung von Grünem Wasserstoff und den Auswirkungen auf die Nama im Süden Namibias.
((Mehr über unser Projekt zu grünem Wasserstoff in Namibia))
Quelle:
¹Pérez Ramírez, M. L. (2023): Umfrage zu menschlichen Überresten aus kolonialen Kontexten in Museums- und Universitätssammlungen in Deutschland, Kulturstiftung der Länder, Kontaktstelle für Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten in Deutschland.
Stand: März 2026
Autorin: Laura Mahler
Redaktion: Sarah Neumeyer









